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"Sound of Frankfurt" : Zum Techno-Beat ein Kräuterschnaps aus dem Reagenzglas

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Auch schlechtes Wetter ist kein Grund, auf die Pflege südländischen Brauchtums zu verzichten. Marco, Felix und Patrick sitzen auf der Zeil, beobachten das Publikum und trinken mit langen Strohhalmen Sangria aus einem Eimer.

          Auch schlechtes Wetter ist kein Grund, auf die Pflege südländischen Brauchtums zu verzichten. Marco, Felix und Patrick sitzen auf der Zeil, beobachten das Publikum und trinken mit langen Strohhalmen Sangria aus einem Eimer. "Die haben wir uns selber gemixt", sagt Felix und grinst. Mit seinen beiden Freunden aus Würzburg ist er angereist, um den "Sound of Frankfurt" zu erleben.

          Pünktlich zu Beginn des riesigen Open-air-Spektakels tasten sich dann doch ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Als es gegen 16 Uhr losgeht, sind viele Familien mit Kindern unterwegs, die an den Essens- und Getränkeständen vorbeibummeln, Luftballons kaufen und von den vielen Promotionleuten, die unterwegs sind, mit orangenen Hüten und Trillerpfeifen ausgestattet werden. Auch viele Samstagseinkäufer sind unter den Festbesuchern und schlendern mit ihren Tüten an den Bühnen vorbei. Die Berliner Band "El*ke" spielt als erste auf der größten Bühne an der Hauptwache. "Dafür, daß uns hier niemand kennt, sind die Leute supergut drauf", sagt Sänger Peter Donde. Den Höhepunkt erreicht die Stimmung vor der HR3-Bühne allerdings erst, als Daniel Lopes seinen Auftritt hat. Nicht nur kreischende Mädchen drängen sich rund um die Hauptwache, wo von 20 Uhr an fast kein Durchkommen mehr ist. Auch vor der VIP-Lounge stehen Teenies mit Blumensträußen und Geschenken Schlange, für Daniel, der dank "Deutschland sucht den Superstar" in diesem Frühjahr den Durchbruch geschafft hat. Michelle, 16, und Nicole, 17 Jahre alt, warten indes auf Wichtigeres. "Wir sind nur wegen der Boygroup "B3" hierhergekommen." Die beiden Mädchen aus Hanau haben die knapp 50 Euro teuren Tickets für die VIP-Lounge erstanden, um ihren Idolen näher sein zu können, doch "B3" lassen sich nicht blicken. Nun warten sie mit den anderen Fans dort, wo die Stars und Sternchen per Limousine ankommen.

          "Lea! Lea, komm mal her bitte. Wir hätten gerne ein Autogramm." Der 32 Jahre alte Markus Heck aus Fulda, der einen roten, mit Autogrammen übersäten Pullover trägt, ruft die Bremer Künstlerin zu sich und ergattert eine Unterschrift. Heck, der sonst mit Behinderten arbeitet, klappert seit mehreren Jahren Veranstaltungen systematisch ab. "Ich habe bis jetzt 2004 Autogrammkarten gesammelt", berichtet er stolz und zeigt, wo "Kool and The Gang" auf seinem Pullover unterschrieben haben.

          Unweit der Hauptwache, bei der "Red Bull Area" am Roßmarkt, hämmern harte Technoklänge. Ein Promoter verteilt kleine Reagenzröhrchen aus Plastik, die mit Kräuterschnaps gefüllt sind. Andere Firmen bieten den Festbesuchern kleine Kostproben ihrer Produkte an. Ob Griesbrei, Ravioli oder Nudelsuppe: am Stand herrscht durchweg reger Betrieb, auch wenn ein junger Mann naserümpfend behauptet: "Selbstgemacht schmeckt das aber besser!" Wer das Ganze mit einem Schuß Adrenalin toppen will, kann beim "Free Fall" für 50 Euro in die Tiefe springen. Für nur drei Euro können Schwindelfreie mit dem Kran 65 Meter mit hochfahren. Nur die Mutigsten wagen von dort aus einen Bungeesprung.

          "Celebrate good times, come on", singen "Kool and The Gang" gemeinsam mit dem enthusiastischen Publikum. Auch an der Alternative-Bühne Ecke Stiftstraße/Stephanstraße wird gerockt. Das Publikum ist hier jünger, sieht ausgeflippt aus. In einer Ecke sitzen ein paar Punks, neben sich ihre Schlafsäcke. Die Straßenrinne ist voll von leeren Weinflaschen und Bierdosen. Viele Besucher haben sich ihre Getränke selbst mitgebracht, Dosenpfand hin oder her. "Sound of Frankfurt"-Mitveranstalter Wolfgang Weynand sagt: "Den Müll, der durch mitgebrachte Getränke entsteht, können wir leider nicht verhindern. Wir haben ein System mit Pfandbechern, das sich in den vergangenen Jahren bewährt hat." Die Jugendlichen kümmert das wenig. Sie tanzen ausgelassen zum Ska-Punkrock der "D-Sailors" aus Jülich. Sänger Uli Breitenbach will keine Zeit mit langen Reden verlieren, er läßt lieber sein Saxophon zur harten Rockmusik singen. Wenige Meter weiter wird in der Reim-Area heftig gerappt, und trotz großen Gedränges um die Bühne über dem Brockhausbrunnen schaffen ein paar Jungs es, ihr Können im Breakdance zu beweisen.

          Wer es schafft, sich durch die Massen durchzudrängeln, findet in der Liebfrauenkirche ein ruhiges Plätzchen mitten im Geschehen. Stapfte der erschöpfte Festivalbesucher eben noch durch Berge von Abfall eines Fast-food-Restaurants, empfängt ihn nun ein Meer aus Teelichtern in der vollen Kirche. Flüstern und Klappern von Absätzen ist zu hören, doch kein Handy klingelt. Als Punkt zwei Uhr die Stille vom Duo "Liquid Soul" durchbrochen wird, vergißt man, daß rundherum knapp eine halbe Million Menschen unterwegs ist. Eine Wasserstichorgel produziert meditative Klänge, die zum Durchatmen einladen.

          Um kurz nach drei schart sich noch eine Menge ekstatisch tanzender Jugendlicher um die Bühne von RadioX, wo zu harten Rhythmen live übers Mikrophon gerappt wird. Auf der Zeil lichtet sich die Menge allmählich wieder, nur noch um die Bühnen drängt sich die Menge. Am Stoltzeplatz, bei der Latino-Bühne, ist die Stimmung gelöst. Caipirinha wird bis zum Abwinken gemixt, auch wenn es für einen Juliabend verhältnismäßig kalt ist.

          In den U-Bahn-Stationen ist so viel los wie an einem Arbeitstag. Die Obsthändler haben ihre Stände umgebaut und verkaufen den hungrigen Nachtschwärmern Snacks und ausnahmsweise Mixgetränke wie Wodka-Orange und Cola-Redbull. Die Rolltreppen sind vom Müll verstopft, mit der Morgendämmerung fängt die Straßenreinigung mit ihrer Arbeit an und kehrt notfalls die letzten Besucher nach Hause. ANN-KRISTIN PERSSON

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