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Aktionen des Rotlichtmilieus : Ist das Kunst?

  • -Aktualisiert am

Das Kapital der Laufhausbetreiber: Rund 140 Euro zahlt eine Prostituierte am Tag normalerweise für ihr Zimmer. Bild: Maximilian von Lachner

Kunstaktionen und Bordellführungen machen derzeit auf die missliche Lage des Rotlichts und dessen prägenden Charakter für das Bahnhofsviertel aufmerksam. Doch der Grund, warum sich das Milieu für Neugierige öffnet, ist ein wirtschaftlicher.

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          Sich für seine Sache einzusetzen, zumal, wenn es ums Geschäft geht, ist ganz normal. Bauern wollen gute Milchpreise und demonstrieren dafür, Krankenpfleger wollen mehr Lohn und streiken, und Bordellbetreiber wollen Geld mit den Prostituierten verdienen, die in ihren Zimmern Sex anbieten.

          Genau das ist es, wofür sie sich einsetzen, wenn sie mit Kunstaktionen und Bordellführungen auf die missliche Lage des Milieus oder dessen prägenden Charakter für das Bahnhofsviertel aufmerksam machen – sie wollen das Gewerbe in die Öffentlichkeit bringen, um ihre Häuser wieder öffnen zu dürfen. Dass sie dabei Geschichten von Sexarbeiterinnen bemühen, die auf der Straße verelenden und sich in Gefahr bringen, ist klug und verständlich.

          Sicher ist das Gewerbe auch eine Kunst. Es gilt, Illusionen aufrechtzuerhalten, sich schnell auf Kunden einzustellen. Das Bahnhofsviertel ist nicht nur Prostitution, ebenso wenig wie es nur Drogenszene ist. Es hat eine spannende subkulturelle Szene, Kunstprojekte wie das der „Takke Twins“ sind originell. Doch der Grund, warum sich das Milieu für Neugierige öffnet, ist ein wirtschaftlicher. Es stimmt, dass die Straßenprostitution nicht nur illegal, sondern auch schlecht für viele Frauen ist. Sie gehen oft mit Unbekannten mit, ohne zu wissen, was mit ihnen geschehen wird. Sie schützen sich aus Geldnot nicht vor Krankheiten, weder vor sexuell übertragbaren noch Corona.

          Das ist gefährlich. Auch fürs Geschäft der Bordellbetreiber. Zur Wahrheit gehört nämlich: Wenn die Frauen auf der Straße arbeiten, entgeht ihnen die Zimmermiete. Rund 140 Euro zahlt eine Prostituierte normalerweise an das Haus, am Tag. Bei den etwa 600 Zimmern im Bahnhofsviertel kommt da ein ziemlicher Umsatz rein. Jetzt, in der Pandemie, lassen einige die Mieterinnen unentgeltlich im Laufhaus wohnen. Doch auch das ist nicht pure Menschenfreundlichkeit. Die Frauen sind immerhin das Kapital der Betreiber.

          Und dann ist da die Angst, dass ein temporäres Verbot zum Ausgangspunkt für eine weitere Diskussion genommen werden könnte – einem Kaufverbot von Sex nach schwedischem Modell etwa. Für das Milieu wäre das ein Kahlschlag. Schon kurz nach den vorläufigen Schließungen der Bordelle aufgrund der Pandemie wurden viele Stimmen laut, die den Zeitpunkt als günstig für eine Änderung der Gesetze sahen.

          Ob eine dauerhafte Schließung der Laufhäuser wirklich den Frauen zugute käme, bleibt zu diskutieren. Viele ernähren mit ihrer Arbeit ganze Familien und haben wenig andere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Dass Sexarbeit von der Gesellschaft außerdem nachgefragt wird und sogar befriedet, kommt hinzu. Trotzdem: Wir müssen aufpassen, dass wir Prostitution und das Milieu nicht glorifizieren. Das ist ein knallhartes Geschäft.

          Theresa Weiß

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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