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Prozess gegen Jürgen Emig : Auf eigene Faust

Jürgen Emig: Ende Oktober soll ein Urteil gegen den ehemaligen Leiter der Sportredaktion des Hessischen Rundfunks gesprochen werden Bild: AP

Jürgen Emig zieht vor Gericht viele Register, um sein Wirtschaften als Sportchef des Hessischen Rundfunks zu rechtfertigen. Nun hat er sogar das Tabuwort Schleichwerbung gebraucht.

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          Ende Oktober soll ein Urteil im Namen des Volkes gesprochen werden, vielleicht auch ein wenig im Sinne der Gebührenzahler. Der seit zwei Wochen vor dem Frankfurter Landgericht geführte Prozess gegen den früheren Sportchef des Hessischen Rundfunks (HR), Jürgen Emig, entwickelt sich zu einem Forum, das intensiver das Finanzwesen des Senders durchleuchtet als erwartet.

          Helmut Schwan

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Gebühren steigen, das Geld reicht dennoch nicht aus

          Derlei Öffentlichkeit fällt für die Öffentlich-Rechtlichen in eine Zeit, da sie sich ohnedies ständig rechtfertigen müssen, warum die Gebühren steigen und das Geld dennoch angeblich nicht ausreicht im Wettbewerb mit den Privaten. Und Emig, der entschlossen um seine Reputation kämpft, könnte seinen früheren Arbeitgeber indirekt zwingen, die Bücher noch weiter zu öffnen.

          Mehr als zehn Millionen Euro will der „Mister Radsport“ aufgrund seiner guten Kontakte der ARD in den fast 20 Jahren in deren Diensten beschafft haben. Er empfindet es wohl schon deswegen als ungerecht, wegen Bestechlichkeit und Untreue vor Gericht zu stehen. Erst recht, wenn er laut darüber nachdenkt, welche Verbindungen in Frankreich oder Italien zwischen Industrie und Fernsehen bestehen, um den Sport ins Bild zu rücken.

          Ein wenig erinnert der 63 Jahre alte promovierte Journalist auf der Anklagebank dabei an den früheren CDU-Landesvorsitzenden Manfred Kanther. Nicht, weil sie in etwa gleich alt sind, sondern wegen der Neigung, den Straftatbestand der Untreue misszuverstehen. Kanther hatte vergeblich den Vorwurf, er habe eigenmächtig das Geld seiner Partei verwaltet und deren Vermögen damit gefährdet, mit dem Einwand zu kontern versucht, das Kapital habe sich auf den Schweizer Geheimkonten prächtig entwickelt. Sei es nun eine Parteikasse oder das mit Gebühren gespeiste Budget eines Senders: Wer das ihm anvertraute nach Gutsherrenart verwaltet, macht sich strafbar, gleichviel, was unter dem Strich übrig blieb.

          Hang zur großen Geste vor der Kamera

          Ob man Emig solch selbstherrliches Gebaren zum eigenen Vorteil wird nachweisen können, steht noch nicht fest. Dass er in seinem Berufsleben kaum von Selbstzweifeln geplagt war, kann dabei nicht gegen ihn verwendet werden. Auch nicht sein Hang zur großen Geste vor der Kamera und seine angebliche Abneigung gegen all die Formalitäten im Sender. „Ich war Journalist, Zahlen waren mir ein Graus“, stilisierte er sich vor Gericht als Geldsammler wider Willen.

          Aus Sicht der Staatsanwaltschaft macht es Emig sich vor Gericht zu einfach. Sie wirft ihm vor, tatsächlich sehr genau darauf geachtet zu haben, was sich bei den Veranstaltern von Marathon, Ironman oder „Rund um den Henninger Turm“ und bei den Unternehmen, deren Logos ins Bild kamen, holen ließ. Und Emig wird sich wohl nicht wie Kanther darauf berufen können, keinen Pfennig für sich genommen zu haben. Über den Umweg einer Agentur, die zur Hälfte seiner Frau gehörte, soll er insgesamt mehr als 500 000 Euro für sich abgezweigt haben.

          „Chaos“ der Buchhaltung beim HR

          Ob die Summe zu hoch gegriffen ist, ob im „Chaos“ der Buchhaltung beim HR, von dem Emig gerne spricht, einiges versickert ist, das ist für die medienpolitische Dimension des Prozesses eher von beiläufigem Interesse. Vielmehr rückt in den Vordergrund, was die Staatsanwaltschaft „Bestechlichkeit eines Amtsträgers“ nennt, in der Branche aber eher unter „verbotene Schleichwerbung“ firmiert. So harmlos und provinziell manche Episoden wirken mögen, die Gerichtsvorsitzender Christopher Erhard aus den Akten zieht, sie könnten sich zu einem Bild verdichten, das ein für die Öffentlich-Rechtlichen schmerzliches Kapitel neu illustriert.

          Dabei war der Zuschauer einiges gewohnt. Er zuckte nicht mehr zusammen, wenn eine historische Altstadt während eines Radrennens etwas dicke als Sehenswürdigkeit gepriesen wurde, wenn der Läufergruppe eines Verkehrsunternehmens beim Marathon ein kleiner, aber liebevoller Beitrag gewidmet wurde und wenn beim Interview schnell noch eine vor Werbeaufschriften nur so strotzende Tafel in den Hintergrund geschoben wurde. Der Prozess gegen den bekannten Fernsehmann, der so lange auf eigene Faust akquirieren durfte, führt an die Grenze zwischen Geschaftlhuberei und gekaufter Sendezeit. Denn es ist zu hören, dass die Städte einige tausend Euro zur Übertragung des Radrennens inklusive „kulturellem Begleitprogramm“ beisteuerten in der berechtigten Hoffnung, dafür lobend erwähnt zu werden. Und jenes Verkehrsunternehmen mit den fitten Mitarbeitern hatte als Titelsponsor des Marathons auch kräftig gezahlt.

          Emig: „Jeder hat schließlich sehen können, was wir gesendet haben“

          Emig selbst hat nun sehr partiell späte Reue bekundet. Er hat von einem Gewinnspiel im HR berichtet, das vor einigen Jahren der Sportwettenableger von Hessen Lotto finanzierte. Das sei aus heutiger Sicht „klares Product-Placement“ gewesen. Bei diesem Tabu-Thema ist ihm unverhofft der frühere Fensehspieldirektor des Saarländischen Rundfunks zur Seite gesprungen. Martin Buchhorn hat in einem Interview gefordert, es müsse „auch für Emig Gerechtigkeit“ geben. Und er hat sich dem Gericht als Zeuge dafür angeboten, dass Schleichwerbung bei der ARD gewünscht gewesen sei.

          Ob Emig das helfen kann, wer weiß. Offen ist auch, ob der Prozess für den Hessischen Rundfunk noch heikel wird. Intendant Helmut Reitze, der sich anrechnet, kurz nach seiner Amtsübernahme Emigs Machenschaften aufgedeckt zu haben, wird wohl ebenso wie sein Vorgänger Klaus Berg in den Zeugenstand gerufen werden.

          Einem Satz Jürgen Emigs werden beide kaum widersprechen können: „Jeder hat schließlich sehen können, was wir gesendet haben.“

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