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Urteil zum Mord an Gleis 7 : Der Schmerz und die Trauer bleiben

Schuldunfähiger Mörder: Das Gericht ordnet dauerhafte Psychiatrie für Habte A. an. Bild: Lucas Bäuml

Das Landgericht verurteilt Habte A. wegen Mordes an dem acht Jahre alten Leo auf Gleis 7 des Frankfurter Hauptbahnhofs. Die Richter ordnen die Unterbringung in der Psychiatrie an. Dem Vater zollt das Gericht großen Respekt.

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          Es ist kein leichtes Urteil, das der Vorsitzende Richter der 22.Strafkammer am Freitagmittag verkünden muss. Seine Kollegen und er haben schon über viele grauenvolle Gewalttaten verhandelt, und sie haben genug Urteile über Menschen mit paranoider Schizophrenie sprechen müssen, die wegen ihrer Krankheit straffällig wurden. Doch dieser Prozess war schwieriger als alles andere.

          Anna-Sophia Lang
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zum Teil juristisch: Die Richter mussten entscheiden, ob der psychisch schwer erkrankte Beschuldigte einen Mord begangen hat, als er am 29. Juli 2019 ein acht Jahre altes Kind aufs Gleis stieß, oder ob es Totschlag war. Vor allem aber war diese sechs Tage dauernde Verhandlung eine emotionale Herausforderung. Wenn es um den fürchterlichen Tod eines unschuldigen Kindes geht, kommen auch erfahrene Richter und Staatsanwältinnen an ihre Grenzen.

          Vater hat „in beeindruckender Weise teilgenommen“

          So kommt es, dass der Vorsitzende Richter zuerst versucht, die richtigen Worte zu finden. „Eine erschütternde, sinnlose Tat“ nennt er die Attacke von Habte A., und er macht deutlich, wie belastend der Prozess für die Beobachter, die teils traumatisierten Zeugen und die Prozessbeteiligten war. „Es war für uns Richter nicht einfach, damit umzugehen. Ich habe selbst mehrfach mit meinen Emotionen gerungen“, sagt er. „Aber niemand hier leidet so wie die Mutter und der Vater. Schlimmer geht es nicht.“

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          Dann wendet er sich dem Vater von Leo zu, der wie an jedem Prozesstag auch diesmal neben seinem Anwalt sitzt. Viele Fragen hat er im Verlauf der Verhandlung gestellt, verzweifelt versuchte er, einen Grund zu finden, aus dem Habte A. ausgerechnet seinen Sohn angriff. „Sie haben in beeindruckender Weise teilgenommen“, sagt der Richter zu dem Vater. „Allerhöchsten Respekt. Ihr Sohn Leo wäre heute sicher sehr stolz auf Sie.“

          Habte A., so urteilt die Strafkammer, muss dauerhaft in die Psychiatrie. Dem Gutachten des Sachverständigen zufolge ist er schuldunfähig, hatte aufgrund einer schizophrenen Psychose in akuter Form keine Steuerungsfähigkeit und hochwahrscheinlich keine Einsichtsfähigkeit. Der Psychiater beschrieb die Erkrankung als chronische, „schwere seelische Behinderung“. A. zeichnet sich in der Psychiatrie, wo er sich seit einem Dreivierteljahr befindet, durch freundliches, aber emotional völlig flaches Verhalten aus, wie es für Schizophrenie-Patienten typisch ist.

          Dem behandelnden Arzt zufolge fügt er sich und ist zufrieden, hat aber keinerlei Persönlichkeit oder Wünsche. Er ist lethargisch und nie aggressiv, in Therapiegesprächen ist von ihm kaum etwas zu erfahren. Gelegentlich zeigt sich ein bizarres Verhalten, dann verzieht er das Gesicht, tastet Türen ab oder macht plötzliche Stoßbewegungen in den leeren Raum hinein. Für die Psychiater ist klar: A. lebt immer noch in einer Eigenwelt. Verständnis und Einsicht in seine Krankheit fehlen.

          Deshalb hat der Sachverständige in seinem Gutachten einen Schluss gezogen, an den sich auch die Richter in ihrem Urteil halten: Von A. wären weitere Gewalttaten zu erwarten, entließe man ihn aus der geschlossenen Psychiatrie. „Krankheit ist etwas Tragisches, und den Menschen trifft keine Schuld an seiner Krankheit“, sagt der Vorsitzende Richter am Freitag. „Aber auch ohne Schuld muss die Allgemeinheit geschützt werden.“ Er erklärt Habte A., dass er so lange in der Psychiatrie bleiben muss, bis die Ärzte meinen, dass keine Gefahr mehr von ihm ausgehe – selbst wenn das bedeutet, dass er für immer dort bleiben muss.

          Die Gedanken an den Vorfall bleiben

          Doch die Frage der Schuld spielt noch eine andere Rolle: Bei der Frage nach Mord oder Totschlag. Selbst wenn jemand schuldunfähig sei und man ihm die Tat aus juristischer Sicht nicht vorwerfen könne, so erklärt es der Vorsitzende in aller Ausführlichkeit, kann ein Beschuldigter trotzdem mit Vorsatz gehandelt haben. Weil A. Mutter und Kind genau in dem Moment aufs Gleis stieß, als der Zug einfuhr und sie all ihre Aufmerksamkeit auf diesen richteten, geht die Strafkammer von einem Tötungsvorsatz aus – und damit von Mord und versuchtem Mord aus Heimtücke. Lediglich bei der Seniorin, die A. als Letzte angriff und die auf dem Bahnsteig stürzte, als der Zug schon vorbeigefahren war, haben die Richter keine ausreichenden objektiven Tatsachen gefunden, die einen Tötungsvorsatz begründet hätten. Plausibler scheint ihnen, dass A. sie umrannte, als er sich vom Tatort entfernte. Sie gehen daher in ihrem Fall von einer Körperverletzung aus.

          Die juristische Aufarbeitung des Falles ist damit wohl abgeschlossen. Doch die Gedanken daran bleiben. „Das Verfahren bietet keine Lösung für Ihre Trauer und Ihren Schmerz“, sagt der Vorsitzende zu Leos Vater. Ganz zum Schluss schaut er den Beschuldigten an. „Herr A., auch Ihre Krankheit heilen wir damit nicht. Wir hoffen, dass es Ihnen eines Tages bessergeht.“

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