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Religionspädagoge im Gespräch : „Ich weiß nicht, wie man Mohammed beleidigen kann“

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Freund klarer Worte: Harry Harun Behr, Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Islam an der Goethe-Uni. Bild: Norbert Müller

Der muslimische Religionspädagoge Harry Harun Behr wirbt für Offenheit in der Theologie. Er lehrt aber nicht nur, sondern engagiert sich auch in der Salafismus-Prävention. Mohammed-Karikaturen lassen ihn kalt.

          Ist es im Islam leichter, Gewalt zu legitimieren als in anderen Religionen?

          Im Gegenteil: Es ist schwerer.

          Manche Passagen im Koran lesen sich aber wie ein Aufruf zu Gewalt.

          Wenn man sie isoliert betrachtet, ja. Zum Beispiel Sure 5,33 und folgende, die jenen Gewalt androht, die gegen Gott und seinen Propheten in den Krieg ziehen. Was dort steht, ist brutal. Aber jede Koran-Hermeneutik verbietet es, Stellen aus ihrem Kontext herauszugreifen.

          Aber selbst wenn man den Kontext berücksichtigt, bleibt die Brutalität doch.

          Oder das Gegenteil. Der Vers 5,32 unterstreicht die Zweischneidigkeit der Rechtfertigung von Gewalt mit Verweis auf das mosaische Gesetz. Und in Vers 5,28 verzichtet Abel auf Gegenwehr, als Kain die Hand gegen ihn erhebt. Zusammengenommen ist das alles eher eine Weisung, darüber nachzudenken, was man tut. Außerdem geißelt Mohammed den Krieg. Schon er hatte mit jungen Leuten zu tun, die ihren Kampfesmut gerne unter Beweis gestellt hätten. Im vergangenen Herbst hat der syrische Gelehrte Jawdat Said auf der Grundlage des Koran erneut die Idee aufgeworfen, eine Theologie der Gewaltlosigkeit zu formulieren. Vor allem in den Gewalt-Passagen zeigt der Koran seine historische Signatur, und man muss ihn als Diskursdokument der Spätantike lesen, auch wenn man daran glaubt, dass es das Wort Gottes ist. Das haut nicht so gut hin bei jungen muslimischen Zielgruppen. Und das muss man theologisch bearbeiten.

          Wie?

          Sehr viele Muslime verstehen unter islamischer Theologie die Deutung der gegenwärtigen Situation aus der Tradition, aus Koran und Sunna. Ich meine, Theologie dient auch dazu, die Tradition aus dem Blickwinkel der Situation zu betrachten und umzuformulieren. Der Koran gibt uns weniger Regeln vor, sondern vielmehr Richtungen. Man muss den Koran weiterlesen.

          Was sagen denn Ihre Studenten dazu?

          Es gibt solche, die diese Sichtweise dankbar annehmen. Andere nehmen mich als Konvertiten anfangs nicht ernst. Denen sage ich: Entschuldigung, Mohammed war auch Konvertit. Und dann gibt es welche, die nicht zuhören und das Seminar absitzen. Aber es kommt durchaus zu spannenden Debatten, wenn die „härtere Fraktion“ sieht, dass ich nicht nur scheinbar progressive Thesen vertrete, sondern mit ihnen bete oder faste. Die meisten unserer Studenten haben weniger ein akademisches Erkenntnisinteresse, sondern ein religiöses Orientierungsinteresse.

          Wofür eine Uni der falsche Ort ist.

          Ich sehe das auch sehr kritisch. Natürlich darf und soll man spirituelle Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung in einem theologischen Studiengang reflektieren - gerade mit Blick auf Religionslehrer. Aber die Studenten dürfen sich nicht an mir „festsaugen“. Viele junge Muslime haben ein wahnsinniges Bedürfnis, einer religiösen Lehrmeinung zu folgen, statt sich selbst eine zu bilden. Wie sollen die später Religionsunterricht gemäß den Curricula erteilen, in denen es heißt, jener Unterricht solle nicht Glauben vermitteln, sondern zum Glauben befähigen? Das ist ein großer Unterschied.

          Wird der Kampf um die Deutungshoheit über den Koran an Schärfe zunehmen?

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