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Prozessauftakt : Emig will nur für „eigene Fehler“ geradestehen

Fühlt sich von den ehemaligen Kollegen vorverurteilt: Jürgen Emig Bild: F.A.Z. - Frank Röth

Betrug, Korruption, Untreue: So lauten die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen Jürgen Emig. Der wiederum zeigt mit dem Finger auf den Hessischen Rundfunk. Dort habe man von ihm erwartet, dass er „Fremdmittel“ beschaffe.

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          Der frühere Sportchef des Hessischen Rundfunks (HR) Jürgen Emig hat vor Gericht zu erklären versucht, warum er gar nicht anders gekonnt habe, als sich im Finanzsystem der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zu verstricken. „Man hat mich allein gelassen“, resümierte der Journalist, der seit 1987 die Sportredaktion geleitet hatte. Man habe von ihm erwartet, dass er „Fremdmittel“ beschaffe und damit die „gnadenlose Unterfinanzierung“ der Sportsendungen ausgleiche.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie er, der über „Barrieren eines investigativen Sportjournalismus“ promoviert wurde, dem nach eigenem Empfinden vielleicht sogar eine Laufbahn als Professor gewinkt hätte, wie er, der „Mister Radsport“ der ARD, auf der Anklagebank des Frankfurter Landgerichts landen konnte, diese Frage stellte der am Sonntag 63 Jahre alt gewordene Angeklagte in den Saal des Frankfurter Kriminalgerichts hinein. Die Antwort hatte ihm Staatsanwalt Michael Loer kurz zuvor sehr trocken gegeben. Die Anklageschrift listet eine Reihe von Sportveranstaltungen in den Jahren 2000 bis 2004 auf, in denen Emig über die Sportagentur SMP, an der seine Frau beteiligt war, für Fernsehübertragungen kräftig und illegal mitkassiert haben soll.

          Vorwürfe gegen den HR

          Weil SMP die Zuschüsse, die Emig im Namen des Senders von den Veranstaltern für die Übertragung sogenannter Randsportarten einforderte, ganz oder zum Teil einbehalten haben soll, ist er der Untreue angeklagt. Hinzu kommt Betrug, weil Emig, der im Wesentlichen die Verhandlungen führte, wahrheitswidrig vorgespiegelt habe, der HR verlange, alles über die SMP abzuwickeln. Aus Sicht der Ermittler war er zudem als Abteilungsleiter einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt „Amtsträger“ und als solcher bestechlich, indem er den Vereinen und Sponsoren versprochen habe, bei entsprechenden Zahlungen dafür zu sorgen, dass umfassend berichtet werde. Die illegalen Einkünfte summieren sich laut Anklage auf mehr als 500.000 Euro.

          Den Schaden für den HR beziffert die Anklage auf etwa 360.000 Euro, entsprechend der Gewinne, die die Agentur in jenen Jahren aus den Geschäften mit dem Sender zog; der fordert von seinem früheren Sportchef zivilrechtlich eine Million Euro Schadensersatz von Emig. Offiziell wurde die Agentur seit 2001 von dem langjährigen Vorsitzenden des Deutschen Tanzsportverbandes, Harald Frahm, geführt. Emigs Ehefrau zog sich, nachdem im HR die Bedenken wegen möglicher Interessenkollisionen immer lauter wurden, über eine Treuhänderschaft getarnt als stille Teilhaberin zurück. Frahm ist wegen Bestechung, Betrugs und Beihilfe zur Untreue angeklagt.

          Emig bezeichnete vor Gericht diese Verschleierung als „verheerenden Fehler“. Er habe wohl den richtigen Zeitpunkt verpasst, dies aufzuklären. Der Angeklagte, der seinen Worten nach darum kämpfen will, nicht auch noch für Fehler geradestehen zu müssen, für die andere verantwortlich seien, ging nach dieser kurzen Einkehr gleich wieder in die Offensive. Nach seiner Einschätzung habe er jeweils Dreiviertel des Jahresetats der HR-Sportredaktion durch von ihm beschaffte Fremdmittel bestritten. Für den Heimatsender seien es über all die Jahre etwa elf Millionen Euro gewesen, für die ARD insgesamt wohl an die 20 Millionen.

          „Schwarze Kasse“ des Senders

          Emig, der bei seiner Aussage nur gelegentlich auf einen kleinen Notizzettel schaute, dachte laut darüber nach, wie sich eine solche Finanzierungspraxis mit dem öffentlich-rechtlichen Auftrag einer Rundfunkanstalt vertrage. Die Verantwortlichen des Senders hätten schon viel früher Zweifel bekommen müssen. Seinem Eindruck nach sei die SMP-Agentur letztlich so etwas wie die „schwarze Kasse“ des Senders geworden. Konkreter wurde er nicht. Er erwähnte lediglich eine Unterredung mit dem früheren Programmdirektor Hans-Werner Conrad, in der dieser ihm bedeutet habe, er wolle gar nicht wissen, wie er den Etat seiner Redaktion aufstocke.

          Gewohnt mikrofonsicher ließ sich der Hauptangeklagte nur wenig von den Belastungen anmerken, die das lange Ermittlungsverfahren und die „öffentliche Vorverurteilung“ für ihn und seine Familie bedeuteten. Von einem Teilgeständnis, das er angeblich in der mehrwöchigen Untersuchungshaft abgelegt haben soll, war er am ersten Prozesstag noch weit entfernt. Auf Nachfragen des Kammervorsitzenden gab er zu, er sei sich bewusst gewesen, sich in einer „Grauzone zwischen Schleichwerbung und erlaubtem Sponsoring“ zu bewegen.

          Er wird noch einiges näher erklären müssen. Ob zum Beispiel zutrifft, dass er, wie die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft, Sponsoren und Veranstalter des Triathlons in Frankfurt zur Zahlung von 80.000 Euro „netto“ als Zuschuss zu den Produktionskosten veranlasste, dem HR davon aber nichts oder nur einen Teil zukommen ließ. Ob er die Gemeinden, durch die das Feld des Radrennens „Rund um den Henninger Turm“ rollte, dazu brachte, ihm Honorar dafür zu zahlen, dass er sie bei der Übertragung lobend erwähnte. Oder ob er dafür sorgte, dass die Logos der Sponsoren ins Bild kamen. Ende Oktober will die Kammer ein Urteil verkünden. Zeit genug, Intendanten, Programmdirektoren und Chefredakteure, ehemalige und aktuelle, als Zeugen zu befragen.

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