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Boostern : In der Pop-up-Impfstation

Ärmel hoch: In privaten Impfstationen in Frankfurt wird im Akkord geboostert. Bild: Frank Röth

Auffrischimpfungen sind gefragter denn je. Saqib Cheema bietet in Frankfurt den schnellen dritten Stich an. Mit Organisationstalent und Durchhaltevermögen will er zum Wellenbrechen beitragen.

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          Wer sich in diesen Tagen um einen Booster-Termin bemüht, durchlebt ein Déjà-vu, das man spätestens mit dem Aufbau der Impfzentren und der Überarbeitung der elektronischen Anmeldung überwunden glaubte. Seit die großen Hallen geschlossen wurden, kämpfen viele Hausärzte, mobile Teams, ehrenamtliche Helfer der Impfkampagne wieder allein gegen die Tücken von Technik, Logistik und der menschlichen Ungeduld.

          Monika Ganster
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Gute Organisation wirkt da wie ein Sonnenstrahl in der Novembertristesse. Saqib Cheema, Mediziner, hat von einem befreundeten IT-Fachmann eine Website aufsetzen lassen, die die Impfterminvergabe in Frankfurt so einfach wie möglich macht: Erst-, Zweit- oder Drittimpfungen, zu festgelegten Zeiten in den Abendstunden, in verschiedenen Stadtteilen in Frankfurt.

          Das ist keine Website für Zweifler, die das gesprochene Wort bevorzugen. Eine Telefonnummer ist nicht angegeben. Die Vertrautheit eines Hausarztes ersetzt die Seite nicht, aber viele Jüngere haben ohnehin noch keinen festen medizinischen Ansprechpartner. Wer weiß, was er will, zum Beispiel eine Booster-Impfung, bekommt sie hier so rasch wie derzeit kaum anderswo in der Stadt. Neue Vorgaben werden sofort veröffentlicht, etwa die Information, dass nun wie vom Gesundheitsministerium verfügt für Auffrischimpfungen der Wirkstoff von Moderna angeboten wird, nur Personen unter 30 Jahren erhalten den von BioNTech.

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          Eine Anlaufstelle findet sich im Grüneburgweg. Der Eingang: Marmorboden und hohe Glasfassade, dahinter mit schlichten Stoffbahnen abgetrennte Impfkabinen. Nikolaj Belz, Ärztlicher Direktor des Westend Medical Centers, stellt Cheema dort die Räume einer chirurgischen Tagesklinik nach offiziellem Dienstschluss zur Verfügung. Von 17 bis 22 Uhr werden feste Termine abgearbeitet, samstags wird sogar bis 23 Uhr geimpft.

          Junge Menschen verzichten auf Aufklärungsgespräch

          Der Charme der Veranstaltung liegt in der Effizienz: Wird die Schlange an der Anmeldung, vor dem Aufklärungsgespräch oder den Impfkabinen länger, greift sofort ein Helfer ein, löst Probleme, holt verloren wirkende Menschen ab, weist sie in die richtige Richtung. Die meist jungen Mitarbeiter haben ihre Augen überall, keiner steht tatenlos herum. Unterdessen zieht Cheemas Frau Aiman, Internistin, in einem ruhigen Nebenzimmer einzelne Spritzen aus BioNTech-Fläschchen auf.

          Auch in Heddernheim, Höchst, Eckenheim, Bockenheim, in der Innenstadt und im Gallus lässt Cheema impfen. In anderen Praxen, in leer stehenden Räumen. Nicht überall läuft es so reibungslos wie im Westend, andernorts werden auch längere Wartezeiten gemeldet – und die fordernde Ungeduld derer, die auf Einhaltung ihres knappen Terminfensters bestehen.

          Dies ist ein Angebot für eine spezielle Zielgruppe: Menschen, die einen schnellen Booster wollen. Das sind 95 Prozent der Menschen jungen und mittleren Alters, die hier in der kurzen Schlange stehen. Sie haben alle schon Impferfahrung, vertrauen Ärzten und gehören keiner Risikogruppe an, sie wollen keine Nachfragen stellen. „Fast alle hier verzichten auf ihr Aufklärungsgespräch“, hat Cheema festgestellt. Wer zweimal die Spritze gut vertragen hat, erwartet auch beim dritten Mal keine Komplikationen. Viele wollen auf eigene Verantwortung gleich danach nach Hause gehen. In 20 bis 30 Minuten kann das ganze Prozedere erledigt werden. Bis zu 100 Spritzen kann Cheemas Team so in einer Stunde verabreichen, damit ist sein Tempo höher als derzeit im kleinen Frankfurter Impfzentrum.

          Engagierter Impfarzt: Dr. Saqib Cheema
          Engagierter Impfarzt: Dr. Saqib Cheema : Bild: Frank Röth

          Impfen als Wellenbrecher

          Im Juli hat der Sohn aus Pakistan geflüchteter Eltern mit einem mobilen Team angefangen, in seiner Gemeinde zu impfen. Menschen in deren Muttersprache aufzuklären, habe dabei sehr geholfen, erzählt er. Saqib wurde in Schweinfurt geboren, ging in Köln zur Schule und kam mit 16 Jahren nach Frankfurt. Er sei dankbar für die Chancen, die er hier bekommen habe und wolle der Gesellschaft auch etwas zurückgeben. In seiner Ausbildung zum Intensivmediziner habe er außerdem vor einem Jahr auch auf einer Covid-Station gearbeitet. „Deshalb habe ich so viel Respekt vor dieser Krankheit“, sagt er dazu. Als dann noch die erhöhte Nachfrage nach Auffrischimpfungen hinzukam, entschloss er sich, die Facharztprüfung hintanzustellen und sich ganz dem Impfen zu verschreiben.

          Er hat den Prozess so optimiert, dass möglichst viel flexibel gestaltet werden kann. Ein Arzt ist mal in der Impfkabine, mal bei der Aufklärung, je nachdem, wo es sich gerade staut. Die Organisation beherrscht Cheema so gut, dass der Mediziner zusammen mit seiner Frau und befreundeten Ärzten seine Dienste auch mobil anbietet. Schamim Eckert, Apothekerin in Neu-Anspach, hat schon an zwei langen Samstagen auf diese Hilfe gesetzt. Ärzte und medizinische Fachangestellte impften, Helfer kontrollierten Dokumente, beantworteten Fragen. Eckert selbst hat in der Glocken-Apotheke parallel dazu auch Schnell- und PCR-Tests angeboten. Am vergangenen Wochenende wurden so 642 Personen in 4,5 Stunden immunisiert.

          28 Euro bezahlen die Krankenkassen für jede Immunisierung. Wer schneller impft, verdient am Tag natürlich mehr. Cheema bezahlt davon mittlerweile 40 Angestellte, die meisten davon in Teilzeit. „Ich lerne gerade, Unternehmer zu werden“, sagt er lächelnd. Dabei weiß er natürlich, dass sein Metier ein vorübergehendes ist. Eine Art Pop-up-Impfzentrum, das heute dringend gebraucht wird, in ein paar Monaten aber hoffentlich überflüssig sein wird. „Ich würde lieber heute als morgen mit dieser Arbeit aufhören und sagen können, wir haben so die vierte Welle gebrochen“, beschreibt er sein Ziel. Dann impft er weiter, an seinem 34. Geburtstag.

          Impftermine werden wochenweise neu vergeben unter impfpraxis-frankfurt.de.

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