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Silvester : Nur der Brezelmann hat schlechte Laune

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23 Uhr, 60 Meter über der Erde. Es ist angerichtet, immer noch. Zu den beschwingten Klängen von "New York, New York" flanieren feingemachte Gäste die Tische in der separaten Büffetlounge entlang, betrachten die üppig aufgebahrten Köstlichkeiten und greifen zu.

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          23 Uhr, 60 Meter über der Erde. Es ist angerichtet, immer noch. Zu den beschwingten Klängen von "New York, New York" flanieren feingemachte Gäste die Tische in der separaten Büffetlounge entlang, betrachten die üppig aufgebahrten Köstlichkeiten und greifen zu. Häppchenweise, versteht sich. Sie kosten von Fin-de-Clair-Austern, Brioche mit Gänseleber, frischem Sushi, Edelfischstrudel, Fasanenterrine mit Traubenkompott und kanadischem Hummer. "Der ist der Renner, wie immer", sagt Küchendirektor Klaus Bramkamp.

          Am Ende des langen Gangs im 21. Stock des Hotels Intercontinental lockt ein indischer Diskjockey mit lateinamerikanischen Rhythmen sein bunt gemischtes Publikum auf die Tanzfläche. "Bamboleo, Bamboleo" tönt es aus den Lautsprechern. Eine etwa vierzig Jahre alte Frau im kurzen schwarzen Rock singt den Refrain laut mit, löst ihren bunten, um die Hüfte gebundenen Schal und wiegt sich mit dem Tuch in den Händen zum Gesang der "Gipsy Kings". "Ich tanze nur an Silvester", sagt sie später, ein Glas Champagner in der Hand. Von Freunden ist sie eingeladen worden. "Es ist schön hier. Ruhig. Nicht so viel Rambazamba."

          Währenddessen sitzen zwei italienisch aussehende Frauen und ein Mann mit Designerbrille und elegantem Anzug nebeneinander am Tisch, den Blick auf das Display ihrer Handys fixiert. Ihre Finger rasen über die Tastatur: "Wir schreiben die ersten Grüße", sagt der Mann. 30 SMS mit Neujahrswünschen sind das Minimum. Jetzt ist es zwar erst halb zwölf, aber "was geschrieben ist, ist geschrieben". Gleich werden sich alle auf der Terrasse versammeln und das Feuerwerk über dem Main bestaunen. "Der Blick ist einmalig", sagt ein Mann mit gestreifter Fliege. Für den lohne es sich allemal, den Eintrittspreis von 135 Euro zu zahlen - Getränke, Büffet, musikalisches Rahmenprogramm inklusive.

          Wieder zurück am Boden, strömen die Massen zum Main, gesellen sich zu den jungen und alten Feiernden, die schon dicht gedrängt am Ufer stehen, den Blick auf das Wasser und den Eisernen Steg gerichtet. Schon jetzt - zehn Minuten vor Mitternacht - erhellen bunte Raketen den Himmel über Frankfurt. Einige trinken Sekt aus Plastikbechern, andere testen ihre Böller. Auf dem Spielplatz am Ufer riecht es nach Haschisch und abgebrannten Feuerwerkskörpern. Zwei junge Männer küssen sich auf den Schienen.

          Null Uhr, Eiserner Steg. Eine Gruppe junger Chinesen hat es nicht mehr rechtzeitig bis auf die Brücke geschafft und drängt sich nun auf den Treppenstufen. Lachend rufen sie: "Happy new year!" Überall explodieren Raketen und Böller - über dem Main und an der Straße vor der Brücke. Wer keine mitgebracht hat, pfeift oder schreit. Sektkorken knallen, die Kirchenglocken läuten.

          "The same procedure as every year" gilt zwar auch hier, die Stimmung ist dennoch euphorisch: Bekannte fallen sich in die Arme. Ein junger Frankfurter mit Wollmütze küßt eine Unbekannte auf die Wangen und bietet ihr Sekt an. Allein der Brezelverkäufer, der sich mit seinem Wagen vor dem Eisernen Steg postiert hat, ist nicht so gut gelaunt: "Niemand will heute Brezeln essen." Auf den Gehsteigen stehen die Menschen Spalier, zwischen ihnen der ohrenbetäubende Krach der Feuerwerkskörper. Schnell schiebt der Brezelmann seinen Wagen über die Straße, eine Rakete verfehlt ihn nur knapp. Taxis passieren die Straße, halten an für einen Moment. Gäste steigen zu. Viele der Jüngeren fahren jetzt zum Tanzen in die Clubs.

          0.30 Uhr, "East" an der Hanauer Landstraße 190. An der Kasse gibt es Wunderkerzen, eine für einen Euro. Der Erlös kommt den Opfern der Flutkatastrophe in Asien zugute. Drinnen ist alles in Bewegung. Dancefloor, Gang, Sitzecken: Überall wird getanzt. Junge Menschen zwischen 20 und 30 zucken und zappeln zum Rhythmus der House-Musik - manchmal wie in Ekstase. Silvester ist hier ein normaler Clubabend. Der Eintritt kostet 10 Euro ohne Getränke. "Die Leute sind die Silvesterdeko", sagt Dirk Blisse, der Inhaber. Und die sind dekorativ genug. Zum Beispiel die drei Frauen, eine von ihnen mit elegantem weißem Hut, die auf dem Podest tanzen und die ganze Tanzfläche souverän überblicken.

          0.50 Uhr, "King Kamehameha", ein paar Meter weiter. Die Band "K Town Connexion" spielt Hits. Vor der Bühne drängen sich die Leute, viele Anzugträger sind darunter. Besonders die Frauen in der ersten Reihe tanzen ausgelassen. Eine im roten, tief ausgeschnittenen Kleid schüttelt wild ihren Oberkörper. Im Nebenraum, dem sogenannten "Garten", sorgen Palmen und ein schmaler Mini-Pool für sommerliches Flair.

          1.30 Uhr, "Sansibar" am Taunustor. "Wir legen an Silvester sehr viel Wert darauf, daß die Creme de la creme Frankfurts da ist", sagt Türchef Dennis Ritzki. "Heute zwar keine Promis, dafür aber einige Millionäre." Wer Jeans trägt, wird sofort abgewiesen. Die Farbe Weiß scheint en vogue zu sein bei den Reichen und Schönen: Eine junge Frau steht an der Garderobe im Kleid aus weißer Seide, das an Marilyn Monroe erinnert, die Füße in weißen Stöckelschuhen. Aus der weißen Lederhandtasche zieht sie ihre Garderobennummer. Einige Minuten später verläßt sie mit weißem Mantel und männlicher Begleitung die Bar.

          "Sehen und gesehen werden, darum geht es", sagt ein etwa 30 Jahre alter Mann im weißen Designeranzug und weißen Schuhen. Er steht mit seinen Freunden am Rande der Tanzfläche, die gerade von elektronischen Beats beschallt wird, und schaut den zwei Tänzerinnen zu, die sich im türkisfarbenen Bikini auf zwei Podesten räkeln. "Schöne Frauen sehen Männer immer gerne", sagt er noch und mischt sich wieder unter die Tanzenden.

          ANNA-LISA DIETER

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