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Prozess gegen Flughafen-Attentäter : Tödlicher Hass auf „Feinde des Islams“

Anfang März 2011: Polizisten und Notärze kümmern sich um die Opfer des Islamistenanschlags auf amerikanische Soldaten am Frankfurter Flughafen Bild: dapd

Anfang März stürmte ein junger Mann am Frankfurter Flughafen in einen Bus und tötete zwei amerikanische Soldaten. Er ist Islamist, wie sich herausstellte. Von Mittwoch an steht er vor Gericht.

          Dieses Verbrechen scheint die alarmierende These zu bestätigen, manche müssten gar nicht mehr angeworben werden - allein die Abgründe des Internets könnten junge Menschen in den Terrorismus ziehen. Bundeskriminalamt und Bundesanwaltschaft haben fünf Monate intensiv ermittelt, eine Unmenge von Dateien ausgewertet, Telefonverbindungen überprüft. Sie haben keine persönlichen Kontakte, noch nicht einmal einen Gedankenaustausch in einschlägigen Chatrooms mit islamistischen „Gotteskriegern“ oder ihnen nahestehenden Kreisen gefunden.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Arid U., der seinem Geständnis nach am 2. März vor dem Frankfurter Flughafen zwei Amerikaner erschossen hat, bleibt vorerst für die Sicherheitsbehörden und die Justiz der Einzeltäter, der durch die im weltweiten Netz verbreitete Propaganda zum mordwilligen Islamisten geworden sei. Es gebe insbesondere keine Parallele etwa zur „Sauerlandgruppe“, deren Mitglieder sich aus radikalen Zirkeln rekrutierten, wie sie im südhessischen Langen bestanden, heißt es.

          Der Einundzwanzigjährige aus Sossenheim

          Gleichwohl ist für den Prozess gegen U., der morgen vor dem Frankfurter Oberlandesgericht beginnt, die höchste Sicherheitsstufe angeordnet. Bald jähren sich zum zehnten Mal die Anschläge vom 11. September. Außerdem weiß man nie, ob nicht ein anderer selbsternannter Dschihadist, ein ähnlich einsamer und daher vorher kaum zu ortender „Gefährder“, das Ereignis für seine Ziele nutzen will.

          Arid U., der Einundzwanzigjährige aus dem Frankfurter Stadtteil Sossenheim, gilt im Sinne des Strafgesetzes nicht als Terrorist. Dazu müsste er einer Organisation oder wenigstens einer Gruppe angehören, die sich zusammengefunden hat, schwere und die Gemeinschaft gefährdende Taten zu begehen. Der junge Mann, im Kosovo geboren, in Frankfurt aufgewachsen, hat sich daher als Individuum zu verantworten. Er ist dringend verdächtig, allein aus eigenem Entschluss einen zweifachen Mord und einen dreifachen Mordversuch begangen zu haben. Wie er kurz nach seiner Festnahme sagte, hatte er den Plan, möglichst viele Soldaten zu töten, die in Afghanistan eingesetzt seien. Entschlossen hatte er sich seiner Aussage nach dazu, als er am Vorabend ein Video gesehen habe, auf dem zu sehen gewesen sei, wie dort Soldaten ein einheimisches Mädchen vergewaltigt hätten.

          Zwei Tote und zwei Verletzte

          Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, er habe heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen gehandelt, als er die GIs vor und in einem Bus vor dem Terminal 2 erschoss und zwei ihrer Kameraden schwer verletzte. Die Strafverfolger in Karlsruhe haben, als der Terrorverdacht schwand, den Fall dennoch nicht wieder als „einfaches“ Kapitalverbrechen an die Staatsanwaltschaft in Frankfurt abgegeben. Sie bewerten den Angriff auf Soldaten des Nato-Bündnispartners als schwere staatsgefährdende Gewalttat, die Bundesanwaltschaft bleibt damit zuständig, zumal auch amerikanische Staatsanwälte ermitteln.

          Soweit sich die Spuren im weltweiten Netz noch verfolgen ließen, haben die Terrorismusexperten des Bundeskriminalamts akribisch versucht nachzuzeichnen, wie aus dem schüchternen, als nett und zuvorkommend geltenden Gymnasiasten ein selbsternannter Kämpfer des „heiligen Krieges“ werden konnte, ohne dass jemand in seinem Umfeld etwas bemerkte. Im Sommer 2007 begann er nach diesen Recherchen, sich intensiv mit seiner Religion auseinanderzusetzen. Er hörte sich Predigten an und wandte sich offenbar allmählich dem Salafismus zu, einer besonders radikalen Form des Islamismus. 2009, ein Jahr vor dem Abitur, fehlte U. immer öfter in der Schule, dann schien er sich wieder zu fangen, blieb abermals fort und schwieg, wenn die Lehrer ihn fragten, wie er sich seine Zukunft vorstelle. Nur noch einmal kehrte er in die Schule zurück, um den Antrag auf Entlassung abzugeben.

          Hasspredigten gegen die „Ungläubigen“

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