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Segeln auf dem Main : Wenden bei Windstärke 1

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Stilles Wasser: Zum Üben ist das Becken des Westhafens ideal Bild: F.A.Z. - Marcus Kaufhold

Wer auf dem Main segelt, hat mit einigem zu kämpfen: Der Wind bläst wechselhaft, die Berufsschifffahrt stört, und zwischen den Ufern muss man ständig wenden. Aber es hat auch seinen Reiz, mitten durch die Stadt zu schippern.

          Ein laues Lüftchen weht durch den Westhafen. Windstärke 1 von möglichen 4 bis 5, schätzt Clemens Divisch vom Segelcenter Frankfurt. „Null ist Windstille, wir haben Glück“, sagt der zweiundzwanzigjährige Segellehrer. Für den Anfängerkurs, der die nächsten vier Stunden die Boote vorbereiten und die ersten Manöver fahren wird, sind die Bedingungen optimal.

          Ina von Raven läuft zielstrebig den langen Bootssteg herunter, der vom kleinen Glaswürfel des Segelcenters direkt zu den Anlegestellen im Hafenbecken führt. „Du möchtest aber nicht nachher noch essen gehen“, sagt Divisch, als er bemerkt, dass die Schülerin weder eine Hose noch Schuhe zum Wechseln dabei hat. Schließlich könnte es etwas nass werden während der Unterrichtsstunde auf dem Main. Mancher angehender Segler muss aber auch das erst noch lernen.

          Prüfung zum Erwerb des Sportbootführerscheins

          Mittlerweile haben sich auch die anderen fünf Segelschüler eingefunden, um nach dem Theorieunterricht ihren ersten Ausflug aufs Wasser zu unternehmen. Für die Prüfung zum Erwerb des „Sportbootführerscheins Binnen“ müssen sie eine ganze Reihe von sogenannten Pflichtmanövern fahren: Beim „Wenden“ und „Halsen“ ändern sie die Fahrtrichtung, und das „Boje über Bord“-Manöver ist eigentlich eine „Mann über Bord“- Übung für den Fall, dass das Boot einmal kentert.

          Bevor es tatsächlich losgehen kann, werden die Segel an den kleinen grauen Jollen angebracht: das Großsegel und die „Fock“, das kleine Vorsegel an der Spitze des Bootes. Achter und Palstek sind zwei der Knoten, die die Schüler dabei knüpfen müssen. „Weil wir heute wenig Wind haben, fahren wir mit lockeren Segeln“, sagt der Segellehrer Thomas Bultmann und zeigt dem Schüler André Zander, wie man das Segel mit der Großschot, einem Seil, am Boot befestigt. Zander zieht es durch zwei Schlaufen und befestigt es dann mit einem Palstek am Boot.

          Ina und André – Segler nennen sich natürlich beim Vornamen – steigen ins Boot, sie nimmt hinten Platz, er ihr gegenüber vorne. „Klar zum Wenden“, sagt Ina. „Ist klar“, entgegnet André. Dann passiert nichts, Ina hat das dritte Kommando vergessen: „Ree“. Es gibt Gelächter und geht von vorne los. Beide wechseln von der einen Bootseite auf die andere, Ina hat dabei die „Pinne“, einen Metallstab zum Lenken des Boots, in der linken und die Großschot in der rechten Hand. Während sie die Position wechselt, darf sie beides nicht loslassen. „Klar zum Ablegen“, „Leinen los“, „Fock rüber“, gibt Thomas die Signale. Zielstrebig geht es zur anderen Seite des Hafenbeckens. Andrè und Ina bekommen die erste Wende gut hin.

          „Viel mit Wenden und Halsen beschäftigt“

          Nicht nur im Westhafen gehen die Segler derzeit aufs Wasser, auch die Frankfurter Vereine rüsten sich für die beginnende Saison. Wegen des lange Zeit kühlen Frühlings ist man dieses Jahr etwas später dran als sonst. Beim Segelclub Undine in Fechenheim holen die Mitglieder ihre Boote aus dem Winterlager, es wird gewaschen, poliert und gewachst. An dieser Stelle ist der Main breiter als in der Innenstadt. Weniger Häuser stören den Wind, die Segler können sich austoben, wie Clubmitglied Jürgen Bals sagt. Für Pfingstmontag lädt der Verein zum feierlichen Ansegeln, das offiziell die Saison eröffnet.

          Im Westhafen ist unterdessen der dritte Segellehrer, Christian Meyer, mit dem Motorboot in das größere Hafenbecken gefahren. Mit ihm haben sich die drei Ausbildungsboote dorthin vorgewagt. „Die Fortgeschrittenen fahren auch auf den Main raus bis zum Eisernen Steg“, berichtet er. Die müssten dafür aber schon „Boje über Bord“ geübt haben und dürften auch nicht so schnell kentern. Das sei wegen der großen Motorschiffe zu gefährlich.

          Warum es keinen Spaß machen sollte, auf dem Main zu segeln – mit der Strömung, der Enge, der Berufsschifffahrt –, kann Christian Meyer nicht verstehen. „Klar ist man viel mit Wenden und Halsen beschäftigt. Aber es ist doch auch schön, durch die Stadt zu segeln“, findet er. Auch auf größeren Seen wie zum Beispiel der Müritz in Mecklenburg habe man einen Vorteil, wenn man „Strömung fahren könne“, sagt Segellehrer und stellt den Motor aus. Der Wind hat sich nun ganz gelegt. Die drei Boote und ihre Segler treiben flussabwärts.

          Törn auf dem Chiemsee

          Mittlerweile ist es später Nachmittag, die Segelstunde fast beendet. Ina, André und ihr Maestro Thomas machen Pause und haben es sich auf dem Anleger im Westhafen bequem gemacht. Die Stimmung ist gut, auch wenn Ina, die schon oft bei ihrem Mann „als Ballast mitgesegelt ist“, die ersten Wendemanöver noch nicht als Erfolg verbuchen mag. Doch Thomas beruhigt: Am Anfang sei das Segeln noch stressig, aber nach zwei bis drei Versuchen fühle man, woher der Wind kommt. „Dann wird alles einfacher.“

          Für den Sechsunddreißigjährigen, der im Hauptberuf als kaufmännischer Angestellter arbeitet, ist das Segeln eine Leidenschaft. „Du bist auf dem Wasser, hast deine Ruhe. Es ist wie ein Tag Urlaub.“ Und warum ausgerechnet der Main so verlockend ist? „Es geht doch um die Sache selber, nicht darum, von einem Punkt zum anderen zu kommen und immer eine neue Umgebung zu haben“, meint Thomas.

          André, der aus der Nähe des Chiemsees kommt, hegt den Traum vom Segeln schon lange und ist mit dem ersten Versuch ganz zufrieden. „Nur wenn der Wind stärker wird, gibt es Chaos, und das Wenden klappt nicht mehr“, sagt der Einunddreißigjährige. Die Voraussetzungen für den nächsten Törn auf dem Chiemsee sind aber gut. Dort wird sich André entspannt in den Wind legen und das nächste Wendemanöver für eine Weile vergessen können.

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