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Sexualwissenschaft : "Triebtäter werden auf die Straße geschickt"

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Eine Schließung des Instituts für Sexualwissenschaft am Frankfurter Universitätsklinikum könnte nach den Worten seines Direktors Volkmar Sigusch dazu führen, daß Menschen mit schweren sexuellen Störungen nicht mehr angemessen behandelt würden.

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          Eine Schließung des Instituts für Sexualwissenschaft am Frankfurter Universitätsklinikum könnte nach den Worten seines Direktors Volkmar Sigusch dazu führen, daß Menschen mit schweren sexuellen Störungen nicht mehr angemessen behandelt würden. Es bestehe die Gefahr, daß Triebtäter ohne geeignete Therapie "auf die Straße geschickt" würden, sagte Sigusch am Montag dieser Zeitung. Wie berichtet (F.A.Z. vom 28. Dezember), ist unklar, ob Siguschs Stelle nach seiner Emeritierung Ende dieses Jahres wieder besetzt wird. Damit ist auch der Fortbestand des Instituts in Frage gestellt. Am Donnerstag wird sich der Rat des Fachbereichs Medizin mit der Angelegenheit beschäftigen.

          Wie Sigusch sagte, werden in der Ambulanz seines Instituts etwa 300 Patienten im Jahr behandelt. Darunter seien auch Menschen, die eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellten, etwa pädophile Priester. Für sie würde es keine geeigneten Therapieangebote geben, falls das Institut aufgelöst werde. Zwar hätten Kollegen aus der Urologie und der Psychiatrie angeboten, die Betreuung zu übernehmen. "Aber Triebgestörte können Sie nicht mit Viagra behandeln, und die Psychiatrie hat bei der Behandlung solcher Fälle auf der ganzen Linie versagt." Menschen mit abweichendem Sexualverhalten in die Obhut von Psychiatern zu geben wäre nach Ansicht Siguschs ein "Rückfall ins 19. Jahrhundert".

          Der Professor wies darauf hin, daß sich Direktoren anderer medizinischer Institute der Universität für den Erhalt der Sexualwissenschaft in Frankfurt ausgesprochen hätten. Im In- und Ausland gebe es "etwa zwölf Männer und Frauen", die die nötige Qualifikation hätten, um das Institut nach seinem Ausscheiden zu führen. In einer schriftlichen Stellungnahme kommt Sigusch zu dem Schluß, es existiere derzeit in Deutschland "kein dem Frankfurter Institut vergleichbares Spezialinstitut, das in Unabhängigkeit von anderen, größeren Fächern theoretisch wie klinisch auf national wie international anerkanntem Niveau die sexualmedizinisch-wissenschaftlichen Belange vertritt". Am Montag sagte der Institutschef, er habe noch Hoffnung, daß der Fachbereichsrat der Schließung, die vor allem der Dekan befürworte, nicht zustimmen werde: "Die Sache steht auf der Kippe."

          Medizin-Dekan Josef Pfeilschifter und der Ärztliche Direktor des Klinikums, Roland Kaufmann, sind im Gegensatz zu Sigusch der Auffassung, daß die Patienten des Instituts für Sexualwissenschaft auch an anderen Einrichtungen des Uniklinikums angemessen behandelt werden könnten. Kaufmann sagte, im Fall einer Schließung werde er sich dafür einsetzen, die Abteilung für Psychosomatische Medizin des Zentrums der Psychiatrie mit der Betreuung der Kranken zu beauftragen. Dort könnten auch Siguschs Mitarbeiter beschäftigt werden. Nach Pfeilschifters Worten genießt Sigusch zwar als Forscher einen hervorragenden Ruf. Für Lehre und Patientenversorgung sei sein Institut aber "verzichtbar". Angesichts der knapp bemessenen Mittel des Fachbereichs Medizin müsse deshalb ein Verzicht auf die Wiederbesetzung von Siguschs Stelle erwogen werden. Nach Siguschs Angaben hat das Institut einen Jahresetat von rund 500 000 Euro.

          Universitäts-Vizepräsident Jürgen Bereiter-Hahn sagte, das Institut habe mit seiner jetzigen Ausrichtung ein "Alleinstellungsmerkmal". Er wolle jedoch dem Votum des Fachbereichs nicht vorgreifen. Falls dieser sich für die Schließung entscheidet, müßte das Präsidium dem Schritt zustimmen.

          Unterdessen verzögert sich die geplante Übernahme des Instituts für Sexualwissenschaft und weiterer sechs Einrichtungen des Uniklinikums durch die Goethe-Universität. Eigentlich hätten zum 1. Januar die Institute für Allgemeinmedizin, Arbeitsmedizin, Geschichte und Ethik der Medizin, Medizinische Psychologie, Medizinische Soziologie und Sexualwissenschaft sowie die Zentrale Forschungseinrichtung (Versuchstierställe) der Hochschule zugeordnet werden sollen. Die Universität hat jedoch dagegen Einspruch eingelegt, wie Bereiter-Hahn am Montag auf Anfrage mitteilte. Nach seinen Worten ist noch eine Reihe von rechtlichen und administrativen Fragen zu klären, bevor die Übernahme vollzogen werden kann.

          Bisher waren die Institute dem Klinikum angeschlossen, wurden aber nach Angaben von Dekan Pfeilschifter vollständig aus Mitteln des Fachbereichs Medizin finanziert. Da die Einrichtungen nichts zur Patientenversorgung beitrügen, sei es angebracht, sie auch formal der Universität zu unterstellen. Darin seien sich Klinikvorstand und Fachbereich einig; im übrigen befürworte der Wissenschaftsrat eine solche Zuordnung generell.

          Auch Bereiter-Hahn hält die Übernahme der Institute für sinnvoll. Allerdings müßten mit dem Wechsel der Trägerschaft die Genehmigungen etwa für Tierversuche und gentechnische Experimente auf die Universität umgeschrieben werden. Zudem sei der Status jener Institutsmitarbeiter zu klären, die nicht schon Bedienstete der Universität seien. Offensichtlich sei die Bedeutung dieser Fragen bei der Planung der Übergabe unterschätzt worden. Nach Angaben des Vizepräsidenten könnte der Wechsel nun zum 1. April vollzogen werden. Wolfgang Schwarz, Personaldezernent des Universitätsklinikums, sieht die Schuld für die Verzögerung in erster Linie bei der Universitätsverwaltung: "Wir hätten es problemlos hinbekommen." Von der Änderung der Arbeitsverträge seien nur etwa zehn Personen betroffen. Für sie sei der Wechsel der Trägerschaft eine bloße Formalie. (zos.)

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