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Salafismus : Ruf nach mehr theologischem Gegenwind

  • -Aktualisiert am

Es gebe keinen „Gegendiskurs“ zu Äußerungen von Salafisten wie Pierre Vogel: So einer der Vorwürfen an die muslimische Gemeinschaft. (Archivbild) Bild: dpa

Die muslimische Gemeinschaft schwächele bei der Debatte gegen Salafisten - so lautete einer der Vorwürfe bei einer Diskussion zum Kampf gegen den Salafismus. Die Teilnehmer suchten nach Ursachen und Gegenstrategien.

          Der Politik- und Islamwissenschaftler Marwan Abou-Taam hat der muslimischen Gemeinschaft mangelndes Engagement in der Auseinandersetzung mit dem Salafismus vorgehalten. Es gebe keinen „Gegendiskurs“ zu Äußerungen führender Salafisten wie Pierre Vogel, bemängelte er am Mittwochabend in einer Diskussion im Saalbau Gallus. Die muslimischen Verbände seien politische Vereinigungen und agierten entsprechend. „Es gibt keinen theologischen Debattenbeitrag“, so dass ein Vakuum entstehe, in das Männer wie Vogel mit ihrer theologisch-koranischen Argumentation stießen.

          Abou-Taam, der an der Berliner Humboldt-Universität tätig und im Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz angestellt ist, widersprach der Auffassung, der Salafismus habe nichts mit dem Islam zu tun: „Er ist ohne Religion nicht zu denken.“ Salafisten verstünden sich als Avantgarde mit dem Anspruch, eine neue Gesellschaft aufzubauen. „Das müssen wir ernst nehmen.“ Es gebe keine Schnittmenge zwischen dem Salafismus und der pluralistisch-demokratischen Kultur.

          Für Jugendliche interessant

          „Wir kommen um eine geistige Auseinandersetzung nicht herum“, sagte Armin von Ungern-Sternberg, der Leiter des städtischen Amtes für multikulturelle Angelegenheiten. Seinen Äußerungen war zu entnehmen, dass auch er sich einen stärkeren innermuslimischen Diskurs über den Salafismus wünscht. Er erwähnte diesen mehrfach, ohne ihn aber als Vertreter der Stadt von der muslimischen Religionsgemeinschaft direkt einfordern zu können.

          Auf die Frage, warum der Salafismus besonders für Jugendliche interessant sei, gab es mehrere Antworten. Zum einen hätten Männer wie Vogel „die Sprache der Jugendlichen“ und die Bedeutung des Internets verstanden, sagte Rabia Bechari vom Deutsch-Islamischen Vereinsverband Rhein-Main. Mehmet Şenel hob hervor, muslimische Jugendliche würden von der Mehrheitsgesellschaft und von ihren eigenen, an den Herkunftsländern ihrer Eltern orientierten muslimischen Gemeinschaften als defizitär gesehen, so dass sie Alternativen suchten. Şenel leitet die zentrale Beratungsstelle des Präventionsnetzwerks Hessen gegen Salafismus. Ungern-Sternberg sagte, der Salafismus biete, anders als die Durchschnittsmoscheen, eine „transnationale Gesellschaft“ und sei deswegen auch für Konvertiten interessant.

          Wettbewerb um Köpfe und Herzen

          Der Jugendforscher Ingo Leven sieht vor allem Jugendliche, die keine Perspektive in der Gesellschaft sähen, in der Gefahr, einen Sinn in einer radikalen Religiosität zu suchen. Abou-Taam gab zu bedenken, dass sich Jugendliche angesichts der „Vielfalt von Identitätsangeboten“, die es in der Gesellschaft gebe, überfordert sehen könnten. „Um diese Leute gibt es einen Wettbewerb der Extremismen.“

          „Wir brauchen einen Wettbewerb um die Köpfe und Herzen der Jugendlichen und müssen bessere Angebote machen“, forderte Şenel in der von der F.A.Z.-Redakteurin Katharina Iskandar moderierten Diskussion. Es gebe zum Beispiel keinen muslimischen Jugendverband mit einem zivilgesellschaftlichen Engagement. Ungern-Sternberg nannte jedoch ein Beispiel, den „Bund Moslemischer Pfadfinder“. Er ist auch in Hessen aktiv. Bechari forderte, mehr Zeit für Kinder und Jugendliche aufzubringen. Diese würden nicht von jetzt auf gleich radikal. „Wir müssen ihnen zuhören, fragen, was sie suchen.“

          „Keine Bildungsverlierer“

          Über die jungen Männer, die nach Syrien oder in den Irak reisen, um für den „Islamischen Staat“ zu kämpfen, urteilen Abou-Taam und Şenel unterschiedlich. Şenel zufolge sind unter ihnen viele Geringqualifizierte, Abou-Taam sagte, die meisten hätten Abitur oder einen Realschulabschluss. Er warnte vor der Auffassung, soziale Ausgrenzung allein treibe junge Leute zu den Salafisten. Die meisten Anhänger seien keine Bildungsverlierer.

          Zu der Diskussion eingeladen hatte Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg (Die Grünen). Sie forderte, „Jugendliche zu stärken und gegen die vorzugehen, die sie radikalisieren“. Dass der Salafismus die Interpretationshoheit über den Islam beanspruche, „dürfen wir nicht zulassen“.

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