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Paulskirchen-Jubiläum : Demokratie praktisch statt museal

Die Paulskirche: Ausgangsort des deutschen Parlamentarismus. Bild: Wonge Bergmann

Vor bald 175 Jahren hat in Frankfurt die erste deutsche Nationalversammlung getagt. Die Stadt hat das „Netzwerk Paulskirche“ mit der Organisation eines Programms betraut. Das soll sich nicht in „hegemonialer Erinnerungskultur“ erschöpfen.

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          Die Veranstaltungen zum Jubiläum der ersten deutschen Nationalversammlung sollen „kein reines museales Erinnern, keine Affirmation des Gewesenen“ sein. Vielmehr solle es darum gehen, Demokratie praktisch zu erfahren, sagt Dominik Herold vom „Netzwerk Paulskirche“, das für die Organisation des Programms verantwortlich ist. Der weniger in die Vergangenheit als auf die Gegenwart und Zukunft gerichtete Blick drückt sich auch im Titel des Programms aus, das am Montag in Grundzügen vorgestellt wurde: „Demokratie im Kommen“.

          Matthias Trautsch
          Koordination Reportage Rhein-Main.

          In der Frankfurter Paulskirche tagte von Mai 1848 bis Mai 1849 die erste Nationalversammlung, im März 1849 beschlossen die Abgeordneten die Frankfurter Reichsverfassung. Das vom zivilgesellschaftlichen „Netzwerk-Paulskirche“ geplante, von der Stadt Frankfurt mit gut einer Million Euro bezuschusste Programm zum 175-Jahre-Jubiläum ist auf eineinhalb Jahre angelegt: Es soll im Herbst beginnen, vom 12. bis 17. Mai 2023 in den „Frankfurter Tagen der Demokratie“ seinen Höhepunkt finden und im März 2024 in eine „Global Assembly“ münden. Die Stadt stellt für das Jubiläum insgesamt 3,5 Millionen Euro zur Verfügung. Davon sollen unter anderem auch der Festakt mit dem Bundespräsidenten und die Angebote der städtischen Tourismusgesellschaft bezahlt werden.

          Repräsentanz im „Honoratiorenparlament“

          Das „Netzwerk Paulskirche“ plant derzeit 30 Projekte und hat dafür 40 Kooperationspartner gewonnen, darunter viele städtische Museen, das Schauspiel Frankfurt, den Forschungsverbund Normative Ordnungen, das Institut für Sozialforschung und die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung sowie zivilgesellschaftliche Akteure wie Medico international, Pro Asyl, Pulse of Europe und der Verein „Mehr als Wählen“. Gemeinsames Ziel sei es, Demokratie nicht nur als Regierungsform, sondern als „Lebensform“ zu verstehen, sagt Herold. Dabei sollten auch historische und aktuelle „Risse“ aufgezeigt werden, begonnen bei der Frage der Repräsentanz im „Honoratiorenparlament“ der Paulskirche.

          Die Veranstaltungen sollen in der ganzen Stadt stattfinden, etwa in den Bürgerhäusern und in einem „Demokratiewagen“, der in den Stadtteilen unterwegs ist. Überhaupt will das Netzwerk weniger auf klassische Formate wie Vorträge und Podiumsdiskussionen setzen, sondern „Demokratie sinnlich erlebbar machen“. Dazu sollen interaktive und künstlerische Aktionen wie sogenannte Escape-Bubbles gehören, in denen Teilnehmer ihr politisches Wissen testen, in denen sie sich aber auch spielerisch mit ihren vorgefassten politischen Einstellungen auseinandersetzen können. Damit soll gezeigt werden, „dass es Spaß machen kann, aus der Wohlfühlzone herauszukommen“, sagt Mitorganisatorin Nicole Deitelhoff, die Direktorin der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung.

          „Postkoloniale Perspektiven“

          Überdies sind laut Ben Christian von „Mehr als Wählen“ unter anderem Debattier-Trainings, Theater, Angebote wie „Demokratisches Bauen mit Kindern“ und wissenschaftliche Debatten geplant. Daneben seien auch klassische Formate der Wissensvermittlung vorgesehen, in denen es jedoch nicht nur um die Revolution von 1848 und das Paulskirchen-Parlament gehen soll, sondern jenseits einer „hegemonialen Erinnerungskultur“ zum Beispiel auch um „postkoloniale Perspektiven“.

          Wie Thomas Gebauer von Medico international sagte, sollen zu der „Global Assembly“, die von Herbst an vorbereitet werden soll, nicht die üblichen Mitglieder des „Konferenz-Jet-Sets“ eingeladen werden, sondern „einfache Menschen, die an der Basis leben“. Ziel sei es, das Verbindende in einer pluralen Welt zu zeigen. Gerade angesichts von Konflikten und erstarkendem Nationalismus sei es wichtig, das kosmopolitische Miteinander zu stärken.

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