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Schüler und Demokratie : „Lesen Sie mehr Zeitung!“

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Vom Klassenraum in den Hörsaal: An der Goethe-Universität haben Schüler mit Experten über das Thema „Demokratie“ diskutiert. Bild: dpa

An der Frankfurter Goethe-Universität haben 130 Schüler mit Experten über die Zukunft der Demokratie diskutiert. Dabei berichteten die Teilnehmer von ganz unterschiedlichen Erfahrungen.

          Für 130 angehende Abiturienten fühlte es sich kürzlich schon wie Studieren an. Die Schüler setzten sich in die hinteren Reihen des großen Hörsaals der Goethe-Universität auf dem Campus Westend. Einige tuschelten, andere spielten an ihren Handys herum. In Reihe zehn wurde zwischendurch Uno gespielt. Doch die meisten Schüler lauschten auf Einladung der EKHN Stiftung, der Kulturstiftung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, gebannt den fünf Vorträgen. Das Programm las sich wie das einer Ringvorlesung im Politikstudium: „Demokratie! Über die Macht des Einzelnen und die Zukunft der Gemeinschaft“. Zu dem Thema wurde von fünf Experten referiert, darunter Ulrike Guérot, Politikprofessorin an der Universität Krems, die die Nationalstaaten abschaffen will und eine Europäische Republik fordert. Johann Hinrich Claussen, der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, wünschte sich für die Demokratie mehr Nächstenliebe und Nüchternheit zugleich.

          Die Schüler hatten schon seit Donnerstag über Demokratie diskutiert. In zehn Seminargruppen erarbeiteten die Schüler dann am Freitag unter der Anleitung von Mitarbeitern der Landeszentrale für politische Bildung und der Goethe-Universität Plakate und Forderungen an die Politik. Unter den Schülern war auch Lara Hosbach von der Winfriedschule Fulda, die nach eigenen Angaben schon länger an Politik interessiert ist, bisher aber noch nicht politisch aktiv war. Sie wurde durch eine Lehrerin auf das Wochenendseminar aufmerksam gemacht und ist mit zwei Mitschülern nach Frankfurt gereist. „Jetzt will ich mich aber gerne mehr engagieren“, sagt die Siebzehnjährige. Sie war im Workshop zur Meinungsfreiheit und präsentierte anschließend im Foyer des Hörsaalzentrums ihre Ergebnisse. Auf dem ausgestellten Plakat war eine junge Frau zu sehen, über ihrem Kopf schwebten verschiedene Gedankenblasen. Darin zu erkennen waren Logos von Medienmarken und sozialen Netzwerken sowie eine Zeichnung der eigenen Familie. „Die haben alle Einfluss auf die Meinungsbildung“, erläuterte Hosbach.

          Eine andere Gruppe stellte sich die Frage: „Was bedeutet Demokratie im Alltag?“ Auf ihrem Plakat ist neben einer soziologischen Theorie auch ein Ferkel zu sehen mit der Sprechblase: „Darf man mich essen?“ Luisa Moser vom Theresianum Mainz sagt: „Das war unser Fallbeispiel: Die Frage war, ob sich Menschen über die Tiere stellen dürfen.“ Die Gruppe sei zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen – je nach Ernährungsgewohnheiten. Die Elftklässlerin wird ihren Mitschülern in Mainz im Politikunterricht berichten, was sie während des Wochenendes gelernt hat.

          „Liebe Europäerinnen und Europäer“

          Die Schüler diskutierten im Hörsaal zum Abschluss mit den Referenten. Ob eine Haftstrafe nicht ein starker Eingriff in die persönliche Freiheit sei, lautete eine Frage an Bundesverfassungsrichterin Gabriele Britz. „Tatsächlich, aber eine angemessene“, antwortete sie. Auf manche politischen Fragen antwortete Britz aufgrund ihrer Rolle als Richterin am höchsten deutschen Gericht vorsichtig, lobte aber einen Schüler für eine kluge Bemerkung: „Da haben Sie das erste Semester Jura schon bestanden.“ Die Autorin Jagoda Marinić wiederum erklärte den Schülern, warum Einwanderung hierzulande der Normalfall sei. In Frankfurt hätten 75 Prozent der Jugendlichen einen Migrationshintergrund. Für die sei das deshalb gar kein Thema mehr.

          Auch die Schüler im Hörsaal waren bunt gemischt. Am Ende von Marinićs Vortrag erhob sich eine Schülerin mit Kopftuch aus Bad Kreuznach. In ihrer Schule würden die Schüler nach Herkunft getrennt, in ihrer Klasse gäbe es fast keine Schüler ohne Migrationshintergrund, während das Verhältnis in den Parallelklassen umgekehrt sei. „Deshalb ziehen sich viele zurück und fühlen sich nicht akzeptiert“, sagte sie. „Meine Schule hat einen Fehler gemacht.“ Sie bekam dafür viel Beifall.

          Heribert Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“ erhielt schon für seine Begrüßung Applaus. Mit „Liebe Europäerinnen und Europäer in Frankfurt“ eröffnete er seinen Vortrag. Mehrmals wandte er sich direkt an die Schüler, die er ermunterte, mehr Zeitung zu lesen. „Die Glaubwürdigkeit der Medien beginnt mit der Ernsthaftigkeit ihrer Nutzer.“ Zum Schluss sagte Prantl: „Es lohnt sich zu kämpfen für das, was man liebt. Kämpfen Sie für die Grundrechte, für die Pressefreiheit und für Europa.“ Der Appell dürfte auf offene Ohren gestoßen sein. „Viele der Teilnehmer gehen auch zur Klimademo Friday for Future“, berichtete Lara Hosbach.

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