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Schule : Zehn Cent für den Gang auf die Schultoilette

  • Aktualisiert am

Einmal pinkeln soll an der Wöhlerschule künftig einen runden Zehner kosten Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Verdreckt, verstopft und übelriechend: Schultoiletten sind oft ein Ort des Schreckens. Die meisten Schulen führen einen „dauerhaften Kampf gegen den schrecklichen Zustand ihrer Klos“. Die Wöhlerschule hat deshalb jetzt das Konzept einer bewirtschafteten Toilette entwickelt.

          Verdreckt, verstopft und übelriechend: Schultoiletten sind oft ein Ort des Schreckens. Die meisten Schulen führten einen „dauerhaften Kampf gegen den schrecklichen Zustand ihrer Klos“, sagt Michael Damian, Referent von Schuldezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen). Die Wöhlerschule hat deshalb jetzt das Konzept einer bewirtschafteten Toilette entwickelt: Der rund 200.000 Euro teure Neubau soll von einer Toilettenfrau oder einem Toilettenmann beaufsichtigt werden. „Wir suchen nur noch einen Investor oder Sponsor für den Toilettenneubau, dann könnten wir nächstes Jahr loslegen“, sagt Schulleiter Norbert Rehner.

          Jeder Gang soll die Schüler wahrscheinlich zehn Cent kosten, zudem sollen Kulturartikel wie Haarspray und Taschentücher auf dem „stillen Örtchen“ verkauft werden. Während das Schuldezernat Projekte wie dieses unterstützen will, um städtisches Geld für die Sanierung der Toiletten zu sparen, übt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) heftige Kritik. Und auch die Vorsitzende des Landeselternbeirats, Sibylle Goldacker, nennt die Idee „dusselig und untragbar“.

          Vorbilder in Nordrhein-Westfalen und Mittelhessen

          Das sieht Schulleiter Rehner anders. Entstanden sei das Projekt aus dem Arbeitskreis Schulklima. Ein Vater habe eine Umfrage über die Zufriedenheit der Schüler mit ihrer Schule organisiert. Hauptkritikpunkt sei bei allen der Zustand der Sanitäranlagen gewesen, sagt Rehner. Bisher gebe es in den vier Gebäudetrakten der Schule jeweils eine Toilettenanlage. Drei davon sollen geschlossen werden. „Laut Gesetz muß es weiterhin eine kostenlose Toilette an jeder Schule geben“, sagt Rehner, der auf die große Zustimmung der Schulgemeinde zählen kann.

          Vorbild sei die Integrierte Gesamtschule in Köln-Holweide, an der schon 2001 die erste bewirtschaftete Schultoilette Nordrhein-Westfalens eröffnet worden sei. „Wir haben lange und intensiv mit den dortigen Lehrern und der Schulleitung gesprochen, die Erfahrungen sind durchweg positiv“, sagt Rehner. Auch zwei Kooperative Gesamtschulen in Mittelhessen - die Georg-Büchner-Schule in Stadtallendorf sowie die Alfred-Wegener-Schule in Kirchhain - wollen das Problem mit einer Gebühr in den Griff bekommen.

          Andere Schulleiter in Frankfurt sind angetan von der Idee. „Wunderbar. Hätte ich die Zustimmung von Eltern und Schülern, würde ich so ein Konzept auch gerne realisieren“, sagt etwa Manfred Eichenauer, Leiter des Ziehengymnasiums. Auch Hans Werner Jorda, Direktor der Sophienhauptschule, könnte sich die Bewirtschaftung mit einer „Ein-Euro-Kraft-Kraft gut vorstellen - vorausgesetzt, die Kinder können auf einem zweiten Klo auch noch umsonst auf die Toilette“. An seiner Schule sei eine derartige Aktion aber aus Platzgründen nicht möglich: „Wir brauchen keine zweite Toilettenanlage.“ Durch die Aufsicht könne auch das Problem des Rauchens auf der Toilette gelöst werden. Die Schüler selbst würden für eine saubere Sanitäranlage offenbar gerne einen Obolus entrichten. Eine Umfrage des Schulleiters in einer zehnten Klasse ergab, daß alle bereit wären, zehn Cent pro Gang zu zahlen.

          3,6 Millionen Euro werden in diesem Jahr und in den nächsten drei Jahren allein für die Sanierung von Schultoiletten ausgegeben, berichtet Michael Damian vom Schuldezernat: „Aber das Geld reicht hinten und vorne nicht.“ Die Renovierung einer Anlage koste rund 60.000 Euro, die meisten Schulen hätten aber mehrere Einrichtungen, „darum wird das Geld höchstens für 30 Schulen reichen“, so Damian. Wird die Toilette künftig bewirtschaftet, dürften die meisten Beschädigungen ausbleiben. Den Preis von zehn Cent pro Toilettennutzung findet Damian angemessen: „Das ist sozial vertretbar.“

          Schule am Ried setzt auf Toilettenschlüssel

          Verständnis für die Zahl-Klos äußert auch Knud Dittmann, Vorsitzender des hessischen Philologenverbandes. Es gebe an jeder Schule ein paar Ferkel, die die Toiletten fast unbrauchbar machten. Er kenne Schulen, da müßten Schüler ihr Toilettenpapier inzwischen sogar selbst mitbringen, weil mit den zur Verfügung gestellten Rollen sonst die Toilettenrohre verstopft würden.

          Die Schule am Ried setzt seit der Renovierung auf Toilettenschlüssel. Außerhalb der großen Pause sind die Räume verschlossen, jeder Lehrer händigt auf Nachfrage einen Schlüssel aus. „Wir haben damit gute Erfahrungen. Bietet man den Schülern eine angenehme Umgebung, honorieren sie dies auch“, berichtet Beate Lahrmann-Hartung, Leiterin der Gesamtschule, die aber auch die Idee der bewirtschafteten Toilette nachvollziehen kann.

          Keine Akzeptanz finden die Pläne bei GEW-Chef Jochen Nagel. Die Kinder lernten keine Werte mehr, sondern nur noch, daß alles über Geld geregelt werde. „Wir haben öffentliche Schulen, in die alle Kinder gehen müssen. Damit gibt es auch ein Recht auf kostenlose Toilettenbenutzung.“ Würden gebührenpflichtige und kostenlose Klos errichtet, „wird sogar bei der Verrichtung bestimmter Bedürfnisse ein Zwei-Klassen-System eingeführt“.

          Die Schule sei eine Bildungs- und Erziehungseinrichtung und müsse als solche auch freien Zugang zu den Toiletten gewähren, meint auch Elternvertreterin Goldacker. Sie könne sich zudem vorstellen, „wo die Knaben künftig hingehen, um das Geld zu sparen - nämlich zum nächsten Baum oder Zaun“. Die Schulträger müßten dafür sorgen, daß die Toiletten in Ordnung seien.

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