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Singvögel : Manch eine Amsel sächselt

Vogel mit Migrationshintergrund: Die Nilgans - hier im Palmengarten - kommt ursprünglich aus Afrika Bild: ddp

Jetzt flöten sie wieder - die Singvögel geben im Frühjahr alles. Stadtvögel tirilieren sogar lauter als ihre Verwandten auf dem Land. Während einige Zugvögel selten werden, lassen sich Neubürger nieder.

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          Verächter von Weihnachtsmärkten argumentieren gerne, zwischen Karussellmusik, dem Klirren der Glühweintassen und „Ihr Kinderlein kommet“ sei dort kaum das eigene Wort zu verstehen. Das ist offenbar falsch. Gerd Bauschmann hat auf dem Weihnachtsmarkt schon einmal eine Amsel gehört. Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Frankfurter Vogelschutzwarte hat allerdings auch besonders feine Ohren. Seit 30 Jahren widmet er sich den Vögeln und arbeitet für Naturschutzgruppen.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die meisten Vögel überwintern nicht in den Grünanlagen der Stadt und geben dort Solokonzerte wie der Zaunkönig – ein „Wintersänger“, wie Bauschmann sagt –, sondern kehren erst zurück, wenn es wärmer wird. Wer wegen des Vogelkonzerts vor dem Schlafzimmer kein Auge mehr zubekommt, darf seinen Ohren trauen. Denn einige Vögel singen in der Stadt sogar lauter als ihre Cousins auf dem Land, um den Straßenlärm zu übertönen.

          Trällern auf frankfurterisch

          Die Männchen singen, um ihr Revier abzugrenzen oder die Weibchen anzulocken. Sie passen sich dem Lärm der Stadt an, damit der Empfänger die Botschaft noch hört. „In der Stadt singen sie höher oder lauter. Im stillen Wald müssen sie nicht so laut schreien“, sagt Bauschmann. Um sich gegen Lastwagen und Flugzeuge zu behaupten, haben Nachtigallen in der Stadt um 14 Dezibel zugelegt. Andere Arten singen höher – Amseln und Meisen im Schnitt um 200 Hertz. Einige Vögel fangen auch früher an. Amseln und Rotkehlchen singen schon nachts, bevor die Sonne aufgeht. Sie machen aus der Not eine Tugend. Denn Untersuchungen beim Fitis-Laubsänger haben ergeben, dass Vögel, die in der Nähe von starken Lärmquellen leben, ohne Partner bleiben können. „Die singen sich die Stimme aus dem Hals, aber schaffen es nicht, ein Weibchen anzulocken“, sagt Bauschmanns Kollege Matthias Werner.

          Die Vogelschutzwarte liegt abseits der lärmumtosten Hanauer Landstraße am Rand des Fechenheimer Waldes. Zur Begrüßung zwitschert ein Buchfink. Matthias Werner ist ein freundlicher Mann mit hellen Augen. Er sitzt am Tisch und spricht über die Population und die Eigenarten von Singvögeln in der Stadt. Nur wenn draußen etwas vorbeiflattert, unterbricht er sich kurz und sagt Sätze wie: „Da haben wir ’ne Mönchsgrasmücke.“ Rund 60 Vogelarten seien in Frankfurt heimisch, schätzt Werner. Auf dem Gelände am Fechenheimer Wald wurden 46 Arten gezählt. „Um die städtische Population machen wir uns weniger Sorgen als um die Arten im freien Land“, sagt Werner.

          Amseln, Meisen, Ringeltauben, Rotkehlchen und Buchfinken sind in Frankfurts Vorgärten und Parks besonders häufig zu hören. Wer allerdings dem Gesang einer Klappergrasmücke lauschen möchte, muss sich am Berger Hang umhören. „Man sollte bei Sonnenaufgang draußen sein“, sagt Bauschmann. Einige Zugvögel fühlen sich in Frankfurt so wohl, dass sie ihr Revier immer wieder ansteuern. Manche fangen sogar an, frankfurterisch zu trällern. Denn bei Vögeln, die isoliert leben, bilden sich Dialekte heraus.

          Dass sich der Zilpzalp aus Sachsen und die bayerische Rohrdommel mit ihren Artgenossen in anderen Landstrichen nicht mehr verständigen können, ist nicht zu erwarten. Denn das Repertoire ist endlich. Die Strophentypen, Tonfolgen und Triller ähneln sich, sie werden nur variiert. Bauschmann fürchtet im Gegensatz zu anderen Ornithologen nicht, dass sich die laut flötenden Amseln aus der Stadt nicht mehr mit ihren leiseren Verwandten in der Provinz verstehen. „Ein Austausch zwischen Stadtamsel und Landamsel findet noch statt“, sagt er.

          Migranten, seid willkommen

          Andere Vogelarten kommen nur sporadisch oder immer seltener. Der Trauerschnäpper und andere Langstreckenzieher, die südlich der Sahara überwintern, kehren zwölf Tage früher als noch vor 30 Jahren aus dem Winterurlaub zurück. Bauschmann erklärt die Verschiebung mit dem Klimawandel. „Sie finden sonst keine Nahrung mehr, denn die Raupen verpuppen sich immer früher.“ Der Wendehals, ein Ameisenfresser, der noch am Berger Hang vorkommt, hat es ebenfalls schwerer, an seine Beute zu kommen.

          Zu den Vögeln, denen es in Frankfurt nicht gutgeht, zählt auch der Spatz. Haussperlinge sind im Stadtgebiet selten geworden. Dies hängt auch mit der zunehmenden Bodenversiegelung zusammen, denn Spatzen nehmen gerne Staubbäder. Da sie ebenso wie Mauersegler, Mehl- und Rauchschwalben gerne unter dem Dach ihr Nest bauen, finden sie in sanierten Häusern kaum noch Brutmöglichkeiten.

          Sorge bereiten den Vogelschützern die Bodenbrüter. Während der Kiebitz früher verbreitet war, gibt es heute in ganz Hessen unter anderem wegen der Zersiedlung des ländlichen Raumes kaum noch 150 Paare. „Spaziergänger sollten während der Brutzeit ihren Hund an der Leine lassen, da sonst die Brut gefährdet ist“, sagt Werner. Auch der Flussregenpfeifer oder die Bekassine, die besondere Strukturen zum Überleben brauchen, sind bedroht.

          Frankfurt kann einen neuen Migranten begrüßen. Die Nilgans lässt sich neuerdings im Ostpark oder auch im Palmengarten blicken. Der ursprünglich in Afrika beheimatete Vogel wurde in Holland ausgesetzt und hat sich seither explosionsartig vermehrt. Auch die Mandarin-Ente zählt in dieser Region zu den Neubürgern. Im Stadtgebiet haben sich zudem Rebhühner und andere Bodenbrüter niedergelassen, denn auf eingezäunten Gewerbebrachen finden sie geschützten Lebensraum. Dem Apfelwein ist zu verdanken, dass der Steinkauz wieder häufiger geworden ist – der Höhlenbrüter liebt Streuobstwiesen.

          Dass Krähen und Elstern in die Stadt gezogen sind, freut nicht jeden. Die Rabenvögel kommen weitaus häufiger vor als früher, da sie hier besonders viel zu fressen finden. Vogelschützer fürchten, dass die räuberischen Elstern den Singvögeln das Leben schwermachen. Werner hält das für eine Legende. Auch der Bestand der anderen Arten habe stark zugenommen. Amseln, die sich früher zwei- bis dreimal jährlich paarten, brüteten sogar viermal im Jahr ihre Eier aus. Wer wegen ihres Gezwitschers nicht schlafen kann, muss sich in Geduld üben: Die Konzertsaison endet mit der Brutzeit – spätestens im Juli.

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