https://www.faz.net/-gzg-zn6e

Prozess gegen Jürgen Emig : Keine Abrechnung mit dem „System HR“

In „passiver Alterszeit”: Jürgen Emig Bild: dpa

Der Prozess gegen den früheren HR-Sportchef Jürgen Emig beginnt am 4. August. Es geht um Sport, Geld und Betrug. Spannend wird die Frage, wer beim HR wie viel von den Machenschaften der Angeklagten wusste.

          Das wären früher seine Wochen gewesen. Als er, der „Mister Tour de France“, um kurz vor sechs dem staunenden Fernsehzuschauer erklären konnte, warum Jan Ullrich so schlecht die Berge hochgekommen war. Von dem Radklassiker haben sich die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wegen der nicht endenwollenden Doping-Affären im vergangenen Jahr verabschiedet. Da war Jürgen Emig allerdings schon längst von der Bildfläche verschwunden.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Gestolpert war der promovierte Journalist nicht über seine Bemerkungen zu Land und Leuten im schönen Frankreich („Und rechts sehen Sie die Kühe aus dem Bild fahren.“) Ihn hatten zuvor nur angedeutete Vorwürfe ereilt, er vermische in der Heimat allzu sehr private und dienstliche Interessen. Im März 2004 trat der langjährige Sportchef des Hessischen Rundfunks auf Druck des neuen Intendanten Helmut Reitze zurück, „um Schaden von sich und vom Sender abzuwenden“, wie er formulierte. Ein Jahr später wurde er fristlos entlassen und musste sogar in Untersuchungshaft, wo er laut Staatsanwaltschaft ein Teilgeständnis ablegte. Der Prozess gegen den Zweiundsechzigjährigen beginnt am 4. August.

          Anklage wegen Bestechlichkeit und Untreue

          Das gegen ihn zusammengetragene Material gleicht einem bunten Bilderbogen aus der hessischen Sportlandschaft: Vor allem für die Übertragung sogenannter Randsportarten wie Radfahren, Reiten und Tanzen, aber auch für die Fernsehbilder vom Marathon und vom Ironman in Frankfurt soll Emig von den Veranstaltern Geld gefordert und diese verpflichtet haben, bei der Akquise von Sponsoren die PR-Agentur seiner Frau einzuschalten.

          Im Mai vergangenen Jahres fasste die Staatsanwaltschaft die Beschuldigungen in einer Anklage wegen Bestechlichkeit und Untreue zu Lasten des Senders und wegen Betruges zum Schaden von Vereinen und Sportveranstaltern zusammen. Auf rund 615.000 Euro beziffern die Ermittler insgesamt die inkriminierten Nebeneinkünfte. Aufgelistet werden rund 60 Sendungen aus den Jahren 2000 bis 2004, darunter auch Übertragungen des Radrennens „Rund um den Henninger-Turm“. Emig soll in den Jahren 2001 bis 2004 allein rund 225.000 Euro dafür erhalten haben, dass er in den meist von ihm moderierten Berichten die Sponsoren besonders zur Geltung habe kommen lassen.

          Mitangeklagt ist der frühere Präsident des Deutschen Tanzsportverbandes, Harald Frahm, der durch die Straftaten rund 300.000 Euro erlangt haben soll. Er hatte Anfang 2000 mit Emigs Ehefrau die Sportmarketing-Agentur gegründet. Auf Vermittlung Emigs sei Frahm 2002 auch in Kontakt mit dem damaligen Sportchef des Mitteldeutschen Rundfunks, Wilfried Mohren, gekommen, heißt es in der Anklage. Gegen Schmiergeldzahlungen von insgesamt rund 30.000 Euro habe Mohren von der Agentur produzierte Sendungen ins Programm genommen. Gegen Mohren hat die Staatsanwaltschaft Dresden Ende vergangenen Jahres Anklage erhoben. Ihm werden Bestechlichkeit, Vorteilsannahme, Untreue und Steuerhinterziehung vorgeworfen. Damit soll er Einnahmen von mehr als 350.000 Euro erzielt haben.

          Welcher Intendant wusste wie viel von der Ko-Finanzierung?

          Die Frankfurter Richter, die sich Zeit ließen, die Anklage gegen Emig und Frahm zu prüfen, haben nur wenige Abstriche gemacht. Ob die Beschuldigten darüber verhandelten, unter welchen Konditionen Spiele der Fußball-Regionalliga übertragen werden könnten, wird im Prozess nicht untersucht, im Übrigen wurde „hinreichender Tatverdacht“ bejaht. Das ist zunächst keine gute Nachricht für Emig und seinen Verteidiger Stefan Bonn, der sich vor Beginn des Prozesses nicht äußern will. Der Beschluss des Gerichts dämpft auch Erwartungen, Emig werde in dem Prozess Gelegenheit zu einer großen Abrechnung über das „System HR“ erhalten.

          Gemeint ist die Ende der neunziger Jahre eingeführte, vom Sportchef ausgebaute Praxis der „Beistellungen“. Dabei musste, wer seine nur bei einem kleineren Teil des Publikums beliebte Sportart ins Fernsehen bringen wollte, Sponsoren zur Mitfinanzierung finden. Der Weg ins Hessische Fernsehen führe nur über die Agentur, sollen Emig und Frahm nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Vereinen und Sportveranstaltern suggeriert haben. Tatsächlich wäre es auch möglich gewesen, die Verträge unmittelbar mit dem HR abzuschließen, ohne Provision. Den Schaden für die Veranstalter schätzen die Ermittler auf insgesamt 290.000 Euro, für den HR auf 235.000 Euro.

          Wie sich das mit dem Auftrag eines öffentlich-rechtlichen Senders vereinbaren lässt, die Grundversorgung mit Information über die eingenommenen Gebühren sicherzustellen, mag eine medienpolitisch spannende Frage sein. Erst recht, welcher Intendant wie viel von der Dimension der Ko-Finanzierung wusste. Emigs Bemühungen, den chronisch knappen Etat der Sportredaktion dergestalt anzureichern, galten nach der Erinnerung von Mitarbeitern an der Bertramswiese lange als vorbildlich.

          Angeklagte sollen Einnahmen an sich umgeleitet haben

          Vor zwei Jahren, im Prozess gegen den HR vor dem Arbeitsgericht um seine fristlose Entlassung, hatte der frühere Sportchef behauptet, dank seiner Aktivitäten seien etwa 20 Millionen Euro „in die Kassen von HR und ARD geflossen“, ohne dass er sich bereichert habe. Die Rundfunkanstalt konterte mit einer Regressforderung über eine Million Euro gegen den Mitarbeiter, der sich formal derzeit in „passiver Alterszeit“ befindet.

          Auch die Staatsanwaltschaft nimmt an, Emig habe seine Vorgesetzten im Prinzip darüber informiert, wie er zusätzliche Mittel für die Sendungen beschafft habe. Verantwortliche des Hessischen Rundfunks hätten aber nicht gewusst, dass die Angeklagten – wie die Ermittlungen ergaben – einen erheblichen Teil dieser Einnahmen an sich umleiteten. Um solche Machenschaften und nur am Rande um die Finanzgebaren öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten wird es in dem Prozess gehen.

          Weitere Themen

          Sendestopp und Kampf um Sendeplätze

          Streik bei der ARD : Sendestopp und Kampf um Sendeplätze

          Während die Intendanten der ARD über die Zukunft beraten, fällt ihr Programm aus. Die Sender werden heute bestreikt, das bekommen Zuschauer und Zuhörer zu spüren. Und dann ist da noch die Sache mit dem Magazin „Weltspiegel.“

          Topmeldungen

          Champions League im Liveticker : Bayern vorn, Bayer hinten

          Bayern München startet gegen Roter Stern Belgrad in die Champions League und führt zur Halbzeit. Bayer Leverkusen beginnt ebenfalls mit einem Heimspiel. Moskau lockt zwar keine Zuschauer, geht aber abermals in Führung. Verfolgen Sie die Spiele im Liveticker.

          Plan für Klimaneutralität : Die Stunde der Klimaretter

          Am Freitag will die Regierung den Plan für ein klimaneutrales Deutschland beschließen. Was kommt da auf uns zu? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

          Geringer Inflationsdruck : Amerikanische Notenbank senkt Leitzins abermals

          Wegen der unsicheren wirtschaftlichen Entwicklung der Vereinigten Staaten hat die amerikanische Notenbank Fed ihren Leitzins zum zweiten Mal in Folge um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Die Notenbanker fassten den Beschluss jedoch nicht einstimmig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.