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„F.A.Z.-Leser helfen“ : Schrauben am Glück

Förderungswürdig: Frankfurter Mädchen- und Frauenbüro Milena – hier Poster in seinen Räumen Bild: Wolfgang Eilmes

Die Integrationseinrichtung „Milena“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, Frauen und Mädchen zu stärken. Beim Umzug in die neuen Räume beweisen die Frauen, dass es ihnen auch an Muskelkraft nicht fehlt.

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          So lange Probleme noch mit einem Imbusschlüssel zu lösen sind, haben sie für Bita Sadeghi diese Bezeichnung nicht verdient. Sie spricht lieber von „Projekten“. Und die geht sie mit einem Plan an. Vor der Dreiunddreißigjährigen liegt ein Haufen Schrauben, auf dem Schoß balanciert sie die Aufbauanleitung. Zehn Minuten braucht sie, um den Hocker zusammenzuschrauben. Inklusive Probesitzen. „Ich habe Architektur studiert. Für mich ist so eine Arbeit einfach“, sagt die junge Frau, die aus Iran stammt und vor zwei Jahren nach Deutschland kam.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sadeghi ist eine von vielen Helferinnen, die an diesem Morgen in die neuen Räume des Mädchenbüros Milena gekommen sind, um beim Umzug mit anzupacken. Denn die Einrichtung, die Frauen und Mädchen mit und ohne Fluchtgeschichte dabei unterstützt, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, hat eine neue Adresse. Seit einigen Tagen ist das Milena-Büro, für das die F.A.Z. in diesem Jahr Spenden sammelt, in Frankfurt-Bockenheim zu finden. Den Ort hat der Verein nicht ganz freiwillig gewechselt. Zwar waren die ehemaligen Räume an der Rödelheimer Landstraße schon längst zu klein geworden, aber irgendwie sei man doch immer zurechtgekommen, sagt Maneesorn Koldehofe, Koordinatorin des Projekts. Notfalls wurde eben etwas enger zusammengerückt – Improvisation als Normalzustand. Aber das Gebäude, in dem sich das Mädchenbüro seit seiner Gründung im Jahr 2014 befand, muss bald großen Plänen weichen. Auf dem angrenzenden Siemens-Gelände soll ein neuer Stadtteil entstehen.

          Chancenlos auf dem Mietmarkt

          Die Suche nach einem geeigneten und bezahlbaren Quartier hat sich im vergangenen Jahr als kompliziert erwiesen. Denn die Einrichtung trägt sich ausschließlich durch Spenden. Auf dem umkämpften Mietmarkt war der Verein nahezu chancenlos. Fündig wurde das Team schließlich doch noch. In einem ehemaligen Bürogebäude in Bockenheim stehen den 70 Mädchen und Frauen nun 380 Quadratmeter zur Verfügung. Zuvor waren es nur 150 Quadratmeter.

          Der neu gewonnene Platz muss gefüllt werden. Mit Leben – und mit Regalsystemen. Außerdem mit Sofas, Spielecken, mit Tischen, an denen gespielt, gelernt und gegessen werden kann. „Die Frauen und Mädchen müssen bei dem Umzug helfen. So können sie sich mit den neuen Räumen identifizieren“, sagt Koldehofe. Ein Umzugsunternehmen zu beauftragen, sei finanziell ohnehin nicht drin gewesen. 120 Kisten haben die Helfer am Wochenende geschleppt. Erst Treppen hinunter, dann wieder hinauf. Außerdem die schweren Pakete aus den Möbelhäusern entgegengenommen. Auch viele Ehemänner kamen, um ihre Frauen zu unterstützen. „Unser Traum ist es, irgendwann ein Familienzentrum zu eröffnen“, sagt Koldehofe. „Bei der Integration darf man die Männer nicht ausschließen.“

          Kisten auspacken, Regale aufbauen

          Große Zukunftspläne will sie derzeit aber nicht schmieden. Lieber Ordnung im Hier und Jetzt schaffen. Es gilt Kisten auszupacken, Regale aufzubauen, zu putzen – alles wird im Akkord erledigt. Jeder hilft jedem. Am nächsten Montag soll alles fertig sein. Manche der Frauen haben sich für ihren Helfer-Einsatz an diesem Morgen extra schick gemacht. Für sie ein Zeichen der Wertschätzung. Anpacken müssen sie trotzdem. In bunte Gewänder gehüllt, schrauben sie Klodeckel ab und neue wieder an, hämmern, schrubben, klotzen. Unterstützt werden sie an diesem Morgen von acht Mitarbeitern der Deutschen Bank. Diese wurden freigestellt, um beim Aufbau der Möbel zu helfen. Schnell haben sich Teams gefunden, die Regalwände wachsen Meter um Meter, es geht voran.

          Die Milena-Gründerinnen Oksana Frei und Maneesorn Koldehofe sowie Mitarbeiterin Karla Kolz stehen an diesem Morgen zwischen den Umzugskartons. Zeit für eine kurze Besprechung. Ihnen sind die Strapazen der vergangenen Wochen und Monate anzusehen. „Das war Magensäureüberschuss“, sagt Koldehofe. Denn gleichzeitig mit dem laufenden Betrieb mussten der Umzug vorbereitet und die nötigen Umbauarbeiten koordiniert werden. Koldehofe hat an diesem Morgen keinen Blick für den Fortschritt. Sie sieht nur das Chaos. Die Möbel, die noch nicht aufgebaut, die Dinge, die noch nicht am richtigen Platz sind. Drei Monate habe es gedauert, die ehemalige Büroetage umzubauen, berichtet sie. Wände wurden eingerissen und an anderer Stelle hochgezogen, Sanitäranlagen verkleinert, die Küche vergrößert. Alles wirkt neu – und doch ist eines unverändert geblieben. Der Grundgedanke, den hier alle in sich tragen: „Frauen können alles erreichen“ – erst recht Ikea-Möbel aufbauen.

          Der größte Teil des Umzugs scheint schon geschafft. Künftig stehen den Frauen zehn Räume zur Verfügung. Ausreichend Platz, um mehr Sprachkurse als bisher anzubieten und um den Jugendlichen, die nachmittags hierherkommen, ruhige Lernräume zur Verfügung zu stellen. Es gibt Zimmer, in denen die Kleinkinder tollen und die Jugendlichen einfach mal unter sich sein können. Außerdem einen eigenen Beratungsraum, in dem, abseits vom Trubel, traumatisierte Frauen erste psychologische Hilfe erfahren.

          Bita Sadeghi hat mittlerweile den Hocker-Aufbau perfektioniert. Sie arbeitet schnell und schweigend. Ihr unermüdlicher Einsatz an diesem Morgen ist ihre Art, danke zu sagen. Seit etwa einem Jahr kommt sie regelmäßig vormittags aus Maintal nach Frankfurt, um an einem der Sprachkurse teilzunehmen. Der Austausch mit den anderen Frauen habe ihr geholfen, für sich eine Perspektive zu sehen und auch nach gesundheitlichen und privaten Rückschlägen wieder Lebenspläne zu schmieden. Sie geht ihre Zukunft an wie ein Projekt – nur ohne Imbusschlüssel. Die Werkzeuge, die sie dafür braucht, hat sie im Mädchenbüro erworben: Selbstbewusstsein, Tatendrang und Vertrauen in die eigene Stärke.

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ Die Frankfurter Allgemeine Sonntagzeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für das Frankfurter Mädchenbüro Milena, das sich der Integration von Mädchen und Frauen mit und ohne Fluchthintergrund verschrieben hat, sowie für die in Bensheim ansässige Christoffel- Blindenmission, die Augenkliniken in Kenia unterstützt. Spenden für das Projekt „F.A.Z.- Leser helfen“ bitte auf die Konten: - Bei der Frankfurter Volksbank IBAN: DE94 5019 0000 0000 1157 11 - Bei der Frankfurter Sparkasse IBAN: DE43 5005 0201 0000 9780 00 Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet unter der Adresse www.faz-leser-helfen.de.

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