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Prüfungsangst im Studium : „Ich dachte, ich bin nichts mehr wert“

Drama mit Happy End: Valeria Di Liberto hat dank einer Therapie ihre Prüfungsangst überwunden und ihr Jura-Examen abgelegt. Bild: Frank Röth

Das erste Jura-Examen war für Valeria Di Liberto ein Albtraum. Bei der Abschlussarbeit bekommt sie Panik, Denkblockaden und Atemnot. Sie fällt durch. Eine Gruppentherapie für Studenten mit Prüfungsphobie hat geholfen.

          Als sie den großen gelben Brief in der Hand hielt, in dem stand, sie sei durchgefallen, da hat Valeria Di Liberto gelacht. Die Hiobsbotschaft kam ihr im ersten Moment vor wie ein schlechter Witz. So sehr hatte sie gelitten und gehofft, und dann das: vier von sechs Klausuren des ersten Jura-Staatsexamens nicht bestanden. „Ich dachte, das kann doch nicht wahr sein“, sagt die junge Frau, und sie lacht auch jetzt.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Damals, das war 2010, ist ihr das Lachen schnell wieder vergangen. Nach der Fassungslosigkeit kam der Schock, und nach dem Schock begann die Verdrängung. Es sollten Jahre vergehen, bis sie ernsthaft anfing, das zu verarbeiten, was ihr passiert war.

          Wer sich mit Valeria Di Liberto unterhält, wird die Vorstellung, sie könnte an extremer Prüfungsangst leiden, erst einmal absurd finden. Die 29 Jahre alte Halbitalienerin ist wortgewandt, resolut und humorvoll, ein Mensch, der mitten im Leben steht. Sie ist die Älteste von drei Geschwistern, ihre Familie hat eine Pizzeria in Frankfurt-Bornheim, in der sie neben dem Studium an der Goethe-Uni gearbeitet hat. In Frankfurt ist sie auch zur Schule gegangen, das Abitur hat sie mit der Note 2,5 bestanden. Ein bisschen Angst vor Klausuren habe sie immer gehabt, sagt sie. Aber nie hat sie in ihrer Schulzeit und im Studium einen solchen Horror erlebt wie im ersten Examen.

          Vier Jahre später wagte sie einen neuen Versuch

          Es hatte wohl mit dem Unfall ihres Vaters zu tun. Er verunglückte im April 2010 und lag sechs Wochen im Koma. Obendrein machte ihr Beziehungsstress zu schaffen, als sie im September zur Prüfung antrat. Di Liberto fühlte sich, als stünde sie unter Drogen. Sie starrte auf die Aufgaben, ohne ein Wort zu verstehen. „Ich dachte: Was haben uns die Professoren eigentlich beigebracht - nichts!“ Im Studium hatte sie kommerzielle Repetitorien besucht und Probeklausuren geschrieben, doch die waren nicht annähernd vergleichbar mit den echten, wie sie sagt.

          Zusätzlich zur Denkblockade spielte auch noch ihr Körper verrückt. Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt, sie bekam kaum noch Luft, musste den Prüfungsraum für eine halbe Stunde verlassen. Endlich wieder zu Hause, brach sie in Tränen aus. Und dann kam der gelbe Brief.

          Vier Jahre lang wagte es Valeria Di Liberto nicht, sich diesem Albtraum noch einmal auszusetzen. Sie führte die Geschäfte in der Pizzeria, ging aber weiter zum Lernen in die Unibibliothek. Mal verdrängte sie, was geschehen war, mal machte sie sich Vorwürfe: „Ich habe mich an diesem Examen gemessen. Ich dachte, ich bin nichts mehr wert.“ Zum Glück stand die Familie hinter ihr. „Meine Eltern haben mir immer den Rücken freigehalten.“ Es dauerte bis zum März 2014, ehe sie einen neuen Anlauf nahm. Als sie sich zum Examen anmeldete, sah sie einen Aushang, der auf Kurse gegen Prüfungsangst hinwies. Das Angebot gehörte zu einer Studie, für die Psychologen der Uni Frankfurt mit der Psychotherapeutischen Beratungsstelle der Uni Mainz zusammenarbeiten. Der Zeitaufwand für die Teilnehmer ist überschaubar: fünf Gruppensitzungen à drei Stunden. Di Liberto meldete sich an. Sie sagte sich: „Wenn ich weitermache wie bisher, breche ich zusammen.“

          Entspannungstechniken gegen die Phobie

          Die Bewerber für die Kurse wurden zu einem Diagnosegespräch eingeladen, um ihre Eignung für die Studie festzustellen. Dann wurden sie in drei Gruppen aufgeteilt, wie Studienleiterin Neele Reiß erläutert. Die erste war eine Art Selbsthilfekreis, in dem die Betroffenen unter Anleitung eines Moderators verschiedene Techniken gegen Prüfungsangst erprobten. In der zweiten Gruppe wurde klassische Verhaltenstherapie mit Entspannungstechniken kombiniert, in der dritten mit einem Ansatz, den Reiss ein „Imaginationsverfahren“ nennt. Dabei erleben die Teilnehmer Situationen, die sie als traumatisch empfunden haben, wie in einem Film - doch diesmal versuchen sie, dem Drama ein „Happy End“ zu geben.

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