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Reiten als Therapie : Kleine Wunder im leichten Trab

Im Sattel Sinn und Selbstsicherheit finden: Die Therapie gründet auf dem intuitiven Vertrauen zwischen Pferd und Reiter. Bild: Cornelia Sick

Reiten kann helfen, psychische und körperliche Defizite zu bewältigen. Die Ausbildung zum Therapeuten erfordert Geduld und Gespür.

          5 Min.

          Tamano ist vollkommen gelassen. Still steht er zwischen den acht Kindern, die umherlaufen und ihm mit ungelenken Bewegungen das Fell striegeln. Er schließt die Augen und bläht seine Nüstern. So schnell bringt ihn nichts aus der Ruhe.

          Theresa Weiß
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nicht jedes Pferd kann die Arbeit verrichten, die Tamano fast täglich übernimmt. Der schwarze Wallach ist ein Therapie-Pferd. Er wird von geistig und körperlich behinderten Kindern und Jugendlichen besucht, gepflegt und geritten. Um das auszuhalten, darf er nicht schreckhaft sein, denn die Kinder sind manchmal laut und hektisch. „Die Ausbildung ist ähnlich wie bei einem Polizeipferd“, erklärt Constanze von Monts. Sie leitet die Reittherapie und bildet auf dem Georgshof in Frankfurt Nied seit sechs Jahren neue Therapeuten aus.

          Die Ausbildung zum Reittherapeut dauert etwa ein Jahr

          Nicht nur das Pferd muss Ruhe und Gelassenheit mitbringen. Auch der Reittherapeut sollte bestimmte Charaktereigenschaften haben, um Erfolge erzielen zu können. Wer bei Constanze von Monts lernen will, muss geduldig und sicher im Umgang mit Pferden sein. „Das Wichtigste ist, davon überzeugt zu sein, dass Pferde Menschen helfen können“, sagt sie. Deshalb schaut sie sich die Leute, die bei ihr lernen wollen, genau an. Sie ist die einzige Ausbilderin im Großraum Frankfurt und eine der wenigen in Deutschland, die das Training überhaupt anbieten. Mitunter kommen die Studenten deshalb auch von weit her.

          Zum Beispiel Paula Dück und Gina Grifoni-Farias. Dück ist aus Paraguay angereist. In ihrer Heimat hat sie eine Ranch mit vielen Pferden. Wenn sie die Ausbildung abgeschlossen hat, wird sie dorthin zurückkehren und selbst Reittherapie anbieten. Auch Grifoni-Farias hat große Pläne: Die Polo-Reiterin wird die Stute Milka als zweites Therapie-Pferd ausbilden und Constanze von Monts unterstützen. Die Ausbildung umfasst neben dem Umgang mit Behinderten und dem Erstellen von Therapieplänen Kurse in Betriebswirtschaftslehre und Psychologie. Etwa ein Jahr dauert es, Reittherapeut zu werden.

          „Die Kinder entwickeln sich unglaublich.“

          Monts berichtet von erstaunlichen Erfolgen: Ein autistischer Junge fing auf dem Pferderücken an zu sprechen, obwohl er vorher nie ein Wort gesagt hatte. „Erst hat er einen Schrei losgelassen, und dann fing er langsam an zu reden“, erinnert sie sich. Sie erzählt von phlegmatischen Kindern, die ihre Lebensfreude wiederentdecken. Und von Schreihälsen, die endlich Ruhe finden. Vielen behinderten Kindern fällt es offenbar leichter, eine Beziehung zu einem Tier aufzubauen als zu einem Menschen.

          Psychologen führen das darauf zurück, dass ein Tier sie so akzeptiert, wie sie sind, und keine Berührungsängste hat. Gerade Autisten wird eine besondere Beziehung zu Pferden nachgesagt. „Ich hatte vorher nie wirklich Kontakt zu Behinderten“, erinnert sich Paula Dück. Nun ist sie begeistert, wie intelligent die Kinder seien, die zu ihr kommen, und welche Stärken sie hätten: „Im ersten Moment sieht man immer nur die Schwächen, aber die Kinder entwickeln sich unglaublich.“ Die Kinder verbessern ihre Feinmotorik und ihre Hand-Augen-Koordination, wenn sie dem Pferd das Fell bürsten oder die Hufe auskratzen. Und sie entspannen sich. In dem Moment gibt es nur das Pferd und sie.

          Die Therapie wird nur selten von den Krankenkassen bezahlt

          Die Kinder sind nicht die Einzigen, die profitieren. Auch dem Wallach Tamano tut die Arbeit als Therapie-Pferd gut: „Früher hieß es immer, Tamano sei faul“, sagt Constanze von Monts. „Jetzt hat er seine Berufung gefunden, er wird gehegt und gepflegt, aber er versteht wohl auch, dass er eine wichtige Aufgabe hat.“ Sogar in gefährlichen Situationen bleibt er ruhig, so als wisse er, dass er helfen muss. Einmal rutschte ein Kind aus und landete unter Tamanos Hufen. Im gleichen Moment schlug ihm ein anderes Kind auf den Hintern. Von Monts sagt, ihr sei das Herz stehengeblieben - sie fürchtete, dass das Kind am Boden verletzt würde. „Aber Tamano stand wie eine Eins“, sagt die Ausbilderin und lächelt stolz.

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