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Skulpturen von „tiny BE“ : Schöner schlafen im Park

Bewohnbar, begehbar und Kunst zugleich: die Haus-Skulpturen von „tiny BE“ im Metzlerpark Bild: Maximilian von Lachner

Die Skulpturen von „tiny BE“ laden ein, im Frankfurter Metzlerpark, in Wiesbaden und Darmstadt über das Leben neu nachzudenken – und könnten das Ausstellungsereignis der Saison werden.

          3 Min.

          Großereignissen wie „Ray“, Beuys oder Jawlensky zum Trotz könnte „tiny BE“ das Ausstellungsereignis der Saison werden. Dabei umfasst dieser „mobile Skulpturenpark“ nur eine Handvoll meist eigens für das Projekt entstandener Arbeiten. Es sind Skulpturen von internationalen Künstlern wie Laure Prouvost, Christian Jankowski und der mittlerweile 88 Jahre alten Fluxusveteranin Alison Knowles, von Terence Koh, Onur Gökmen oder Thomas Schütte, und man kann sie fast alle auch bewohnen.

          Christoph Schütte
          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Living in a Sculpture“, so der Untertitel der Freiluftausstellung, die vor allem im Metzlerpark vor dem Museum Angewandte Kunst stattfindet, darf man wörtlich nehmen. Regnen sollte es besser nicht, wenn man sich für die Nacht etwa in Kohs „spiral home“ oder in Jankowskis am Ort gegossenes, ebenso sprödes wie großartiges Beton-Iglu „Bodybuilding (Mies van der Rohe)“ einmietet. Auch wenn man die Hängematte seiner – im Vergleich etwa zu Thomas Schüttes „Spartà Hut“ – bescheiden eingerichteten Behausung am liebsten gar nicht mehr verlassen will.

          Und ob die von Pilzkulturen in Holzrahmen zusammengehaltene, von fern an das gute alte Knusperhäuschen gemahnende Hütte des Kollektivs MY-CO-X bei einem ordentlichen Schauer trocken bleibt, lässt sich im Augenblick noch nicht sagen. Doch sieht man von Sterling Rubys gewaltigem Ofen einmal ab, kann hier tatsächlich jeder – freilich für einen durchaus stolzen Preis von 364 Euro – übernachten. Dabei handelt es sich bei „tiny BE“ keineswegs um ein als Kunst verbrämtes Event in einem etwas anderen Designhotel. Die Teilhabe des Publikums ist wesentlicher Teil des Konzepts und dient zugleich der Finanzierung.

          Es geht um Themen wie Nachhaltigkeit und Klimawandel

          Denn die Entwürfe wollen einen spezifisch künstlerischen Beitrag zu aktuell vielbeachteten Diskursen leisten wie der Zukunft des Wohnens – in kleinen, bescheidenen und oft mobilen „tiny houses“ –, zu Themen wie Nachhaltigkeit und Klimawandel. Es geht um die Frage, wie, in welchen Häusern, Dörfern, Städten, in welchen Strukturen und Gesellschaften wir künftig leben wollen. Die Wiesbadener Kuratorin Cornelia Saalfrank hat die Freiluft-Ausstellung entwickelt und mit zahlreichen Unterstützern wie dem Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main realisiert, je eine Arbeit steht auch vor dem Darmstädter Landesmuseum und am Wiesbadener Kranzplatz.

          Montags wird diskutiert: Zu „tiny BE“ gehört ein großes Rahmenprogramm.
          Montags wird diskutiert: Zu „tiny BE“ gehört ein großes Rahmenprogramm. : Bild: Maximilian von Lachner

          Die damit regionale Schau nimmt einen disziplinübergreifend gewirkten Faden der vergangenen hundert Jahre auf, der von Buckminster Fuller über die utopischen Entwürfe der Architektengruppe Archigram der sechziger Jahre bis zu den aktuellen Arbeiten von Tomás Saraceno führt. Insofern kann es eigentlich kein Zufall sein, dass es das Frankfurter Architekturbüro Schneider + Schumacher war, das eine knallrote „tiny Infobox“ entworfen hat, die im Metzlerpark in das Projekt einführt. Immerhin haben Till Schneider und Michael Schumacher, die mit der roten Infobox am Potsdamer Platz (1995) in Berlin gleichsam über Nacht berühmt geworden sind, bei Peter Cook, einem der Hauptdenker von Archigram, an der Städelschule studiert.

          Alle Positionen der Ausstellung sind zeitgenössische Skulpturen im öffentlichen Raum. Daher geht es auch weniger um Architektur, sondern um die künstlerische Form. Und „um die Geschichten, die die Künstler erzählen“ wie Saalfrank sagt. Vom Leben inmitten der Natur etwa wie Terence Koh, vom Klimawandel, wie es die kleine Bibliothek in Laure Prouvosts unterirdischem „Boob Hills Burrows“ gleich neben dem Bett nahelegt, oder um soziale Prozesse, wie sie Mia Eve Rollow und Caleb Duarte mit „The Embassy of Refugee“ anstoßen wollen.

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          Denn mit „tiny BE“ geht es nicht nur um den Parcours im Metzlerpark, der bis in den Herbst hinein rund um die Uhr frei zugänglich ist. Die dort aufgeworfenen Fragen wirken weiter fort, auch wenn man den Spaziergang abgeschlossen hat. Ein umfangreiches, zusammen mit Normative Orders, dem Forschungsverbund der Goethe-Universität, und weiteren Partnern realisiertes Rahmenprogramm aus Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Performances rundet das Programm ab. Auch das kann als ein Beitrag zur Nachhaltigkeit verstanden werden. Die Veranstaltungen, unter anderen regelmäßige Montagstreffen, sind öffentlich und finden zu einem großen Teil auf einer bühnenartigen, von Studenten der Offenbacher Hochschule für Gestaltung und der Goethe-Universität entworfenen Plattform im Metzlerpark statt.

          Die Ausstellung ist bis zum 26. September zu sehen. Weitere Informationen, auch für die Übernachtungen und das Begleitprogramm, im Internet unter tinybe.org.

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