https://www.faz.net/-gzg-a61uh

Schüler-Protest in Frankfurt : Angst vor der stillen Infektion

Will nicht frieren: Ein Demo-Teilnehmer hält ein Protestschild gegen kalte Klassenzimmer in die Höhe. Bild: Hannah Aders

In Frankfurt haben knapp 300 Schüler gegen „zu lasche Corona-Maßnahmen“ demonstriert. Sie prangern ein fahrlässiges Verhalten der Politik an. Denn im Klassenzimmer könnten kaum die nötigen Hygienevorschriften eingehalten werden.

          3 Min.

          Sie sind zornig, aber besonders zahlreich sind sie nicht: Knapp 300 Frankfurter Schüler sind nach Polizeiangaben am Montagvormittag in einem Protestzug vom städtischen Gesundheitsamt zum Römer gelaufen. Dabei riefen sie „Kalt, kälter, Klassenzimmer!“ und „Wechselmodell, und zwar schnell!“. Mit der Aktion wollten die Schüler gegen „zu lasche Corona-Maßnahmen“ an den Schulen protestieren, wie der 18 Jahre alte Schülersprecher der Elisabethenschule Max Boran sagte. Man fühle sich übergangen. Während anderswo sehr genau auf den Hygieneabstand zueinander geachtet werde, sei es in den Klassenzimmern kaum möglich, die nötigen Sicherheitsvorkehrungen so zu treffen, dass die Schüler sicher am Unterricht teilnehmen könnten.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zu der Demonstration hatten Schülervertreter von zunächst sechs Frankfurter Gymnasien aufgerufen. Zwei Schulen zogen sich dann aber wieder zurück, weil nicht alle Schülerinnen und Schüler das Anliegen unterstützten, wie die 18 Jahre alte Abiturientin Nassira Benguerich berichtete. Die Schülersprecherin der Neuen Gymnasialen Oberstufe in Bockenheim hatte die Demonstration angemeldet. Sie beklagte auf dem Römerberg unter dem Applaus ihrer Mitschüler den Umgang der Stadt mit der Pandemie an den Schulen. Morgens seien Busse und Bahnen überfüllt, weil der Unterricht in den 420 Frankfurter Schulen nicht zeitversetzt starte. In Klassenräumen säßen bis zu 30 Schüler, ohne die nötigen Sicherheitsabstände einhalten zu können. Außerdem sei es nicht mehr vorgeschrieben, alle Kontaktpersonen eines infizierten Schülers anzugeben. Den Schülern bereite vor allem die sogenannte stille Infektion Sorge, weil dadurch unwissentlich Familienangehörige angesteckt werden könnten.

          Auch jüngere Schüler nahmen an der Demonstration teil, unter ihnen Anh Nguyen und Alexandra Shamskaya. Gemeinsam mit ihrer zwölf Jahre alten Mitschülerin Stella Ahl waren die beiden Dreizehnjährigen gekommen, um vor allem gegen die kalten Klassenzimmer zu protestieren. Es sei einfach zu kühl zum Lernen. Nahezu alle Schüler, die an der Demonstration teilnahmen, verlangten zudem den sogenannten Wechselunterricht: Während die eine Gruppe dabei eine Woche lang beschult wird, soll die andere Gruppe daheim Arbeitsaufträge erledigen. Dann wird gewechselt.

          Viele sind verunsichert

          Für ihre Teilnahme an der Demonstration müssen die Schüler mit unentschuldigten Fehlzeiten rechnen. Sebastian Guttmann, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Frankfurt, findet das falsch. „Das hier ist lebensnah angewandter Politikunterricht“, sagte er am Rande der Versammlung. Er unterstütze das Anliegen der Schüler. Viele von ihnen seien verunsichert. Während sonst alles eingeschränkt werde, müssten die Schüler in vollen Klassenzimmern sitzen und lernen.

          An Schulen, deren Schülervertreter vorige Woche schriftlich mit Streik gedroht hatten, falls kein Hybrid- oder Wechselunterricht eingeführt werde, herrschte am Montagvormittag normaler Betrieb. „In der Schule ist alles wie immer, und ich habe nicht mitbekommen, dass jemand fehlt“, sagte Stefan Neureiter, Leiter der Elisabethenschule im Westend. Er habe mit den Schülern über die Streikdrohung gesprochen, die Vertreter von sechs Schulen sowie der Stadtschüler- und Stadtschülerinnenrat ausgesprochen hatten. Den Schülern sei gar nicht klar gewesen, was Wechsel- und Distanzunterricht jeweils genau bedeuteten – und dass eine Schule das nicht einfach so einführen könne, sondern erst beim Staatlichen Schulamt beantragen müsse.

          „Im Moment merken wir davon überhaupt nichts“, sagte am Montagvormittag auch Christiane Rogler, die Direktorin der Ziehenschule. Sie könne nicht sagen, wie viele Schüler zu der Aktion am Gesundheitsamt gegangen seien. Ihrer Information nach ging die Initiative auf Schüler der Neuen Gymnasialen Oberstufe zurück, die „Querkontakte“ zu Oberstufenschülern der Ziehenschule hätten. Genehmigt sei der Streik nicht, sagte Rogler. „Das sind unentschuldigte Fehlzeiten.“ Auch sie kann den Wunsch der Schüler nachvollziehen, gehört zu werden. Aber sie hätte es sinnvoller gefunden, hätten die Schülervertreter das Gespräch mit dem Gesundheitsamt gesucht.

          Die Frankfurter Behörde sieht Schulen und Kitas unterdessen weiterhin nicht als Infektionstreiber. In „den allermeisten Fällen“ fänden Infektionen von Kindern und Jugendlichen „mit hoher Sicherheit nicht in Schule oder Kita statt“. Das zeige die bisherige Datenbasis. Vom 19. Oktober bis 29. November wurden dem Amt Corona-Infektionen von 1213 Kindern und Jugendlichen von 0 bis 17 Jahren gemeldet – bei einer Gesamtzahl von 35.000 Kita-Kindern und 62.000 Schülern.

          Von mehr als 1000 Tests von Kindern, in deren Kita es Corona-Fälle gegeben hatte, seien zudem nur 0,5 Prozent positiv gewesen, teilte die Behörde weiter mit. Von 850 Tests bei Schülern seit dem 14. September seien 4,5 Prozent positiv gewesen; diese kämen von wenigen Schulen, besonders Berufsschulen. An diesen gilt – allerdings mit Ausnahme der Beruflichen Gymnasien und der Fachoberschulen – seit dieser Woche und bis Ende Januar ein Wechselmodell aus Präsenz- und Distanzunterricht.

          Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Die Grünen) sagte am Montag, ein „längerfristiger Unterrichtswechsel“ müsse gut abgewogen werden. „Insbesondere für Kinder aus benachteiligten Milieus oder aus konfliktbehafteten Familien ist die Präsenzförderung und -betreuung in den Schulen extrem wichtig.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Make America great again“ war in erster Linie eine Kampfansage an andere Nationen.

          Amerikanische Außenpolitik : Trumps Vakuum

          Der 45. Präsident hinterlässt in den Vereinigten Staaten einen Trümmerhaufen. Die Weltpolitik war widerstandsfähiger.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.