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Schließungen wegen fehlender Anmeldungen : Kein Bedarf für die Hauptschule

Die Hauptschule sieht in Frankfurt und ganz Hessen ihrem Ende entgegen. Bild: Daniel Nauck

Drei Frankfurter Hauptschulen stehen kurz vor der Schließung. Eine Studie besagt, das die Bevölkerungsentwicklung diesen Trend noch weiter verstärken wird.

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          Für das Kollegium war die Entscheidung fast eine Erleichterung. Das Ende des Hauptschulzweigs der Diesterwegschule sei unvermeidlich gewesen, sagt die kommissarische Schulleiterin Petra Sturm-Hübner. Offiziell firmiert die Schule im Frankfurter Stadtteil Ginnheim noch als Grund- und Hauptschule. Doch schon seit drei Jahren hat sie keine Hauptschulklassen mehr gebildet. Nun haben die Stadt Frankfurt und das Staatliche Schulamt beschlossen, den Hauptschulzweig zum Ende des Schuljahres aufzulösen.

          Matthias Trautsch
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Jahr für Jahr waren zuvor die Anmeldezahlen zurückgegangen, Jahr für Jahr drohte das Aus. Dass es trotzdem immer weiterging, lag unter anderem am Einsatz der langjährigen Schulleiterin Ingeborg Kaestner, die mit Leidenschaft für ihren Hauptschulzweig kämpfte. Doch Kaestner ging in Pension, und mit ihr schwand der Wille, sich gegen das Unvermeidliche zu stemmen. „Das macht keinen Sinn, das wird nichts mehr“, habe die Einsicht der Schulgemeinde gelautet, sagt Sturm-Hübner. Man müsse sich in das Schicksal fügen und das Beste daraus machen.

          Nur 120 Schüler wurden für die Hauptschule angemeldet

          Neben der Diesterwegschule stehen noch zwei weitere Frankfurter Hauptschulen vor der Schließung: Die Glauburgschule soll zum Ende des Schuljahrs aufgelöst werden, an der Kerschensteinerschule soll der Hauptschulbetrieb spätestens im Sommer 2011 schließen. Die verbleibenden Klassen werden in andere Schulen verlagert. Die Frankfurter Bildungsdezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen) nennt diesen Beschluss „Kapazitätsanpassung“. Hinter dem Begriff aus dem Verwaltungsdeutsch verbirgt sich das Ende einer Schulform. Zumindest in Frankfurt gibt es keinen Bedarf mehr für die Hauptschule.

          Die schon lange sinkenden Anmeldezahlen für die fünften Klassen haben sich in der Stadt seit dem Schuljahr 2003/2004 noch einmal halbiert. Gerade einmal 120 Schüler wurden zu diesem Schuljahr für die Hauptschule angemeldet, die meisten davon überdies nicht an klassischen Hauptschulen, sondern an den Hauptschulzweigen Kooperativer Gesamtschulen. So kommt es, dass einige Hauptschulen fünfte Klassen mit weniger als zehn Schülern bilden mussten.

          Entwicklung in ganz Hessen

          Erst in den Stufen sechs und sieben wachsen die Schülerzahlen an, weil Kinder von höheren Bildungswegen zurückgestuft werden. Doch trotz dieser Querversetzungen gibt es in Frankfurt inzwischen nur noch 2218 Hauptschüler, die Kooperativen Gesamtschulen eingeschlossen. Zum Vergleich: Etwa dieselbe Zahl von Schülern zählen die Gymnasien der Stadt in einer einzigen Jahrgangsstufe.

          Der Niedergang der Hauptschule ist in Großstädten wie Frankfurt besonders weit vorangeschritten, findet aber in ganz Hessen statt. Nach einer jüngst veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung ist der Anteil der Hauptschüler in allen Städten und Kreisen niedrig und beträgt im Durchschnitt 5,5 Prozent. Die demographische Entwicklung werde dieser ohnehin bedrängten Schulform weiter zusetzen, prognostiziert die Stiftung. Die Zahl der hessischen Jugendlichen zwischen zehn und 15 Jahren werde bis 2025 voraussichtlich um mehr als 17 Prozent zurückgehen. Somit würden viele Schulen in ihrer jetzigen Form die nächsten 15 Jahre nicht überleben.

          „Kapazitätsanpassung“

          Reine Hauptschulen sind in Frankfurt schon jetzt die Ausnahme. Bis auf die Salzmann-, die Sophien- und die Schwanthalerschule gehören alle zu einer Einrichtung mit mehreren Bildungszweigen. Doch auch die Verbindung mit einer Grundschule hilft nicht immer, wie das Beispiel der Diesterwegschule zeigt. Überdies habe die ungewisse Zukunft des Hauptschulzweigs auch die Entwicklung der Grundschule behindert, sagt die stellvertretende Schulleiterin Petra Sturm-Hübner. Deshalb sei sie nun froh, dass der Schließungsbeschluss wenigstens Planungssicherheit gebracht habe.

          32 Hauptschüler, eine achte und eine neunte Klasse, gehen derzeit noch auf die Ginnheimer Schule. Für Sturm-Hübner geht es nun darum, sie zum erfolgreichen Abschluss zu führen oder ihnen einen Übergang auf eine andere Schule zu ermöglichen. Vielleicht wird die achte Klasse schon zum Anfang des nächsten Halbjahres auf die Ludwig-Richter-Schule wechseln. Die Grund- und Hauptschule in Frankfurt-Eschersheim gehört zu den Hauptschulstandorten, die die Stadt erhalten will. Vorerst, denn wenn die Anmeldungen weiter zurückgehen, dann wird die nächste „Kapazitätsanpassung“ nicht lange auf sich warten lassen.

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