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Schulempfehlungen : "Lehrer sind keine Hellseher"

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Nach Überzeugung von Kultusministerin Karin Wolff (CDU) können Hessens Eltern den Empfehlungen der Grundschullehrer für die weiterführenden Schulen vertrauen.

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          Nach Überzeugung von Kultusministerin Karin Wolff (CDU) können Hessens Eltern den Empfehlungen der Grundschullehrer für die weiterführenden Schulen vertrauen. Damit widerspricht sie der aktuellen Untersuchung des Schulforschers Rainer Block von der Universität Duisburg-Essen, wonach Empfehlungen der Grundschule für den Besuch der Realschule oder des Gymnasiums häufig nicht zuverlässig sind. Auch die hessische Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und die Grüne Jugend Hessen monieren die seit langem umstrittene Praxis. Denn die Eltern haben in Hessen zwar das letzte Wort bei der Wahl der weiterführenden Schule, aber schon in der Jahrgangsstufe 5 bis einschließlich Klasse 7 können Schüler querversetzt werden.

          Die Diskussion um die Empfehlungen wird mitten im aktuellen Verfahren geführt. Denn am 3. Februar ist die Zeugnisvergabe, darum herum ranken sich Fristen und Termine für die Empfehlungen. Erste Elternversammlungen mit allgemeinen Informationen sollte es nach einer Verordnung des Kultusministeriums bis zum Ende des ersten Schulhalbjahres, nach Möglichkeit noch vor Beginn der Weihnachtferien, in der Jahrgangsstufe 4 der Grundschulen (und in der Jahrgangsstufe 6 der Förderstufe) gegeben haben. Bis zum 25. Februar müssen die Eltern möglichst durch den Klassenlehrer einzeln beraten werden. Die Eltern müssen den Antrag für den Besuch der weiterführenden Schule dann bis zum 5. März stellen. Die Empfehlung der Klassenkonferenz, bestehend aus Klassenlehrer und allen das Kind unterrichtenden Fachlehrern, ist ebenfalls in diesem Zeitraum auszusprechen, da die Eltern der Grundschule bis zum 5. April mitteilen müssen, ob sie ihre Wahlentscheidung entgegen dem Votum der Klassenkonferenz weiter aufrechterhalten wollen.

          Wolff weist die Kritik an den Empfehlungen zurück, da hierfür nicht nur der Leistungsstand der Kinder, sondern auch ihr Arbeitsverhalten und ihr Entwicklungspotential ausschlaggebend seien. Die Kinder würden zudem nicht erst am Ende, sondern vier Jahre lang kontinuierlich beobachtet, individuell begleitet und gefördert. Zudem habe das Land in den vergangenen Jahren viel getan, um nach der Pisa-Studie die Diagnosefähigkeit der Grundschullehrer zu stärken.

          Genau dies sei aber gar nicht möglich, "da selbst der beste Lehrer bei einem zehn Jahre alten Kind die weitere Entwicklung höchstens für die nächsten zwei Jahre, nicht aber für die gesamte Schullaufbahn einschätzen kann", meint Hessens GEW-Vorsitzender Jochen Nagel. Lehrer seien keine Hellseher; das gleiche gelte für die Eltern. Schulempfehlungen seien daher unzuverlässiger "als der schlechteste Wetterbericht". Statt "soziale Selektion" zu betreiben, müßten endlich die Übergänge zwischen den Schulformen aufgelöst, ein neues System installiert und eine "Schule für alle" geschaffen werden. "Ansonsten werden die Bildungsprivilegien von jeder Generation an die nächste weitergegeben."

          Als "unwissenschaftlich und verniedlichend" bezeichnete die Grüne Jugend Hessen die Äußerungen von Wolff. Auch die von der Ministerin als "Diagnose-

          Instrument" angeführten Orientierungsarbeiten würden nicht weiterhelfen, da sie von denselben Lehrern ausgewertet würden. Notwendig seien hingegen eine längerer gemeinsamer Unterricht und ein besserer Übergang vom Kindergarten zur Grundschule.

          Selbstverständlich liege die letzte Entscheidung über die Wahl der weiterführenden Schule in Hessen bei den Eltern, betonte Wolff. Nach dem "Dritten Gesetz zur Qualitätssicherung an hessischen Schulen" wurde im vergangenen Jahr jedoch die Möglichkeit der Querversetzung in einen anderen Bildungsgang bis einschließlich der Jahrgangsstufe 7 erweitert. Danach kann ein Schüler unabhängig von der Empfehlung und auch gegen den Willen der Eltern dann in die nächstniedrigere Schulform versetzt werden, wenn eine erfolgreiche Mitarbeit nicht zu erwarten ist und die Wiederholung der Jahrgangsstufe den Schüler in der Entwicklung erheblich beeinträchtigen würde. (uph.)

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