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Psychotherapie- Angebote : Ruf nach mehr Hilfe für Flüchtlingskinder

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Wer aus seiner Heimat flieht, hat oft Schlimmes erlebt. Doch die Psychotherapie- Angebote für Flüchtlinge sind auch in Frankfurt nach Ansicht von Experten unzureichend.

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          Minderjährige Flüchtlinge brauchen nach Ansicht von Fachleuten eine intensivere psychologische Hilfe, um ihre belastenden Erfahrungen verarbeiten zu können. „Seelische Verletzungen werden unzureichend behandelt“, kritisierte Meike Huber vom städtischen Gesundheitsamt in der Stadtbibliothek. Dort fand zum Abschluss einer Ausstellung über Kinder in Kriegs- und Krisengebieten eine Podiumsdiskussion statt, zu der das Kinderbüro der Stadt geladen hatte. Huber regte an, in den Wohnheimen für junge Flüchtlinge regelmäßige psychologische Sprechstunden anzubieten. Karin Voßmann vom Jugendamt und die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Susanne Schlüter-Müller unterstützten diesen Vorschlag.

          In Frankfurt gibt es mehrere Unterkünfte für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Das Valentin-Senger-Haus dient als Erstaufnahmeeinrichtung. Zu den Häusern, in denen die jungen Leute länger wohnen können, gehört etwa das Haus Mundanis. Dort lebt auch Kamran Azizi. Der Siebzehnjährige ist vor zwei Jahren aus Afghanistan über die Türkei und Griechenland nach Deutschland gekommen. „Ich musste mein Leben retten, um nicht entführt und zu einem Selbstmordattentäter ausgebildet zu werden“, schilderte er. Azizi genießt Schutz nach der Genfer Flüchtlingskonvention. Asyl hätte er nicht bekommen können, denn er ist aus einem sogenannten sicheren Drittstaat, sprich Griechenland, nach Deutschland eingereist.

          Kulturelle Unterschiede zu erklären

          Azizi macht eine Therapie bei Schlüter-Müller - was nicht selbstverständlich ist. Zum einen ist es für minderjährige Flüchtlinge ohnehin schwer, über das Erlebte zu sprechen, zum anderen ist Psychotherapie den meisten unbekannt. Für ihre Arbeit braucht Schlüter-Müller einen Dolmetscher, der ihr auch hilft, kulturelle Unterschiede zu erklären und Fragen gegebenenfalls anders zu stellen.

          Für ihre afghanischen Patienten arbeitet sie mit Babrak Daqieq zusammen, der 1988 als Flüchtlingskind aus Afghanistan nach Deutschland kam. Er schilderte die vielfältigen Belastungen, etwa die Ungewissheit wegen des Aufenthaltsstatus und Albträume. Schlüter-Müller kritisierte Psychotherapeuten, die nicht mit Dolmetschern und Kulturmittlern wie Daqieq zusammenarbeiten wollten. „Das ist eine Schande für unseren Berufsstand.“ Andere Therapeuten lehnten eine Behandlung von Flüchtlingskindern wegen ungeklärter Aufenthaltsfragen ab. „Das ist zynisch. Jeder Monat bringt die Patienten weiter.“

          402 Flüchtlinge im vergangenen Jahr

          Aus Deutschland zurückgewiesen werden nur wenige minderjährige Flüchtlinge. Nach einer Statistik des Jugendamts waren es 2010 drei von 402. „Aber die Angst davor ist rund um die Uhr Realität“, meint Albert Riedelsheimer von der Bundesarbeitsgemeinschaft Pro Asyl. Er forderte, niemanden ohne „Kindeswohlprüfung“ zurückzuweisen.

          Die meisten der 402 Flüchtlinge, mit denen das Jugendamt im vergangenen Jahr Kontakt hatte, nämlich 299, kamen zumindest zeitweise in Jugendhilfeeinrichtungen unter. Die anderen waren größtenteils schon volljährig und kamen in die Erstaufnahmeeinrichtung für erwachsene Asylbewerber nach Gießen, wieder andere hatten Verwandte, zu denen sie gehen konnten (siehe Grafik). Die meisten Flüchtlinge kamen aus Afghanistan. Ob angesichts der aktuellen Ereignisse die Zahl von Flüchtlingskindern aus Nordafrika steigen wird, vermochte Voßmann nicht zu sagen. „Noch ist es ruhig.“

          Wichtig: Besuch einer Schule

          Kommen die Jugendlichen über Griechenland oder Italien nach Deutschland, werden sie nicht dorthin zurückgeschickt. Eigentlich ist eine Einreise nach Deutschland aus Ländern wie diesen nicht erlaubt. Doch gilt der Umgang mit jugendlichen Flüchtlingen in diesen Ländern Fachleuten als nicht akzeptabel. Im Jugendamt kümmert sich ein eigenes Team um die minderjährigen Flüchtlinge, es wird von Voßmann geleitet. Stellen die Flüchtlinge einen Asylantrag, werden sie nach einer bestimmten Quote über ganz Hessen verteilt.

          Wichtig ist für die jungen Menschen auch der Besuch einer Schule. Kamran Azizi etwa geht in eine berufsvorbereitende Klasse. Er möchte den Haupt- und dann den Realschulabschluss machen. Zuvor hatte er eine „Intensivklasse“ besucht, die es nach Angaben von Anne Schwarz vom Staatlichen Schulamt für Frankfurt in allen allgemeinbildenden Schulen gibt. Sie forderte ein besseres Angebot für die 16 bis 18 Jahre alten Flüchtlinge, denn mit 16 Jahren endet die Schulpflicht. Außerdem brauchten die Jugendlichen „Bildungsbegleiter“, die ihnen zum Beispiel helfen könnten, in Vereinen Fuß zu fassen.

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