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Schwule im Rentenalter : „Heute fühle ich mich richtig frei“

  • -Aktualisiert am

Leben wie ein älteres Ehepaar in den eigenen vier Wänden: Paar Antonio Gonzales (links) und Detlef Schmidt Bild: Rainer Wohlfahrt

Als sie jung waren, wurden sie noch vom Staat verfolgt. Jetzt geht die erste Generation offen schwul lebender Männer in Rente - und bereitet sich auf das Leben im Alter vor.

          10 Min.

          Die Lichtreflexionen der Diskokugel wandern über Kaffeetassen, rundliche Bäuche und dünnes, graues Haar. An den Tischen sitzt ein Dutzend älterer Männer, einige tragen sorgfältig gebügelte Oberhemden, andere Pullover in gedeckten Farben, manche Schnurrbärte. Sie essen Kreppel und Kirschkuchen, unterhalten sich, lachen. Kaffeegeschirr und Gläser klappern.

          Die Männer treffen sich seit dem vergangenen Jahr zweimal im Monat hier in der Kneipe „Switchboard“ an der Alten Gasse. Manche kennen sich seit Jahrzehnten, gemeinsame Erfahrungen haben sie zusammengeschweißt. Andere kamen später dazu, suchten Gesellschaft, weil sie in ihrem Leben nur wenige Menschen kennengelernt haben, denen sie sich anvertrauen konnten. Männer, die einen Teil ihrer Persönlichkeit lange Zeit verstecken mussten, weil das, was sie empfanden, nicht nur verpönt, sondern auch strafbar war. Zumindest, wenn sie es offenbarten. Jetzt sind viele von ihnen im Rentenalter. Das „Café Karussell“ im „Switchboard“ der Frankfurter Aids-Hilfe ist ein Treffpunkt für schwule Männer der „Generation 60 plus“.

          Fachleute schätzen, dass in Frankfurt ungefähr 5000 homosexuelle Männer leben, die älter als 65 Jahre sind. Im Gegensatz zu den jungen Schwulen, die in Szeneclubs feiern gehen oder auch mal am „Christopher Street Day“ in schrillen Kostümen durch die Straßen tanzen, werden sie kaum wahrgenommen. Viele leben zurückgezogen, manche verstecken ihre sexuelle Orientierung aus Angst vor Zurückweisung noch immer. Wenn andere in Altenheimen von ihren Familien erzählen, schweigen Homosexuelle. Pflegefachleute sagen, viele von ihnen seien traumatisiert.

          Hat ein Buch über sein Leben als Schwuler geschrieben: Horst Altmann
          Hat ein Buch über sein Leben als Schwuler geschrieben: Horst Altmann : Bild: ©Helmut Fricke

          Eltern beim „Outen“ gefasst

          Die Männer beim „Café Karussell“ sind zwischen 60 und 80 Jahre alt. Die meisten von ihnen verstecken sich heute nicht mehr, einige haben sogar öffentlich für die Rechte von Homosexuellen gekämpft. Bisher sind nur Einzelne auf Betreuung angewiesen, aber einige denken schon darüber nach. Etwas abseits der Tische sitzt Horst Altheimer auf einem Barhocker und rührt in seinem Milchkaffee. Der drahtige Neunundsechzigjährige mit dem grauen Vollbart sagt: „Das ist hier mein Stammplatz, wer sich mit mir unterhalten möchte, kann gerne vorbeikommen.“ Dass er ein ruhiger Typ ist, merkt man auch, wenn man ihn in seiner Wohnung im Gallusviertel besucht. Alles hat seinen Platz in den beiden Zimmern. Die Pflanzen stehen vor dem Fenster auf kleinen Schemeln, auf der Schreibtischplatte liegen Papiere und Stifte im rechten Winkel, Kissen sind in gleichmäßigen Abständen auf dem Sofa verteilt. Eine seiner beiden Katzen hat es sich dazwischen bequem gemacht, die andere auf dem frisch gemachten Bett im Schlafzimmer. Inzwischen verbringt Altheimer viel Zeit zu Hause. Statt wie früher auszugehen, legt er sich auf die Couch und liest Bücher. „Heute lasse ich es mir gutgehen.“

          Dass er schwul ist, darüber war sich Horst Altheimer schon mit 18 im Klaren. Seine Eltern reagierten gefasst, als er sich „outete“. Aber irgendwas sei danach anders gewesen, sagt er. Seine Mutter wollte auf einmal Miete von ihm haben. Als er 21 Jahre alt war und seine Lehre als Konditor hinter sich hatte, zog er aus.

          Die Eltern waren für den jungen Mann das geringste Problem. Schwul zu sein bedeutete Anfang der sechziger Jahre, sich verstecken zu müssen, denn auch nach dem Krieg galt Paragraph 175 Strafgesetzbuch unverändert. Darin hieß es: „Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht missbrauchen lässt, wird mit Gefängnis bestraft.“ Die Hoffnung vieler Homosexueller, dass das Gesetz in der Bundesrepublik seine Gültigkeit verlieren würde, hatte sich nicht erfüllt. Erst 1968 wurde es von der Großen Koalition reformiert. Danach waren nur sexuelle Kontakte mit Minderjährigen strafbar. Vollständig gestrichen wurde der Paragraph erst 1994.

          „Ganz schön warm hier, gell?“

          Wie er die Zeit davor erlebte, das hat Horst Altheimer detailliert aufgeschrieben: das Leben eines Schwulen auf 600 DIN-A4-Seiten. Genau wie heute habe man ihn in den sechziger Jahren nicht sofort als Homosexuellen erkannt, sagt er. Aber in manchen Situationen hätten die Leute gespürt, dass er anders war. „Ganz schön warm hier, gell?“, riefen sie ihm an der Bushaltestelle zu - im tiefsten Winter.

          Ein anderes Mal blieb es nicht bei einer abfälligen Bemerkung: Mit zwei Freunden saß Altheimer in einer Kneipe, auf der Bühne spielte eine Band. Auf einmal fingen drei junge Männer an, sie zu beleidigen - „sehr zur Belustigung einiger Anwesender“. Die Freunde verließen das Lokal, aber die anderen Männer kamen hinterher, johlend, mit Fäusten drohend. Einer fing an zu treten, ein anderer schlug zu. Die drei Freunde sahen sich um, rannten in verschiedene Richtungen. Altheimer schreibt: „Ich lief die Straße hinunter, so lange, bis ich stolperte und hinfiel, man holte mich ein, noch während ich am Boden lag, trat und drosch man weiter auf mich ein.“

          Ärger bei offenem Bekenntnis zum Schwulsein

          Er kam schließlich mit ein paar Schrammen und zerrissenen Kleidern davon, aber es blieb das Gefühl, dass solche Szenen sich jederzeit wiederholen konnten. In dieser Zeit zog Altheimer in eine Hochhaussiedlung in Niederrad. Möglichst anonym sollte die Wohnung sein, denn er hatte von Bekannten gehört, denen Vermieter gekündigt hatten, weil sie verdächtig häufig Herrenbesuch empfingen.

          Wer zu offen mit seiner Homosexualität umging, bekam Ärger. Zu Beginn der fünfziger Jahre war Frankfurt die erste Stadt, in der Strafverfolger nach dem Krieg in einer gezielten Aktion gegen Schwule vorgingen. Der Frankfurter Buchhändler Dieter Schiefelbein hat die Ereignisse detailliert recherchiert und als Aufsatz veröffentlicht.

          Als eine Art Kronzeuge dient den Behörden damals ein Strichjunge namens Otto Blankenstein. Nachdem er im Sommer 1950 festgenommen wird, behauptet er, mit mehr als 70 Männern in der Stadt sexuelle Kontakte gehabt zu haben, unter ihnen viele, die bürgerlich lebten - ganz normale Angestellte, auch Familienväter. Offenbar hat sich Blankenstein über deren Identitäten Notizen gemacht. Warum solle er allein einsitzen, während andere spazierengehen, soll er gefragt haben.

          Mehrere hundert Personen werden nach Blankensteins Aussagen vernommen, gegen weit mehr als 100 wird Anklage erhoben. Um einer harten Strafe zu entgehen, denunzieren sich viele Beschuldigte gegenseitig, etliche leben mit der ständigen Angst, entdeckt zu werden. Die „Frankfurter Prozesse“ erregen in ganz Deutschland Aufsehen, auch überregionale Medien kommentieren das scharfe Vorgehen des jungen Staatsanwalts Fritz Thiede und des Richters Kurt Romini, der schon unter den Nationalsozialisten „Unzuchtssachen“ bearbeitet hatte.

          Schwulenstrich in der Taunusanlage

          Er wende sich nur gegen gewerbliche Unzucht und gegen die Verführung Minderjähriger, rechtfertigt sich der Richter und verweist auf die Taunusanlage, wo sich nach dem Krieg ein Schwulenstrich etabliert hatte. Andere werfen Thiede und Romini vor, mit der Aktion Existenzen zu vernichten. Der „Spiegel“ zitiert am 29. November 1950 einen Rechtsanwalt: „Die menschliche Bilanz der Verfahren werden wir erst später ziehen können, wenn wir die Selbstmorde, die vernichteten Existenzen und die vielleicht 150 Jahre Gefängnis der ersten Prozesse addieren.“ Mehrere Selbsttötungen werden mit den Prozessen in Verbindung gebracht, ein junger Mann soll sich aus Angst vor Strafverfolgung vom Goetheturm gestürzt haben, ein anderer vergiftet sich in einem Kino.

          Auch in den sechziger Jahren werden Homosexuelle nach Paragraph 175 strafrechtlich verfolgt, einige zerfledderte Akten im Hessischen Staatsarchiv in Wiesbaden zeigen noch, wie die Behörden damals vorgingen. Im Mai 1963 etwa ermittelt die Frankfurter Kriminalpolizei gegen einen Hotelkaufmann, der an der Eschersheimer Landstraße das Lokal „Oase“ betreibt. Ein junger Mann, der in Preungesheim wegen Scheckbetrugs in Untersuchungshaft sitzt, belastet ihn, weil er nach Ladenschluss in seinem Lokal „Männer-Partys“ veranstalte. Dabei komme es immer wieder zu „gleichgeschlechtlichen Unzuchtshandlungen“, vermerken die Beamten in der Ermittlungsakte.

          Der Kneipenwirt bestreitet die Vorwürfe, also werden zwei „aktenmäßig bekannte Homosexuelle“ zur Vernehmung einbestellt, die an den Abenden teilgenommen haben sollen. Sogar im Gefängnis München-Stadelheim wird ein ehemaliger Kellner, der dort wegen schweren Diebstahls einsitzt, zu dem Fall befragt. Doch die Aussagen sind vage und widersprechen sich gegenseitig. Einige Monate später wird das Ermittlungsverfahren eingestellt. Aber ähnliche Fälle gab es immer wieder. Mitte der sechziger Jahre werden in Deutschland jährlich bis zu dreitausend Männer nach Paragraph 175 verurteilt, nach 1968 nimmt die Zahl deutlich ab.

          Filmproduktionen in Hollywood ausgestattet

          Horst Altheimer hat nie Schwierigkeiten mit den Behörden bekommen. Aber er sei eben immer „als graue Maus an der Wand entlanggegangen“, sagt er. Ende der sechziger Jahre zog er nach Sylt, später wanderte er in die Vereinigten Staaten aus. Er sattelte zum Lederdesigner um, mehr als 20 Jahre arbeitete er als Selbständiger, stattete auch Filmproduktionen in Hollywood mit Kostümen aus. Altheimer hatte Freunde, Beziehungen, er richtete sich auf ein Leben in Amerika ein. Bis sich sein Gesundheitszustand immer mehr verschlechterte und ein Arzt schließlich feststellte, dass er sich mit HIV infiziert hatte. Vor 13 Jahren kam er zurück nach Deutschland, um sich behandeln zu lassen.

          Heute geht es ihm gut. Nur das Putzen in seiner Wohnung fällt ihm inzwischen schwer. Regelmäßig kommt ein Mann vom „Regenbogendienst“ der Aids-Hilfe vorbei und hilft ihm im Haushalt. Gelegentlich denkt Altheimer darüber nach, was passiert, wenn er in ein paar Jahren auf mehr Hilfe angewiesen sein könnte. In ein normales Pflegeheim zu gehen, das fiele ihm schwer. Er fürchte, von den Mitbewohnern abgelehnt zu werden, sagt er. „Das steckt so tief in mir drin, das kriege ich nicht mehr raus.“

          Dass Homosexuelle wie Horst Altheimer sich Gedanken um ihre Versorgung im Alter machen und immer häufiger offen besondere Bedürfnisse äußern, nehmen auch konservative Politiker zunehmend ernst. Unter dem Titel „Homosexualität und Alter“ hat der hessische Gesundheitsminister Jürgen Banzer (CDU) Anfang des Jahres eine Informationsbroschüre für Pflegeeinrichtungen herausgegeben. Zum ersten Mal sei die Gesellschaft nun mit einer Generation von Homosexuellen konfrontiert, die auch im Alter offen zu ihrer Identität stünden, schreibt der Minister in seinem Vorwort. Verbände und Verwaltungen müssten sich daher „besser auf die Lebenssituation älterer Lesben und Schwuler einstellen“. Der Leitfaden plädiert für eine gezielte Schulung des Pflegepersonals und eigene Angebote für Homosexuelle. Ansonsten bestehe die Gefahr, „dass traumatisierte Lesben und Schwule retraumatisiert werden“.

          „AltenpfleGayheim“ gegründet

          Schon vor zehn Jahren haben einige Homosexuelle in Frankfurt den Verein „AltenpfleGayheim“ gegründet, mit dem Ziel, ein schwul-lesbisches Pflegeheim zu eröffnen. Doch die Mitglieder waren sich nicht immer einig, es mangelte auch an einer wissenschaftlich fundierten Bedarfsanalyse. Die Initiative schlief vor zwei Jahren wieder ein, aber die Idee bestand fort. Der Frankfurter Verband will nun als erster Träger der Stadt im Sozial- und Rehazentrum West eine Wohngruppe für homosexuelle Senioren aufbauen. Mit der Initiative in Rödelheim wolle man auch ein Zeichen für ältere Lesben und Schwule setzen, die sich nie offenbart hätten, sagt Heimleiter Nils Neidhart. Auch wer sich nicht outen wolle, werde von den speziell geschulten Pflegern im Heim mit großer Sensibilität behandelt.

          Bisher ist die Nachfrage nach den Pflegeplätzen allerdings gering. Obwohl es mehrere Anfragen gebe, habe sich erst ein älterer Schwuler verbindlich angemeldet. „Wir haben da sicher noch einen langen Weg zu gehen“, sagt Neidhart. Auf jeden Fall wolle die Einrichtung nun gezielt mit dem neuen Angebot werben. Als Plattformen sollen dabei Einrichtungen wie das „Café Karussell“ dienen.

          Auch Detlef Schmidt und Antonio Gonzalez gehen regelmäßig zu dem Seniorenstammtisch. Das Paar lebt in einer Wohnung in Darmstadt-Eberstadt. An einem Sonntag sitzen sie im Wohnzimmer, ein Bekannter aus Frankfurt ist zu Gast. Der Tisch ist mit Porzellangeschirr gedeckt, es gibt Kaffee und Schwarzwälder Kirschtorte. Im Hintergrund krächzt und pfeift Papagei „Anton“ in seinem Käfig.

          In den sechziger Jahren noch Frauen geliebt

          Antonio Gonzalez ist ein kleiner, freundlicher Mann mit grauem, kunstvoll gezwirbeltem Bart. Er stammt aus Sevilla und kam 1967 als Vierundzwanzigjähriger nach Deutschland, eine Baufirma aus Langen hatte ihn als technischen Zeichner eingestellt. Im Vergleich zum Süden Spaniens habe das Rhein-Main-Gebiet ihm als Homosexuellen damals schon wesentlich mehr Freiheiten ermöglicht, sagt er. In den siebziger Jahren konnten schwule Männer, von gelegentlichen Polizeikontrollen abgesehen, weitgehend ungestört in einschlägigen Lokalen und Parks Kontakte aufnehmen. In den Kneipen und Bars wurde geredet und getrunken, dann ging man in der Friedberger Anlage spazieren, um schließlich miteinander in einer öffentlichen Toilette zu verschwinden. Ganz selbstverständlich erzählen manche Homosexuelle heute von ihren Erlebnissen in den „Klappen“, wie die Treffpunkte für schnellen und anonymen Sex in der Schwulenszene heißen.

          Detlef Schmidt liebte in den sechziger Jahren noch Frauen. Zumindest dachte er das, obwohl er schon merkte, dass ihn auch Männer interessierten. Anfang der siebziger Jahre heiratete er sogar. In der Garderobe der Wohnung hängt ein kleines gerahmtes Bild, das Schmidt mit seiner Frau im Darmstädter Standesamt zeigt, sie mit hellem Kleid und Blumenstrauß, er mit Anzug und dunklem Vollbart. Heute ist sein Haar grau und deutlich dünner, anstatt des Vollbarts trägt er nur noch einen Schnauzer. Der Fünfundsechzigjährige sagt, er habe es mit den Frauen damals „einfach probiert“. Was hätte er auch tun sollen? Um ihn herum schien Homosexualität nicht zu existieren. Als er Mitte dreißig war, merkte er, dass es nicht funktionierte. Seine Frau hat die Trennung scheinbar gut verkraftet, sagt Schmidt. Aber vor einigen Jahren ist der Kontakt abgebrochen.

          In ihrer Wohnung leben die beiden Männer wie ein älteres Ehepaar. Sie kochen und essen oft zusammen, ist einer von beiden krank, versorgt ihn der andere. Aber was passiert, wenn sie mal nicht mehr so problemlos in ihren eigenen vier Wänden im fünften Stock leben können? Angst vor Ablehnung in einem Pflegeheim habe er nicht, sagt Antonio Gonzalez. Er schwingt die Hand durch die Luft und sagt: „Heute fühle ich mich richtig frei.“ Angenehmer wäre es allerdings schon, mit anderen Homosexuellen zusammenzuleben, meinen die Männer, dann müssten sie sich nicht bei endlosen Gesprächen über Kinder und Enkel langweilen.

          „Homolulu-Festival“ in der Stadt

          Auch Dimitrios Panagiotou hat im Laufe der Jahre zu sich gefunden. „Irgendwann musst du dich frei machen oder du gehst kaputt“, sagt der 72 Jahre alte gebürtige Grieche. Panagiotou, gepflegtes graues Haar, dunkler Anzug, sitzt nach dem „Café Karussell“-Treffen als Letzter im „Switchboard“, fährt mit dem Finger über den Rand seines Weißweinglases und erzählt. 1963 zog er aus der griechischen Provinz nach Karlsruhe. Sein erster Freund in Deutschland war ein verheirateter Familienvater. Die Fassade brach zusammen, als die Polizei die beiden zusammen erwischte. Einige Monate später habe sich der Freund das Leben genommen, erzählt Panagiotou. Er schließt kurz die Augen und schluckt.

          Ende der sechziger Jahre kam er dann nach Frankfurt, arbeitete erst als Filialleiter beim Fußpflegeanbieter Scholl und fing später bei der Dresdner Bank an. Lange verheimlichte er bei der Arbeit, dass er schwul war. 1979 demonstrierte und feierte dann die homosexuelle Szene auf dem „Homolulu-Festival“ in der Stadt, auch Panagiotou. Und als er am nächsten Morgen ins Büro kam, grinsten die Kollegen. „Dimitri, ich hab dich gestern in der Hessenschau gesehen“, sagte einer. „Du hattest eine rosa Nelke hinterm Ohr.“ Fortan brauchte sich Panagiotou nicht mehr zu verstecken.

          Vor ein paar Jahren war er beim Verein „AltenpfleGayheim“ aktiv. „Aber solange es geht, möchte ich in meiner eigenen Wohnung bleiben“, sagt der Zweiundsiebzigjährige. Sollte er irgendwann doch Pflege brauchen, dann sei es ihm inzwischen egal, ob er nun in ein Heim für Schwule und Lesben oder für Heterosexuelle komme. „Viel wichtiger wäre mir, dass die Qualität stimmt und dass ich einen Balkon habe.“ Momentan denkt Panagiotou allerdings nicht so viel ans Altenheim - er hat seit ein paar Monaten einen neuen Lebensgefährten. Der ist ein erfolgreicher Geschäftsmann und fast 30 Jahre jünger als er.

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