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Sindlingen und der Industriepark : Die Nachbarn sollen ein „Geruchstagebuch“ führen

In Sindlingen ist das Höchster Werksgelände nicht nur in Sichtweite Bild: ©Helmut Fricke

Menschen in Frankfurt-Sindlingen klagen über Gerüche, die aus dem Industriepark Höchst in den Stadtteil wehen. Der Betreiber des Industrieparks bemüht sich um gute Luft für die Nachbarn, die bestreiten aber Erfolge. Und sollen „Geruchstagebuch“ führen.

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          Süd, Südost. Die weiße Abgaswolke, die aus dem Schlot der Klärschlammverbrennungsanlage kringelt, wird vom Wind in Richtung Main, also von Sindlingen weggetragen. „Bei dieser Windrichtung ist hier meist gut zu atmen“, sagte Anwohnerin Heidemarie Schröder. In dem Stadtteil am westlichen Stadtrand ist gute Luft aber längst nicht die Regel. Knapp 9000 Menschen wohnen in Sindlingen, dass, einer Enklave gleich - von Fluss, Bundesstraße, Feldern und dem weitläufigen Industriepark Höchst begrenzt - vom restlichen Stadtgebiet abgetrennt gelegen ist. Dort, am zugleich niedrigsten Punkt der Stadt, wehen jedoch immer wieder üble Gerüche durch die Straßen und Gassen; so schildert es Heidemarie Schröder.

          Bernd Günther

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die 61 Jahre alte Hausfrau lebt in der Straße Am Lachgraben. Ein Straßenzug, der von kleinen Wohnhäusern gesäumt ist, einige mit unverputzten Backsteinfronten. Wer von Süden in die Straße einbiegt, blickt auf die fernen Taunushänge. Parallel zum Straßenzug jedoch verläuft die Werksmauer des Industrieparks, und dort hat die Beschaulichkeit ein Ende: Hallen, Silos und Schlote ragen in die Höhe; unter anderem auch jener der Klärschlammverbrennungsanlage.

          Fäkalgeruch in der Nase

          Seit März sei es besonders schlimm gewesen, sagt Schröder. Immer wieder habe es gestunken. Ein Fäkalgeruch, wie er schon häufig, aber noch nicht in dieser Beständigkeit und Stärke den Sindlingern in die Nase gestiegen sei. Viele Anwohner hätten zum Telefon gegriffen und die Nummer 3 05 40 00 gewählt, das Bürgertelefon des Industrieparks Höchst. Dass es „zu einem Anstieg der Geruchsbeschwerden aus den industrieparknahen Straßenzügen“ gekommen sei, bestätigt auch später die Infraserv Höchst, das Betreiberunternehmen des Industrieparks. Mitarbeiter des betriebseigenen Umweltschutzes seien jeweils in den Stadtteil ausgerückt und hätten die Gerüche gleichfalls wahrgenommen.

          Ende vergangener Woche hatte Infraserv die Geruchsquelle, „die mit hoher Wahrscheinlichkeit“ zu den Belästigungen geführt habe, ermittelt: die vergangenen Sommer in Betrieb genommene Abluftreinigungsanlage der Biogasanlage des Industrieparks. Messgeräte hätten zwar keine Fehlfunktion angezeigt, so der Leiter der Infraserv-Entsorgungsbetriebe Harald Werner. Eine nähere Untersuchung habe aber gezeigt, dass die Abluftreinigung nicht die erforderlichen Parameter erreicht habe. Die Reinigungsanlage sei nun abgestellt; bis die gewünschte Reinigungsleistung wieder sichergestellt werden könne, würden die Abluftströme der Biogasanlage in der Abluftreinigung der Kläranlage behandelt.

          Früher noch ein „chemischer Geruch“

          Heidemarie Schröder sieht keinen Grund zum Aufatmen; nicht nur, weil es nach ihren Angaben am Sonntag trotzdem noch gerochen hat, sondern weil die jüngsten Vorgänge keine Ausnahme gewesen seien. Schon seit vielen Jahren komme es zu Geruchsbelästigungen, sagt sie. Ihre beiden kleinen Enkel wollten sie schon gar nicht mehr besuchen. Die Intensität hänge merklich von der Wetterlage ab; bei Sonnenschein seien die Gerüche verstärkt wahrzunehmen, wenn dann noch Ostwind herrsche, also vom Industriepark in Richtung Sindlingen wehe, falle im Stadtteil jede Gartenparty aus.

          Selbst nachts seien sie und ihr Mann schon aufgewacht, weil der Fäkalgeruch ins Schlafzimmer gedrungen sei. Schlimmer noch: Hustenreiz, Augenbrennen, Übelkeit und Kopfschmerzen nennt Schröder als Folgen. Andere Anwohner bestätigen die Begleiterscheinungen, so Elisabeth Wiese, deren Haus ebenso Am Lachgraben gelegen ist. Wie Schröder weist sie zudem darauf hin, dass im Gegensatz zu Belästigungen in früheren Jahren zusätzlich ein „chemischer Geruch“ wahrgenommen werden könne.

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