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Markantes Kinn: Auf Basis des in Frankfurt ehedem ausgegrabenen und ergänzten Schädels entstand eine lebensnahe Rekonstruktion. Bild: Constanze Niess, AMF,

Mann aus Frankfurter Hügelgrab : Fürstlicher Blick aus der Eisenzeit

  • -Aktualisiert am

Wie mag der Mann ausgesehen haben, der in einem Hügelgrab im Frankfurter Stadtwald bestattet wurde? Eine Paläoanthropologin und eine Rechtsmedizinerin haben seinen Schädel rekonstruiert. Jetzt ist er im Archäologischen Museum zu sehen.

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          Ein Raunen geht durch die Karmeliterkirche, als Constanze Niess vorsichtig ein Stück weißer Plastikfolie auftrennt und dann emporhebt. Zum Vorschein kommt eine Büste aus hellem Kunststoff. Beifall brandet auf. Die blauen Augen unter der blonden Kurzhaarfrisur scheinen die etwa 50 Menschen, die sich an diesem Abend im Archäologischen Museum in Frankfurt versammelt haben, zu fixieren. Ein hintergründiges Lächeln umspielt die schmalen Lippen. Das ausgeprägte, etwas kantige Kinn wirkt entschlossen. Hier gibt sich ein Fürst die Ehre. Ein Wiedergänger sozusagen, denn seine sterblichen Überreste wurden bereits vor 2700 Jahren beigesetzt – im Frankfurter Stadtwald in einem mächtigen, etwa vier Meter hohen Grabhügel von mehr als 40 Metern Durchmesser.

          Niess, Rechtsmedizinerin am Frankfurter Universitätsklinikum, hat sich in den vergangenen Monaten intensiv damit beschäftigt, wie das Gesicht dieses hochstehenden Mannes der frühen Eisenzeit einst ausgesehen haben könnte. Normalerweise befasst sie sich mit namenlosen Brandopfern und anonymen Wasserleichen sowie mit Menschen, die unter Gewalteinwirkung zu Tode gekommen sind. Und leistet damit einen wichtigen Beitrag zu polizeilichen Ermittlungen. Seit 2012, erzählt die zierliche blonde Frau, gibt sie auch Menschen vergangener Epochen ihr Antlitz zurück. 40 Gesichtsrekonstruktionen habe sie seitdem angefertigt.

          Bronzeschwert und goldverziertes Messer

          Doch bevor Niess die individuellen Züge des etwa fünfzigjährigen Fürsten aus dem Stadtwald herausarbeiten konnte, musste erst einmal sein verformter und teils zerbrochener Totenschädel rekonstruiert werden. Die 1966/67 ausgegrabenen Überreste dieses Menschen, der zusammen mit einem Bronzeschwert, einem goldverzierten Messer, Wagen- und Zaumzeugteilen, wertvollem Ton- und Bronzegeschirr und sogar mit Geräten zur Körperpflege wie Pinzette und Ohrlöffel bestattet wurde, gehören zu den bedeutendsten prähistorischen Funden Frankfurts.

          Derzeit werden sie im Rahmen des hessenweiten Keltenjahres in der Ausstellung „Kelten in Hessen?“ im Archäologischen Museum präsentiert. Eine Rekonstruktion des kunstvollen Joches, das ebenfalls zu den Beigaben gehörte, und der untere Teil der Sandstein-Stele, die den Grabhügel einst bekrönte, ergänzen das Bild. Im Gelände ist von dem mächtigen Tumulus, dem größten einer „Eichlehen“ genannten Grabhügel-Gruppe an der Stadtgrenze zu Offenbach, allerdings nichts mehr zu sehen. Wo er sich erhob, verläuft heute die Autobahn 661.

          Zahnstatus, Schädelnähte und Muskelansätze, Becken- und Kopfform: Carolin Röding zählt die Anhaltspunkte auf, die ein Skelett als männlich oder weiblich ausweisen. Die fürstlichen Knochen, ist die Paläoanthropologin von der Universität Tübingen überzeugt, sind eindeutig die eines Mannes. Seinen Schädel hat sie in jahrelanger akribischer Arbeit in seine Einzelteile zerlegt. „Aber nur am Computer“, beruhigt die engagierte Wissenschaftlerin das Auditorium. Dann habe sie, ebenfalls digital, die fragmentierten Überreste wieder zusammengesetzt. Alle Segmente wie etwa das Jochbein, das im Original nur noch auf einer Seite vorhanden war, seien durch Spiegelung ergänzt worden. Die verbleibenden Fehlstellen habe sie mithilfe von Referenzdaten schließen können.

          Der in Frankfurt gefundene Schädel aus der Eisenzeit
          Der in Frankfurt gefundene Schädel aus der Eisenzeit : Bild: U.Dettmar_AMF

          Der wieder vollständige Totenkopf ist allerdings nur eine Station auf dem Weg zum fertigen Gesicht. Viele Räder mussten ineinandergreifen, bis Niess innerhalb des 2016 begonnenen und von der Historisch-Archäologischen Gesellschaft Frankfurt mit gut 7000 Euro geförderten Projekts ihre Gesichtsrekonstruktion entwickeln konnte. Zu den vielen Facetten gehörte, wie Museumsdirektor Wolfgang David ausführt, auch die Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut der Universität Jena und mit dem Reiss-Engelhorn-Museum Mannheim. Der benötigte 3-D-Druck des rekonstruierten Schädels sei vom hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst finanziert worden.

          Was der Schädel des Kelten aussagte

          Die gerade enthüllten individuellen Gesichtszüge seien kein Ergebnis künstlerischer Phantasie, betont Niess. Haar- und Augenfarbe seien genetisch bestimmt. Die Schädelknochen wiederum enthielten viele Anhaltspunkte wie Tränenkanal, Ohrloch oder Reste des Nasenbeins, die eine Re­kons­truk­tion zuließen. Und dann sind da noch die Weichteilmarker, kleine Stifte, die Niess während der Rekonstruktion am Schädel befestigt hat. Für jeden einzelnen Punkt, so die Forensikerin, könne aufgrund vergleichender Studien errechnet werden, wie viel „Weichgewebe“ auf den Knochen gehöre. Und warum trägt der Fürst die Haare so seltsam gerafft? Die Frisur orientiert sich David zufolge am Bild eines Kriegers, das im 5. Jahrhundert vor Christus im namengebenden Fundort der älteren vorrömischen Eisenzeit, im österreichischen Hallstatt, in eine Schwertscheide geritzt wurde.

          Erwacht mit dem neu erstandenen Fürsten-Kopf, für den bereits eine eigene Vitrine bereitsteht, ein Stück Vergangenheit? Vielleicht. Constanze Niess jedenfalls hat nach knapp tausend Stunden Rekonstruktionsarbeit festgestellt: „Jetzt schaut er mich an.“

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