https://www.faz.net/-gzg-9nt50

Schulplatzmangel in Frankfurt : Es war nicht die Schülerzahl allein

Endlich Fortschritt im Schulentwicklungsplanung?

Freilich war es auch in jenem Jahr so, wie es gesetzlich gar nicht anders möglich ist: Alle Kinder, die den gymnasialen Bildungsgang gewählt hatten, bekamen ihn auch. Allerdings viele nicht auf der gewünschten Schule und manche auch nicht in der Schulform Gymnasium, sondern in einer Kooperativen oder Integrierten Gesamtschule. Dass ausgerechnet 2015 das Gymnasium Nied eröffnete, war Segen und Fluch zugleich. Segen, weil die neue Schule einen großen Teil der Kinder aufnehmen konnte, die von den bis an den Rand gefüllten und nicht mehr erweiterbaren Innenstadt-Gymnasien abgewiesen worden waren.

Fluch, weil das Gymnasium Nied den meisten Eltern als völlig unannehmbar erschien. Während sie eine Zuweisung an eine andere Schule noch hingenommen hätten, wollten sie sich nicht mit einer Bildungsstätte ohne jegliche Referenzen abfinden, die in Ermangelung eines langfristigen Standorts in einer Containeranlage in Höchst untergebracht war, also weit weg von den Wohnorten der Familien lag und kompliziert mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen war.

Das führte zu einer Welle von Widersprüchen und Klagen, die das ganze System der Schulplatzvergabe ins Wanken brachte – aber auch immerhin dazu, dass die städtische Schulentwicklungsplanung endlich in Gang kam. Jahr für Jahr werden seither neue weiterführende Schulen eröffnet, vor allem solche mit Gymnasialplätzen: das Gymnasium Nord, die Kooperative Gesamtschule Niederrad, das Gymnasium Römerhof. Dass die Zahl der Zuweisungen trotzdem auf hohem Niveau blieb und 2018 sogar einen Rekord erreichte, liegt daran, dass Eltern sich bei der Schulwahl tendenziell konservativ verhalten: Im Zweifel bevorzugen sie etablierte Bildungsstätten.

Mit Vertrauen steigen Anmeldezahlen

Hinzu kommt, dass neue Gymnasien meist größer sind als alte. Während die Innenstadt-Gymnasien oft nur vier Parallelklassen haben, bildet das Gymnasium Nord zum nächsten Schuljahr sieben, das Gymnasium Nied, das inzwischen Adorno-Gymnasium heißt, sogar acht fünfte Klassen. Es wäre also höchst verwunderlich, wenn diese Schulen von Anfang an ausgebucht gewesen wären. In den ersten Jahren sind Zuweisungen fast unvermeidlich, wenn es aber gelingt, das Vertrauen der Familien zu gewinnen, steigen die Anmeldezahlen.

Oft macht sich die Akzeptanz zunächst bei den Zweitwünschen bemerkbar, die anzeigen, dass die Eltern zwar einen anderen Favoriten haben, die Schule aber grundsätzlich positiv wahrnehmen. So inzwischen auch im Fall des Adorno-Gymnasiums, das nicht nur den Namen gewechselt hat, sondern im Sommer auch in eine schicke Holzmodulanlage an den Campus Westend der Goethe-Universität zieht und in der Nähe einen Neubau bekommt. Die höhere Anmeldezahl für das Adorno-Gymnasium ist ein Grund, weshalb die Gesamtzahl der zugewiesenen Gymnasiasten in diesem Jahr um mehr als 100 gesunken ist.

Es ist allerdings nicht anzunehmen, dass der „Lenkungsbedarf“ alsbald wieder auf das Niveau der Jahre vor 2015 fallen wird. Die Schülerzahlen steigen weiter: Im Jahr 2024 werden nach Berechnungen der Stadt mindestens 6200 Viertklässler auf eine weiterführende Schule wechseln. Zugleich bleiben die Spielräume, bestehende Gymnasien zu vergrößern, überschaubar. Und so plant die Stadt weitere neue Schulen: In gut einem Jahr soll ein Gymnasium in der Region Mitte-Nord eröffnen. Aber auch diese Schule wird wie alle anderen Neulinge um die Anerkennung der Eltern ringen müssen und deshalb aller Voraussicht nach in den ersten Jahren mit Zuweisungen aufgefüllt werden.

Weitere Themen

Topmeldungen

Es ist das erste Mal, dass Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel ausrichtet.

G-7-Gipfel : Wer reden will, soll ruhig reden

In Biarritz inszeniert Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel voller Überraschungen. Er überrumpelt Trump und lässt den iranischen Außenminister einfliegen. Ganz offensichtlich hat der französische Präsident aus seinem Anfängerfehler gelernt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.