https://www.faz.net/-gzg-rxse

Prozeß : „Mit Hitler gleichgesetzt zu werden ist für Juden eine Katastrophe“

  • -Aktualisiert am

Henryk M. Broder gegen einen alten Freund: Zum wohl ersten Mal in der Bundesrepublik Deutschland will ein Jude von einem Gericht klären lassen, ob ein anderer Jude ein Judenfeind ist.

          2 Min.

          Kann ein Jude ein Antisemit sein? Kann er - sagt der jüdische Publizist Henryk M. Broder. Und hat den jüdischen Verleger Abraham Melzer aus Neu-Isenburg als einen solchen bezeichnet. Deshalb saßen sich die beiden alten Freunde gestern mittag im Gerichtssaal in Frankfurt gegenüber - als mittlerweile unversöhnliche Feinde. Dies im wohl ersten Rechtsstreit im Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland, in welchem ein Jude von einem Gericht klären lassen will, ob ein anderer Jude ein Judenfeind ist.

          Zur Vorgeschichte: Der Verleger Melzer hat ein Buch mit dem Titel „Das Ende des Judentums“ veröffentlicht, verfaßt von einem in Holland lebenden Juden, einem KZ-Überlebenden namens Hajo Meyer. In diesem Buch kommt Israel - um es zurückhaltend auszudrücken - nicht gut weg. Ein Zitat, welches sich auf die israelische Politik bezieht, als Beispiel: „Besonders im vergangenen Jahr scheint sich eine andere Vorhersage der Antisemiten in gefährlichem Ausmaß zu bewahrheiten. Ich meine den Mythos - und bis vor kurzem war es ein solcher -, die Juden hätten es auf die Weltherrschaft abgesehen.“

          „Mit braunem Dreck gefüllt“

          Broder hat im Internet einen Vorspann zu einem Bericht eines Kollegen über eine Lesung des Autors Meyer in Leipzig veröffentlicht. Die Überschrift lautete „Holo mit Hajo - Wie zwei Juden für die Leipziger den Adolf machten“. Mit den zwei Juden waren Hajo Meyer und Abraham Melzer gemeint. In Broders Text finden sich die Sätze: „Mein Freund Abraham (Abi) Melzer hat da eine Lücke entdeckt, die er fleißig mit braunem Dreck füllt. Letzten Montag trat er zusammen mit seinem besten Pferd im Stall, dem Berufsüberlebenden Hajo Meyer, an der Leipziger Uni auf. Ich hatte vor, mir diese beiden Kapazitäten für angewandte Judäophobie aus der Nähe anzusehen, mußte leider wegen eines Malheurs kurzfristig umdisponieren.“

          Melzer und Meyer haben auf den Artikel mit einer einstweiligen Verfügung reagiert, in der Broder untersagt wurde, sie der „Judäophobie“ und des „Adolf machen“ zu beschuldigen, auch dürfe er nicht weiter behaupten, Melzer fülle eine Lücke mit „braunem Dreck“. Broder seinerseits hat die Verfügung angefochten.

          Unzulässige Schmähkritik?

          Es geht formal, so erklärte es Richter Frowin Kurth gestern den beiden Streithähnen und einem Publikum von drei Dutzend Männern und Frauen, überwiegend jüngere Juden, um die Frage Persönlichkeitsrecht wider Meinungsfreiheit. Genauer: Stellen Broders Äußerungen eine unzulässige Schmähkritik dar. Tatsächlich geht es freilich um die Klärung einer nicht zu beantwortenden Frage: Wo schlägt Kritik an den Juden oder an Israel in Antisemitismus um?

          Melzers Anwalt wies darauf hin, daß der Vorwurf, er sei Antisemit, seinen Mandanten im Kern treffe, weil dieser Vorwurf besonders ehrenrührig sei. „Mit Hitler gleichgesetzt zu werden ist füreinen Juden eine Katastrophe.“ Melzer selbst sagte im Schlußwort über sich selbst: „Ich bin ein stolzer Jude. Ich liebe Israel, nur nicht die Politik dieses Landes.“

          „Jüdischer Selbsthaß“

          Broder sprach vom „jüdischen Selbsthaß“, dem als erster der jüdische Philosoph Theodor Lessing 1930 ein materialreiches Buch gewidmet habe: „Antisemitismus ist eine Krankheit, die jeden befallen kann.“ Will heißen: auch Juden. Der Buchautor Meyer ist laut Broder der Prototyp des jüdischen Selbsthassers. „Er ist ein Antisemit.“ Und Melzer als sein Verleger, dies will Broder offenbar damit kundtun, billigt dessen Haltungen und fällt damit auch unter die Kategorie Judenhasser. Im übrigen, so ließ Broder seine wortgewaltige Anklage enden, sei dies kein Fall für das Gericht, sondern ein Fall für einen Analytiker.

          Was nun, Richter Kurth? Zuerst einmal nachdenken, sagte der Herr in diesem Gerichtssaal. Man wolle sich für diese schwierige Entscheidung zwei Wochen Zeit lassen. Am 27. Januar soll dann um 11 Uhr das Urteil verkündet werden.

          Weitere Themen

          Vom Reifrock verschluckt

          Aufführung im Staatstheater : Vom Reifrock verschluckt

          An Absurdität nicht zu überbieten: Uwe Eric Laufenberg hat in kürzester Zeit Samuel Becketts „Glückliche Tage“ auf die Bühne des Staatstheaters Wiesbaden gebracht.

          Maske, Macadamia und Tamarinde

          FAZ Plus Artikel: Lokaltermin : Maske, Macadamia und Tamarinde

          Das Hotel Roomers in Frankfurt hat vor einem halben Jahr einen kulinarischen Neustart gewagt. Mit dem Restaurant Burbank hat eine Kombination von japanischer und panasiatischer mit europäischem Einfluss in die Räume Einzug erhalten.

          Topmeldungen

          Tourismus : Schweiz buhlt um Deutsche

          Den Eidgenossen fehlen die ausländischen Gäste, vielen Hotels droht der Konkurs. Nun wollen sie bei deutschen Touristen punkten – mit praktischen und geldwerten Angeboten.
          Gut gelaunt mit amerikanischen Soldaten am Truppenstützpunkt Ramstein: Amerikas Präsident Donald Trump im Jahr 2018.

          Trumps Abzugspläne : Ein weiterer Tiefschlag

          Sollten Tausende amerikanische Soldaten Deutschland verlassen, würde das vor allem dem Pentagon selbst zu schaffen machen. Für das transatlantische Verhältnis aber verheißt es nichts Gutes.
          Nicht nur Gnabry (links) und Goretzka trafen für den FC Bayern in Leverkusen.

          4:2 in Leverkusen : Der FC Bayern ist eine Klasse für sich

          Die Münchner meistern die wohl größte Hürde, die auf dem Weg zum Titel noch zu nehmen war, mit dem klaren Sieg in Leverkusen souverän. Die fußballerische Perfektion erinnert an die besten Phasen unter Pep Guardiola.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.