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Segeln lernen : Nutze den Wind, auch wenn er schwach ist

  • -Aktualisiert am

Revier für Einsteiger: Vor dem im Seglergruß beschworenen Mast- und Schrotbruch müssen im lauen Lüftchen des Westhafens auch Anfänger keine Angst haben. Bild: Müller, Norbert

Der Main ist nicht gerade ein Traum für Segler. Die Segelprüfung kann man dort trotzdem ablegen. Und die Kulisse dazu gibt es nur in Frankfurt.

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          Als David und Christian aus dem Westhafen segeln, ist die Oberfläche des Mains so glatt, dass sich der Westhafen-Tower fast unverzerrt darin spiegelt. Es ist die letzte von fünf Übungsfahrten vor der Führerscheinprüfung für Sportboote auf Binnengewässern. Dass sich die beiden eben erst am Steg des Segel-Centers Frankfurt kennengelernt haben, ist nicht zu bemerken. Vielleicht liegt es daran, dass sich Segler duzen und jeder weiß, was er zu tun hat.

          Es ist ein sonniger Herbstsamstag, ein Tag für Sonnenbrillen und hochgekrempelte Ärmel. Nur ein bisschen mehr Wind wäre schön, finden David und Christian. Doch solange sich die Boote, Jollen heißen sie, auch nur ein bisschen bewegen, findet die Prüfung statt. Dann müssen die Manöver klappen, selbst wenn der Wind nur zu erahnen ist.

          Weit weg von der Fahrrinne, in der die Containerschiffe Vorfahrt haben, wirft David eine Boje ins Wasser. Mit ihr wird der Ernstfall Mann-über-Bord geübt. Der 29 Jahre alte Wirtschaftsingenieur bedient das Vorsegel, Christian ist am Steuer und hat das Sagen, bis sie die Positionen tauschen - in der Prüfung muss jeder beides können. „Boje im Auge behalten, Rettungsmittel bereithalten, Ausschau halten, Abfallen auf Halbwindkurs“, rattert Christian die Kommandos herunter. Ans Kommandieren und Ausführen musste sich der 44 Jahre alte Berliner nicht gewöhnen. Das kennt er aus seinem früheren Beruf als Koch. Mittlerweile arbeitet er am Flughafen und ist für die Sicherheit in der Gepäckförderung zuständig.

          „Klar zur Q-Wende?“

          Christian schaut auf das Fähnchen oben am Mast, um sich der Windrichtung zu vergewissern. Er träumt von Gewässern, in denen er den Wind an den Schaumkämmen ablesen kann, und von Booten, die groß genug sind für ein paar Freunde und Picknickkörbe. Segeln hat er schon als Kind gelernt, doch bevor er nächstes Jahr mit dem Segelschein für das offene Meer anfängt, besucht der Mann, der schon hochseetaugliche Segelschuhe trägt, lieber nochmal die „Krabbelgruppe“. Er sagt, wer die Schulboote beherrsche, die auf jede Böe reagieren und kentern können, tue sich mit den Kielbooten leichter.

          „Klar zur Q-Wende?“, fragt Christian, als das Boot die Boje ein paar Bootslängen hinter sich gelassen hat. Um ein Wendemanöver zu fahren, braucht man Platz. „Ist klar“, sagt David. Christian dreht mit dem Bug durch den Wind, sein Fahrwasser beschreibt die Form eines Qs. Dann steuert er wieder auf die Boje zu. Kurz bevor er an ihr vorbeifährt, dreht Christian den Bug gegen den Wind und kommt neben der Boje zum Stehen.

          Träumt vom Meer: Vorher will Christian aber das Segeln beherrschen.
          Träumt vom Meer: Vorher will Christian aber das Segeln beherrschen. : Bild: Müller, Norbert

          Segellehrer Thomas Bultmann hat das Manöver vom Motorboot aus begutachtet und noch etwas zu mäkeln gefunden. Zuerst aber sagt er: „In der Prüfung wär’s durchgegangen, achtet aber darauf, dass das Boot leelastig getrimmt ist.“ Durch das Verteilen des Gewichts soll das Boot auf der Wind abgewandten Seite etwas tiefer im Wasser liegen, damit die Segel bei dem geringen Wind von allein auf die richtige Seite fallen.

          An diesem Vormittag hat er nur zwei Boote zu betreuen. Im Sommer sind bis zu sechs Boote mit je zwei Schülern auf dem Wasser, eine Gruppe am Vormittag, eine am Nachmittag. Der Praxiskurs findet an fünf Terminen statt und kostet 419 Euro. Der Theorieteil, der für Motor und Segeln kombiniert angeboten wird, umfasst sechs Abendtermine und kostet 239 Euro. Bultmann arbeitet hauptberuflich anderswo, als kaufmännischer Angestellter. Er trägt mehrere Ringe im Ohr, einen Kinnbart und einen silbernen Anhänger in Form einer Walflosse um den Hals; wofür er lebt, steht auf seinem Unterarm: „Carpe Ventem“ - „Nutze den Wind“.

          Häuser am Westhafen fangen den Wind ab

          „Wie würdet ihr mich denn wieder ins Boot kriegen, wenn ich ohnmächtig im Wasser liege?“, fragt Bultmann. Über den Ernstfall haben sich Steuermann Christian und Vorschoter David noch keine Gedanken gemacht. „An der Seite?“, fragt David. „Wenn du das bei diesem Boot machst, kippt es um, und wir liegen beide im Wasser“, sagt der Segellehrer. „Über das Heck“ wäre richtig gewesen.

          Auch David hat eher andere Segelreviere als den Main im Visier. Die Skyline am Westhafen gefällt ihm zwar gut, doch die Häuser fangen zu viel Wind ab. Ihm ist aber vor allem wichtig, dass er die Segeltermine am Wochenende wahrnehmen kann und nicht weit fahren muss. Den „Sportbootführerschein Binnen“ braucht er als Nachweis, weil viele Bootsverleiher den auch für Gewässer sehen wollen, in denen er nicht Vorschrift ist.

          Manöverkritik vom Motorboot: Segellehrer Thomas Bultmann findet immer was.
          Manöverkritik vom Motorboot: Segellehrer Thomas Bultmann findet immer was. : Bild: Müller, Norbert

          Nach dreieinhalb Stunden geht es wieder in den Hafen. David, der nun am Ruder sitzt, steuert mittig auf den Flusskrebssteg zu, der das Mainufer mit der Hafenmole verbindet. Nur ein paar Zentimeter liegen zwischen dem Windfähnchen auf dem Mast und dem Steg. Aber es passt.

          Am heutigen Nikolaustag sind die Boote ein letztes Mal auf den Main fahren. Nun ist die Saison zu Ende. Über den Winter ist Zeit genug, um den Wind verstehen zu lernen.

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