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Schulpolitik : Schulstreik im „Bildungsland“ trifft Koch in seinem Kernthema

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Vom „Bildungsland Hessen“ spricht Ministerpräsident Koch gerne und oft, doch an der Frankfurter „Schule am Hang“ findet er wenig Glauben. Der dortige Streit trifft Koch und die Union bei einem ihrer Kernthemen.

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          Vom „Bildungsland Hessen“ spricht Ministerpräsident Roland Koch (CDU) gerne und oft, doch an der Frankfurter „Schule am Hang“ findet er wenig Glauben. Dort haben die Eltern aus Ärger über ausfallende Stunden und häufigen Lehrerwechsel für ihre 400 Kinder einen Unterrichtsboykott organisiert: Seit Montag streikt jeden Tag eine andere Klasse; statt zur Schule gehen die Kinder in ein Hotel, wo ihnen ein pensionierter Lehrer Stunden gibt. Häufig filmen Fernsehkameras die offene Mißachtung der Schulpflicht - solche Bilder kommen denkbar ungelegen für eine Regierung, die Bildungspolitik zu ihrem Markenzeichen erklärt hat.

          Sie sind noch unangenehmer, weil Koch mit seinem Kernthema in die Defensive geraten ist. 1000 Lehrerstellen muß er in diesem Jahr streichen, die Mittel für Vertretungsverträge werden gekürzt, die versprochene Reform der Lehrerausbildung ist lange überfällig. Für die Lehrergewerkschaft GEW ist der Schulstreik von Bergen-Enkheim deshalb auch nur die „Spitze des Eisbergs“, wie Landesvorsitzender Jochen Nagel sagt: Der sichtbare Ausdruck einer so verbreiteten wie unterschwelligen Unzufriedenheit an den hessischen Schulen.
          Dabei haben Koch und seine Kultusministerin Karin Wolff (CDU) beträchtliche Mittel in die Klassenzimmer gelenkt. Dort waren vor ihrem Amtsantritt zahlreiche Stunden ausgefallen. Seiner Neigung zu prägnanten Formulierungen folgend, zog Koch deshalb mit dem plakativen Versprechen einer „Unterrichtsgarantie“ in die Landtagswahl 1999. Bald nach seinem Sieg legte er sogar noch eine „Unterrichtsgarantie plus“ nach.

          Landeselternbeirat: jüngste Kürzungen „schon sehr ärgerlich“

          Dank 3.000 zusätzlicher Lehrerstellen und eines Etats für Vertretungsmittel wird der Pflichtunterricht inzwischen in der Regel abgedeckt, stellt Sybille Goldacker vom Landeselternbeirat fest. Allerdings seien auch die Ansprüche gewachsen: „Die Eltern sind viel kritischer geworden - unter anderem deshalb, weil man ihnen die Unterrichtsgarantie versprochen hat.“ Deshalb seien die jüngsten Kürzungen „schon sehr ärgerlich“.

          Kultusministerin Wolff sieht sich wegen der hohen Erwartungen unter dem „Fluch der guten Tat“. An ihrer Garantie hält sie fest. Die 1000 wegfallenden Lehrerstellen gleicht sie aus, indem sie das Stundenpensum der übrigen Pädagogen erhöht. In der Praxis geht die Rechnung aber nicht so einfach auf, wie Sybille Goldacker weiß: Immer mehr Lehrer müßten zusätzliche Stunden in fremden Fächern oder an anderen Schulen geben, kleine Klassen würden zu großen zusammengelegt. Unter dem hohen Pensum leide die Qualität, klagt Nagel: „Montags in der ersten Stunde 'rein, freitags in der sechsten 'raus - das wirkt sich auf den Unterricht aus.“

          „Das kann man mit Grundschulkindern nicht machen“

          Die Situation an der Bergen-Enkheimer Schule am Hang hält Goldacker allerdings für außergewöhnlich. Auslöser des Streiks war die Neubesetzung zweier freigewordener Lehrerstellen mit abgeordneten Kräften aus anderen Schulen. Die Eltern fürchten, daß sie zum Ende des Schuljahrs im Sommer wieder abgezogen werden: „Alle paar Monate eine neue Bezugsperson - das kann man mit Grundschulkindern nicht machen“, sagt Elternbeiratsvorsitzende Antje Trieschmann. Zumal jede Zwischenlösung mit Vertretungslehrern zunächst einmal Stundenausfall bedeute. Noch gößere Probleme erwartet sie im Sommer, wenn fünf Lehrerinnnen gleichzeitig in Pension gehen.

          Dauerlösungen mit nahtlosem Anschluß sind nach Darstellung des Kultusministeriums aber die große Ausnahme. Bei Krankheit, Beförderung oder Mutterschaftsurlaub dauere es seine Zeit, bis ein Nachfolger gefunden sei, sagt Sprecher Ralf Hörnig. Oft müsse man mit Vertretungslehrern überbrücken. Den Streik hält das Ministerium nicht für gerechtfertigt, will die Situation aber auch nicht eskalieren lassen. Obwohl auf Verstöße gegen die Schulpflicht Bußgelder stehen, wolle man den Eltern gegenüber „keine Drohkulisse aufbauen“, sagt Hörnig. Lieber möchte Ministerin Wolff die Angelegenheit geräuschlos beilegen. Am Freitag hat sich einer ihrer Abteilungsleiter bei den Bergen-Enkheimer Eltern angesagt.

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