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Schule erinnert an Holocaust : Rote Rosen für die Enkelin der Überlebenden

Wo ihre Großmutter zur Schule ging: Sophie Ullin (rechts) besucht den Kurs, in dem Comics über ehemalige Schülerinnen der Schillerschule entstehen. Bild: Stephan Lucka

Die Erinnerung an den Holocaust wird sich verändern, wenn Überlebende fehlen, die von ihrem Leid berichten können. An der Frankfurter Schillerschule wird nun früheren Schülerinnen gedacht, die in der NS-Zeit verfolgt wurden – mit Comics und einer Performance.

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          Ada und Lucie haben einen Blumenstrauß mitgebracht, rote Rosen. Und aufgeregt sind sie auch. In wenigen Minuten werden sie Sophie Ullin treffen, eine Frau aus dem australischen Melbourne, die als Kunstberaterin arbeitet. Beinahe ein halbes Jahr ist es her, seit sie Ullin über das soziale Netzwerk Instagram eine Nachricht geschickt haben. Als sie darauf nicht antwortete, haben sie nicht aufgegeben, sondern weitergesucht und eine Mail­adresse von Ullin aufgespürt. Auf die zweite Nachricht reagierte die Australierin.

          Alexander Jürgs
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Seitdem stehen die drei – die Frankfurter Zehntklässlerinnen Ada Kremer und Lucie Sameith und die australische Kunstberaterin Sophie Ullin – im Austausch, schreiben sich, schicken Fragen und Antworten hin und her. Nun, an einem sonnigen Freitagnachmittag Anfang Mai, treffen sie zum ersten Mal persönlich aufeinander.

          Was die drei verbindet, ist die Großmutter der Australierin: Elinor Ullin, geboren am 24. Februar 1905 in Frankfurt, Mädchenname Wertheim, genannt Lorli. Ihr Vater war ein bekannter und erfolgreicher Geschäftsmann, der mit Getreide handelte. Seine Tochter besuchte von 1919 bis 1922 die Schillerschule im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen, nur ein paar Schritte vom Mainufer entfernt, damals eine reine Mädchenschule.

          Kulturfonds Rhein-Main fördert das Projekt

          13 Jahre später musste sie fliehen – weil sie Jüdin war. 1935 brach sie auf nach Mailand, schutzsuchend vor den Repressionen der NS-Herrschaft. 1938 zog sie weiter. Eigentlich wollte sie, gemeinsam mit ihrem Mann Heinrich, ins Exil in die Vereinigten Staaten. Doch weil ein Schiff in Richtung Aus­tralien ein paar Tage früher ablegte, landeten sie am Ende in Melbourne. So hat Elinor Ullin den Holocaust überlebt. Ihre älteren Schwestern hatten dieses Glück nicht. Beide wurden ermordet.

          Aufbewahrt: Das Abgangszeugnis von Elinor Ullin aus dem Jahr 1922 befindet sich noch immer im Schularchiv.
          Aufbewahrt: Das Abgangszeugnis von Elinor Ullin aus dem Jahr 1922 befindet sich noch immer im Schularchiv. : Bild: Stephan Lucka

          Ada und Lucie haben sich in die Biographie von Elinor Ullin vertieft – im Schulunterricht, in einem Workshop mit dem Titel „Gegen das Vergessen“, im Wahlpflichtunterricht, abgekürzt WPU. Dort haben die 15 Jahre alten Schülerinnen versucht, so viel wie nur möglich über Elinor Ullin herauszufinden, die vor hundert Jahren auf die Schule ging, die sie heute besuchen. Dafür haben sie im Internet recherchiert, haben alte Telefonbücher durchgesehen, sich in Schifffahrtsdaten und digitale Archive vertieft. Und dabei sind sie auf Sophie Ullin, die Enkeltochter von Elinor, gestoßen.

          Mit Figuren und Strichmännchen

          Den Kurs, in dem sich Ada, Lucie und ein gutes Dutzend weitere Zehntklässler mit den Geschichten von verfolgten Schillerschülerinnen auseinandersetzen, hat eine Künstlerin, die Zeichnerin Leonore Poth, initiiert. Sie will die Jugendlichen dazu bringen, sich nicht nur mit den Biographien der früheren Schülerinnen zu befassen, sondern sich auch künstlerisch damit auseinanderzusetzen. Zusammengetan hat sie sich dafür mit der Theaterregisseurin Liora Hilb. Der Kulturfonds Rhein-Main fördert das Projekt.

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