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Salafisten in Rhein-Main : Von Frankfurt in den Dschihad

  • -Aktualisiert am

Gut organisiert und mobil: Ein Koran-Verteiler im Trubel auf der Zeil Bild: Wohlfahrt, Rainer

Die Salafisten-Szene im Rhein-Main-Gebiet hat immer mehr Zulauf. Neue Ermittlungen der Polizei zeigen, wie die Islamisten ihren Nachwuchs rekrutieren. 

          Die Frankfurter Polizei hat nach monatelangen Ermittlungen aufgedeckt, wie die salafistische Szene aus dem Rhein-Main-Gebiet ihren Nachwuchs rekrutiert. Nach Informationen dieser Zeitung ist eine Gruppe junger Männer in den Fokus geraten, die als „Akhi“-Szene (arabisch für „Bruder“) bekannt ist. Aufgefallen waren sie in den vergangenen Wochen vor allem dadurch, dass sie auf der Frankfurter Zeil die „Lies“-Aktivisten unterstützten, die dort den Koran verteilen.

          So unterwanderten sie regelmäßig die Gegenproteste, die sich samstags auf der Haupteinkaufsstraße gegen die Islamisten formieren, indem sie sich unter die Kritiker mischten und sie provozierten. Zudem stellten sie Muslime generell als „Opfer der westlichen Gesellschaft“ dar.

          Neues Phänomen der „Akhi“-Gruppe

          Nach den Worten von Kriminalrat Wolfgang Trusheim, Leiter des K42, der Staatsschutzabteilung, die sich mit Islamismus befasst, ist die „Akhi“-Szene ein neues Phänomen, wenngleich viele der Akteure der Polizei schon aus anderem Zusammenhang bekannt sind – etwa aus dem Kleinkriminellenmilieu. Sie sind unter anderem durch Raub-, Diebstahls- und Gewaltdelikte aufgefallen. Nach Erkenntnissen der Staatsschützer haben sich in jüngster Zeit einige junge Männer aus der „Akhi“-Szene den Salafisten angeschlossen.

          „Ihr Wandel ist auffällig“, so Trusheim. „Sie begehen von heute auf morgen keine Straftaten mehr und predigen den vermeintlichen Frieden. Und dann finden wir sie wenige Wochen später in der Salafistenszene wieder.“ Viele „Akhis“ kennen die „Lies“-Aktivisten aus ihrem früheren Umfeld, wie Trusheim weiter sagt. Der Übergang von einer zur anderen Szene sei fließend.

          Polizeiliches Großaufgebot auf der Zeil

          Die Entwicklung beobachtet die Polizei derzeit auch deshalb so intensiv, weil die Mitglieder der „Akhi“-Gruppierung nach den Worten Trusheims als „erlebnisorientiert und gewaltgeneigt“ gelten und offenbar jede Gelegenheit nutzen, um diese Neigung auch auszuleben. Nach Erkenntnissen der Polizei waren sie diejenigen, die bei der Nahost-Demonstration im Juli auf der Zeil, die im Anschluss eskaliert war, als „Scharfmacher“ auftraten; sie sollen maßgeblich an den Angriffen auf die Polizei beteiligt gewesen sein. Mehrere Beamte wurden damals verletzt.

          Die Polizei geht deshalb nun gezielt gegen die Szene vor. Am Samstag waren die Beamten wieder mit einem Großaufgebot auf der Zeil vertreten, um Ausschreitungen zwischen Salafisten und Gegendemonstranten zu verhindern. Dabei kontrollierten sie mehr als ein Dutzend Akteure des Unterstützerkreises der radikalen Islamisten.

          Korane verteilen die Neuzugänge der Szene

          Am Rande war zu beobachten, dass die jungen Männer, die offenbar zum überwiegenden Teil aus muslimischen Familien stammen, wie eine Art zivile Schutztruppe für die Salafisten auftraten. So versuchten sie zunächst, die Gegenkundgebung zur „Lies“-Kampagne vor dem Einkaufszentrum My Zeil zu stören und versammelten sich dann an der Konstablerwache in unmittelbarer Nähe der Koran-Verteiler. Als es dort zu einer lautstarken Diskussion mit Passanten kam, filmten sie die Szene – vermutlich, um sie später für die salafistische Propaganda ins Internet zu stellen. Derartige Videos wurden auch in der Vergangenheit schon veröffentlicht.

          Auch über die „Lies“-Kampagne selbst haben die Frankfurter Staatsschützer inzwischen weitergehende Erkenntnisse. So sei dort gleichfalls eine klare Struktur erkennbar, sagt Trusheim. Diejenigen, die für die Verteilung der Korane eingesetzt würden, seien überwiegend Neuzugänge, die sich in der Hierarchie der Salafisten noch beweisen müssten.

          „Sie unterliegen strengen Regeln“, sagt Trusheim. „Sie müssen freundlich bleiben und dürfen sich nicht aggressiv äußern, sogar dann nicht, wenn sie von Islamkritikern angesprochen werden. Schon gar nicht dürfen sie gewalttätig werden.“ Dass die Regeln auch eingehalten werden, dafür sorge eine Art Aufseher, der „Emir“. Er organisiert zudem die Belieferung mit immer neuen Koranen und Propagandamaterial durch die salafistische Organisation „Die Wahre Religion“ und steuert die Logistik sowie die Kommunikation der Koran-Verteiler untereinander.

          Am Samstag wurden auf der Zeil erstmals neue Broschüren verteilt, eine Art „Wegweiser in den Islam“. Offenbar stecken auch in diesem Fall salafistische Akteure dahinter. Die Broschüren werden derzeit von der Polizei ausgewertet.

          Nach den Worten Trusheims ist die „Lies“-Kampagne nach wie vor ein Sammelbecken für diejenigen, die in den bewaffneten Kampf nach Syrien ziehen wollen. Mindestens 17 Mitglieder der Koranverteil-Aktion sind nach Erkenntnissen der Polizei bereits ausgereist. „Und erschreckenderweise gibt es inzwischen auch immer mehr Mädchen und junge Frauen, die sich ebenfalls an den Kämpfen auf Seiten des Islamischen Staats beteiligen wollen.“

          Die Polizei will in Frankfurt deshalb den Druck auf die Szene aufrechterhalten. „Wir sind nahe dran an den Akteuren“, sagt Trusheim. „Das merken sie auch.“ Viele wanderten deshalb ins Umland ab. „Aber auch dort haben wir sie im Blick.“

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