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Tod von Sklavenmädchen : Er band das Kind erst los, als es bewusstlos war

Beteuert seine Unschuld: Taha Al-J. vor dem Oberlandesgericht im vergangenen Jahr (Archiv) Bild: AFP

Im Prozess um den Tod eines jesidischen Sklavenmädchens sagt in Frankfurt die deutsche IS-Anhängerin Jennifer W. gegen ihren Ehemann aus. Zwei Jahre lang hat sie geschwiegen. Warum redet sie plötzlich?

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          Bevor es losgeht, hat der Verteidiger eine Bitte. „Egal, was die Zeugin gleich für eine Aussage macht, er soll ruhig bleiben.“ Er, das ist Taha Al-J., der Angeklagte, die Bitte richtet der Anwalt an den Dolmetscher. Seit einem Jahr verhandelt das Oberlandesgericht über eine Tat, die so grausam ist, dass einem bei der Verlesung der Anklage der Atem stocken konnte. Al-J. soll im Irak ein jesidisches Mädchen, das er zusammen mit dessen Mutter als Sklavin hielt, als Bestrafung so lange in der Sonne angebunden haben, dass es verdurstete. Jesiden in aller Welt setzen große Hoffnung in den Prozess, weil er stellvertretend für die Verbrechen steht, die die Terror-Miliz „Islamischer Staat“ (IS) an ihrem Volk begangen hat. Die Vernichtung der Jesiden, hat ein Sachverständiger in dem Prozess gesagt, sei erklärtes Ziel der Terroristen gewesen – und würde Taha Al-J. verurteilt, stünde eine Strafe mit Signalwirkung zu Buche.

          Anna-Sophia Lang
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch je mehr es um die Details geht, desto komplizierter wird es. Nicht nur, dass die Tat fast sechs Jahre zurückliegt: Der Tatort liegt mitten im Kriegsgebiet, was die Rekonstruktion schwermacht, genau wie die vielen Sprachen, die eine Rolle spielen. Das Gericht braucht ein Verständnis für die Region und die Ethnien, für die Strukturen des IS und die Art, wie er Herrschaft ausübte. Al-J.s Verteidiger sind von seiner Unschuld überzeugt. Sie zweifeln nicht nur Ermittlungsschritte an, sondern vor allem die Angaben der Mutter des Mädchens. Nora B. war eine schwierige Zeugin. Eine einfache Frau, die verfolgt, verschleppt und gepeinigt wurde und die Probleme hatte, den vielen Fragen der Verfahrensbeteiligten zu folgen. Dennoch stellte sie sich der Aufgabe, tagelang. Und das nicht zum ersten Mal: Schon vor dem OLG München sagte sie aus, dort waren es elf Tage. Angeklagt ist nämlich nicht nur Taha Al-J., sondern auch seine damalige Ehefrau, die deutsche IS-Anhängerin Jennifer W. Sie muss sich verantworten, weil sie laut Anklage nichts unternahm, um das Mädchen zu retten. Zwei Jahre lang schwieg die heute Neunundzwanzigjährige. Bis sie sich vor ein paar Tagen einließ.

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