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Radikalisierung : Jugendhaus schließt nach Drohung von Salafisten

  • -Aktualisiert am

Außenansicht des Jugendhauses Gallus, in dem eine Mitarbeiterin von jungen Salafisten bedroht wurde. Bild: Röth, Frank

Junge Salafisten haben eine Mitarbeiterin des Jugendhauses im Frankfurter Stadtteil Gallus beschimpft und bedroht. Folge war die Schließung des Hauses. Andere Jugendhäuser der Stadt klagen auch über solche Vorfälle.

          Der Vorfall hat sich Anfang Mai ereignet. Mehrere junge Männer treffen sich vor dem Jugendhaus im Gallus an der Idsteiner Straße. Sie kennen die Räume, weil sie vor nicht allzu langer Zeit selbst Stammgäste waren. Und sie kennen die Jugendbetreuer, die dort arbeiten. Niemand kann sich erklären, was die Männer an diesem Tag dazu bewogen hat. Aber als sie das Haus betreten, steuern sie gezielt auf eine Mitarbeiterin zu, beschimpfen und bedrohen sie, weil sie in ihren Augen nicht züchtig angezogen ist.

          Das waren nur die harmloseren Worte, die sich die Frau anhören musste. Der Auftritt der jungen Männer verstörte sie. Und nicht nur sie, auch die anderen Mitarbeiter wussten sich nicht zu helfen. Am nächsten Tag blieb das Jugendhaus geschlossen - bis jetzt.

          Auf einem Blatt Papier an der Tür des Jugendhauses sind die Folgen des Übergriffs zu lesen

          Es ist der erste Fall, der nun öffentlich geworden ist, in dem radikalisierte Muslime, die nach Einschätzung der Polizei zur Salafistenszene zu rechnen sind, in einem Jugendhaus in dieser Weise aufgetreten sind. Aber er ist nicht der einzige, denn seit geraumer Zeit schon gibt es intern Klagen von Mitarbeitern in Jugendzentren, die eine zunehmende Aggression islamistisch geprägter junger Männer beobachten.

          Ämter und Behörden haben auf den Fall im Gallus schnell reagiert. Das Jugend- und Sozialamt sowie das Amt für multikulturelle Angelegenheiten hatten am vergangenen Freitag eine Sondersitzung einberufen, um über den Fall zu diskutieren; auch Vertreter der Polizei waren dabei. Man steht vor der Frage, wie darauf zu reagieren ist, dass Salafisten offenbar nicht davor zurückschrecken, Jugendtreffs aufsuchen, um Mitarbeiter zu bedrohen oder aber um andere Heranwachsende für ihre Zwecke zu radikalisieren.

           Jugendhäuser verstärkt als Treffpunkt genutzt

          Die Sicherheitsbehörden beobachten schon länger, dass Salafisten Gefolgsleute nicht nur auf Schulhöfen rekrutieren, wie es schon vor einem Jahr bekanntwurde, sondern dass auch Jugendhäuser verstärkt als Treffpunkt genutzt werden. Eines der Zentren, das in der Vergangenheit immer wieder von jungen Salafisten aufgesucht wurde, ist das in Ginnheim. Dort gibt es einen Trainingsraum für Kraftsport. Nach Recherchen haben sich auch jene jungen Dschihadisten dort getroffen, die im vergangenen Sommer nach Syrien ausgereist sind. Der Kraftraum galt als Rückzugsort. Dort wollten sie sich fit machen für die Kämpfe. Die jungen Salafisten trafen sich dort beinahe jeden Tag.

          Darüber hinaus gibt es auch Berichte aus Jugendhäusern anderer Stadtteile, dass sich junge Muslime dort offenbar radikalisieren. Sie kleiden sich plötzlich anders, schotten sich gegenüber dem alten Freundeskreis ab und umgeben sich nur noch mit Jugendlichen, die ebenso strikt nach salafistischer Ausrichtung leben wie sie. In einem Jugendhaus sollen sie regelmäßig über ihr Handy Bilder und Videos ausgetauscht haben, die mutmaßlich dschihadistisches Propagandamaterial enthielten.

          Stärkere Sensibilisierung für islamistische Aktivitäten

          Der Leiter des Amtes für multikulturelle Angelegenheiten (Amka), Armin von Ungern-Sternberg, sagte gestern, es müsse gerade in Jugendhäusern eine stärkere Sensibilisierung für islamistische Aktivitäten geben, um solche Entwicklungen früher zu erkennen. Das Amka bereite daher Schulungen für Mitarbeiter vor und lasse zudem Material erstellen, das den Leitern und Jugendbetreuern helfen soll, das „Phänomen Salafismus“ besser zu verstehen. Gerade in Frankfurt habe man es mit einer „sehr dynamischen Szene“ zu tun, „es handelt sich um die wohl dynamischste Entwicklung der letzten Jahre überhaupt“. Es sei daher dringend notwendig, dass das Thema in die Jugendbildung gebracht werde.

          In fünf Tagen wird über das Thema auch im Jugendhilfeausschuss diskutiert - am Beispiel des Falles aus dem Gallus. Nach den Worten der Sprecherin von Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU), wird in den Jugendhäusern in nächster Zeit „noch einmal nachgefragt, ob es noch weitere Vorfälle gibt“. Darauf werde man dann entsprechend reagieren.

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