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Studienkredit : Sofort studieren, später zahlen

Studentenprotest vor dem Sitz der Helaba in Frankfurt Bild: F.A.Z. - Pilar

Die LTH-Bank für Infrastruktur soll dafür sorgen, dass sich auch künftig jeder Abiturient den Besuch einer hessischen Hochschule leisten kann. Sie offeriert Kredite für die Bezahlung der Gebühren, die von Herbst an fällig werden.

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          Sie waren an der falschen Adresse, die Studenten, die vor anderthalb Wochen ins Foyer des Main Tower stürmten, um dort gegen die angebliche Mitwirkung der Landesbank Hessen-Thüringen am Unternehmen „Studiengebühren“ zu protestieren. Denn die LTH-Bank für Infrastruktur, die demnächst Darlehen zur Finanzierung der Gebühren vergeben wird, ist zwar eine „rechtlich unselbständige Anstalt“ der Helaba, aber ihren Sitz hat sie nicht im Frankfurter Bankenviertel, sondern am Kaiserleikreisel.

          Sascha Zoske
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch sonst wissen die meisten Gebührengegner wenig über das Kreditinstitut, das nach dem Willen der Landesregierung sicherstellen soll, dass niemand des Geldes wegen auf den Besuch einer staatlichen Hochschule verzichten muss. Bis Anfang dieses Jahres firmierte die LTH-Bank noch unter dem Namen Landestreuhandstelle, und ihre Aufgabe bestand vor allem darin, den Wohnungsbau und andere Infrastrukturprojekte zu fördern.

          Nur „ein Kästchen ankreuzen“

          Mit Hochschülern hatte sie üblicherweise nicht zu tun. Das ändert sich jetzt allmählich: Hin und wieder bekommen die Mitarbeiter von Geschäftsführer Herbert Hirschler schon Anrufe von Studenten, die wissen wollen, wie sie an den Gebührenkredit kommen.

          Ihnen empfiehlt Hirschler zunächst noch ein wenig Geduld. Beantragt werden können die Darlehen nämlich nicht bei der Bank selbst, sondern nur über die Hochschulen. Und die werden ihre Studenten bei der Einschreibung oder Rückmeldung fragen, ob sie einen Kredit wollen, wie LTH-Projektleiter Steffen Becker erläutert. Im Idealfall, so Hirschler, müssten sie auf dem Rückmeldeformular nur „ein Kästchen ankreuzen“, um das Vertragsangebot zugeschickt zu bekommen. Voraussichtlich Mitte Juni könne die Bank mit der Bearbeitung beginnen – alles weitere sei Sache der Hochschulen.

          Kreditwürdig sind alle Studenten mit Ausnahme jener, denen das Gesetz kein Darlehen zubilligt – etwa weil sie Nicht-EU-Ausländer oder älter als 45 Jahre sind. „Eine Bonitätsprüfung gibt es nicht“, hebt Hirschler hervor. Das geliehene Geld kann nur genutzt werden, um den Studienbeitrag in Höhe von üblicherweise 500 Euro je Semester zu begleichen; es wird nicht auf das Konto des Studenten, sondern direkt an die Hochschule überwiesen. Das unterscheidet das LTH-Angebot von anderen Studiendarlehen wie etwa jenem der KfW-Bankengruppe, mit denen auch Lebenshaltungskosten gedeckt werden können. Der nominale Zinssatz für den LTH-Kredit liegt derzeit bei 6,08 Prozent, er kann höchstens auf 7,5 Prozent steigen.

          Rückzahlung zwei Jahre nach dem Examen

          Bafög-Empfänger zahlen für die Semester, in denen sie vom Staat unterstützt werden, überhaupt keine Zinsen. Für sie ist das LTH-Darlehen nach Angaben Beckers die günstigste Möglichkeit der Studienfinanzierung. Gewährt wird es für die Regelstudienzeit plus vier Semester. Zwei Jahre nach dem Examen beginnt die Rückzahlung in Monatsraten von 50, 100 oder 150 Euro, aber nur dann, wenn der Nettoverdienst des Absolventen eine bestimmte Höhe überschreitet. Sie beträgt Becker zufolge 1260 Euro bei kinderlosen Alleinstehenden und 2610 Euro bei Verheirateten mit zwei Kindern.

          Summieren sich die Verbindlichkeiten aus Bafög und Studienkredit auf mehr als 15.000 Euro, wird der Betrag über der Kappungsgrenze erlassen. Außerdem werden alle Restschulden 25 Jahre nach Beginn der Rückzahlung getilgt. Becker schätzt aufgrund der Erfahrungen aus Nordrhein-Westfalen, wo schon Studiengebühren erhoben werden, dass etwa 20 Prozent der 150.000 hessischen Studenten ein LTH-Darlehen aufnehmen. Aber auch auf eine größere Nachfrage sei man vorbereitet.

          Wahrscheinlich wird die Infrastrukturbank auch für den Fonds zuständig sein, der einspringen soll, wenn Kreditnehmer das Geld nicht zurückzahlen können. Nach Beckers Schätzung dürfte die Ausfallquote aber kaum mehr als fünf Prozent betragen: Ein Hochschulabschluss sei schließlich immer noch die beste Voraussetzung für beruflichen Erfolg. Auch Studienabbrecher gefährdeten die finanzielle Balance des Systems nicht, glaubt Hirschler: „Viele von denen verlassen die Uni wegen eines lohnenden Jobs und zahlen deshalb das Geld besonders schnell zurück.“ Wie es wirklich um die Liquidität der Absolventen bestellt ist, werden die Banker allerdings erst in sechs, sieben Jahren wissen – wenn die meisten der jetzigen Anfänger ihren Abschluss gemacht haben und die Karenzzeit für die Rückzahlung verstrichen ist.

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