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Rothschild-Archiv : Von Frankfurt nach Moskau und zurück

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Johann Friedrich Städel hat dem Mann aus der Judengasse Geld anvertraut. Auch Joseph Brentano. Außerdem die Leonardis, die Willemers, die De Neufvilles und manch andere aus der besten Frankfurter Gesellschaft.

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          Johann Friedrich Städel hat dem Mann aus der Judengasse Geld anvertraut. Auch Joseph Brentano. Außerdem die Leonardis, die Willemers, die De Neufvilles und manch andere aus der besten Frankfurter Gesellschaft. Im Geschäftsbuch von Mayer Amschel Rothschild, dem Ahnherrn des berühmten Bankhauses, sind sie alle vermerkt, die Frankfurter Geldgeber, die mit ihren häufig zu fünf Prozent verzinsten Einlagen vermutlich kein schlechtes Geschäft gemacht haben. Man kann ihre Namen und die eingezahlten Summen jetzt - Tinte auf Papier - nachlesen in der Ausstellung "Zurück aus Moskau. Das erste Familienarchiv der Rothschilds", die bis zum 25.Juli im Museum Judengasse zu sehen ist. Selbst heute verblüfft noch, welche Summen schon in den frühen Tagen des Rothschildschen Aufstiegs zur Weltfinanzmacht zusammenkamen. Städel: 9600, 8000 und 9400 Gulden; Brentano: 22500 Gulden; De Neufville: 14000 Gulden. Für 14000 Gulden konnte man sich damals, 1797, gut und gerne eine Villa in bester Frankfurter Lage kaufen.

          Sie waren äußerst gute Geschäftsleute, die Rothschilds - und sie scheinen es heute noch zu sein. Denn es ist den Nachfahren des Urvaters Mayer Amschel doch tatsächlich gelungen, den Russen das 1945 als Beutegut nach Moskau verfrachtete erste Rothschild-Archiv ... Ja, wie soll man es formulieren? Abzukaufen ist nicht das richtige Wort. Denn formal hat die russische Regierung den Rothschilds nur deren Eigentum zurückgegeben. Bekommen hat sie dafür nichts - offiziell jedenfalls. Die Rothschilds haben lediglich als Anerkennung der Leistungen der russischen Archivare, welche die Familien-Dokumente fünf Jahrzehnte lang gehütet haben, dem Staatsarchiv in Moskau ein auf dem Kunstmarkt erstandenes Konvolut von Liebesbriefen des Zaren Alexander II. geschenkt. So macht man das unter Freunden - die Bundesregierung und die für Beutekunst zuständige Staatsministerin für Kultur können da vermutlich noch eine Menge lernen.

          Die für Frankfurt erfreuliche Seite des Geschäfts besteht darin, daß hier zum ersten Mal ausgewählte Dokumente aus der zurückgegebenen Sammlung ausgestellt werden - eine Welturaufführung sozusagen. Nicht ohne Grund allerdings, denn das in den vergangenen zwei Jahren im Londoner Zentralarchiv der Rothschilds ausgewertete Alt-Archiv ist einst am Stammsitz der Familie in Frankfurt angelegt worden. Von Salomon Rothschild, dem "Öffentlichkeitsarbeiter" unter den fünf Söhnen des Mayer Amschel, der später die Wiener Filiale der Rothschilds geleitet und die Finanzen des Fürsten Metternich besorgt hat.

          Die in Zusammenarbeit mit dem "Rothschild Archive London" entstandene kleine Schau konzentriert sich vornehmlich auf jene Stücke, die einen Bezug zu Frankfurt haben wie das erwähnte Geschäftsbuch, das Mayer Amschel anlegen ließ, nachdem ein Angestellter des Hauses der mehrfachen Veruntreuung überführt worden war. Weil die Buchhaltung des Hoffaktors des Landgrafen Wilhelm von Hessen-Hanau, welcher der Münzen- und Medaillenhändler Mayer Amschel Rothschild aus der Frankfurter Judengasse 1769 offiziell geworden war - die Urkunde wird gezeigt -, offenbar ein wenig durcheinanderging, wurde die Unterschlagung längere Zeit nicht bemerkt. Danach stellte Rothschild einen erfahrenen Buchhalter ein, der offenbar dieses erste Kassenbuch in feinsäuberlicher Handschrift angelegt hat.

          Lange ist das erste Familienarchiv der Rothschilds in Frankfurt aufbewahrt worden, zuletzt unter der Obhut von Mathilde von Rothschild, bis es 1924 nach Wien kam. Dort fiel es 1938 einem SS-Sonderkommando zum Raub und fand sich 1945 in Schloß Wölfersdorf in Schlesien wieder, von wo es die Rote Armee nach Moskau verfrachtete. Auf die Spur des Beuteguts hat die Rothschilds der Leiter des Jüdischen Museums Frankfurt, Georg Heuberger, vor zehn Jahren gebracht. Er hatte auf Beutegut-Listen des Bundesarchivs einen entsprechenden Vermerk entdeckt und Lord Jacob Rothschild, den Chef des Londoner Hauses, darauf hingewiesen. Die Weltpremiere im Museum Judengasse ist sozusagen ein Dankeschön der Rothschilds an ihn und sein Haus. HANS RIEBSAMEN

          "Zurück aus Moskau. Das erste Familienarchiv der Rothschilds": Börnegalerie im Museum Judengasse, Kurt-Schumacher-Straße 10. Bis 25. Juli, Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr.

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