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Kommentar zu „Social Freezing“ : Angst vor Veränderung durch Zuzug?

Angst vor Veränderung durch Zuzug: Doch den „Ist-Zustand“ beizubehalten ist eine Sache der Unmöglichkeit – vor allem in großen Städten wie Frankfurt. Bild: Jana Mai

„Social Freezing“ anders gedacht: Viele haben Angst vor Veränderung durch Zuzug. Sie versuchen, das Hier und Jetzt „einzufrieren“. Doch kann das funktionieren? Ein Kommentar.

          Der Begriff „Social Freezing“ ist zwar schon besetzt, nämlich in der Reproduktionsmedizin, er bietet sich aber auch als Bezeichnung für eine Bewegung an, der sich immer mehr Bürger und Kommunalpolitiker im Rhein-Main-Gebiet anschließen. Sie hängen der Vorstellung an, dass es genug sei mit dem Wachstum. Sie wollen den Ist-Zustand quasi einfrieren. Besonders verbreitet ist diese Einstellung unter jenen, denen es gut geht; unter ihnen ist die Sorge um den Verlust des als angenehm empfundenen Lebens durch Zuzug am größten. Besonders anschaulich ist das in den gründerzeitlichen Vierteln der Großstädte zu beobachten. Dort sichert sich die Mittelschicht ihre Pfründe. Ihr gelingt dabei das Kunststück, den Eigennutz als soziale oder ökologische Tat zu etikettierten: sei es die Mietpreisbremse, das Umwandlungsverbot von Miet- in Eigentumswohnungen oder Proteste gegen jedes größere Neubauvorhaben.

          Am Stadtrand und in den Kommunen des Vordertaunus sind die Verhaltensmuster der Privilegierten ähnlich, nur die Argumente sind andere (und die bevorzugte Partei, in diesem Fall statt der Grünen die CDU). So warnt man vor der Entstehung eines Siedlungsbreis, als wäre das Rhein-Main-Gebiet nicht längst genau das, und entdeckt die Liebe zum wertvollen Ackerboden, die einen beim Bau des eigenen Hauses vor 20 oder 50 Jahren noch nicht umgetrieben hat. Nicht zu vergessen die Warnung davor, „Frischluftschneisen zuzubetonieren“. Merkwürdig, dass die Menschen in London oder Mexiko Stadt nicht längst erstickt sind. Am ehesten sind es Politiker der SPD, die dagegen halten. In Hanau und Offenbach treiben sie ehrgeizige Bauprogramme voran, in Frankfurt ist Planungsdezernent Mike Josef redlich bemüht, Flächen für Neubaugebiete zu finden. Unterstützung durch die Koalitionspartner CDU und Grüne im Römer findet er dabei nicht.

          Die Entwicklung ist gefährlich. Denn der Zuzug wird sich nicht durch die Verweigerung von Bauprojekten aufhalten lassen – zu stark ist die Anziehungskraft der Städte auf Migranten, Studenten, Senioren und junge Arbeitskräfte, also auf fast alle Bevölkerungsgruppen. Die Unternehmen folgen ihnen. Mehr als die Kommunen ist die Landespolitik berufen, das Ganze in den Blick zu nehmen. Doch die schwarz-grüne Landesregierung ist bisher nicht durch nennenswerte Initiativen aufgefallen, im Gegenteil. Ein paar Außenstellen von Finanzämtern in die Provinz zu verlagern, wird allenfalls dazu beitragen, den Pendlerverkehr zu verstärken. Unter dem Eis ist Bewegung, und sie wird dafür sorgen, dass es irgendwann bricht.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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