https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/proteste-in-iran-frankfurter-buergermeisterin-eskandari-gruendberg-zu-frauenrechten-18349756.html

Proteste in Iran : „Werden Frauenrechte verletzt, werden Menschenrechte verletzt“

Ort der Erinnerung: Künstler vom „Kollektiv ohne Namen“ haben das Bild von Mahsa Amini an ein leer stehendes Gebäude im Gallus gemalt. Daneben stehen die Wörter Jin, Jiyan, Azadi (Frauen, Leben, Freiheit). Das ist der allgegenwärtige Schlachtruf der Demonstranten gegen das Mullah-Regime in Teheran. Bild: dpa

Frankfurts Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg wurde in Iran geboren. Im Interview spricht sie über die landesweiten Proteste, die Rolle der Frauen und die Bedeutung internationaler Solidarität.

          5 Min.

          Frau Eskandari-Grünberg, am 13. September wurde die 22 Jahre alte Mahsa Amini in Teheran verhaftet, weil sie sich nicht züchtig genug gekleidet hatte. Wieso musste sie sterben?

          Monika Ganster
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mahsa Amini hatte gegen ihre Verhaftung protestiert, sie hatte sich gewehrt. Eine Journalistin hatte die Szene zufällig beobachtet und Fotos davon verbreitet, so erfuhr die Öffentlichkeit davon. Diese Journalistin wurde später ebenfalls verhaftet. Jetzt weiß keiner, wo sie ist.

          Seit dem Tod der jungen Frau weiten sich die Proteste gegen die strengen Regeln des Mullah-Regimes im ganzen Land aus. Sie stammen selbst aus Iran, flohen vor 37 Jahren vor den Mullahs. Wie geht es Ihnen angesichts der Nachrichten?

          Ich bin traurig und wütend. Traurig über den Tod einer jungen Frau, die einfach inhaftiert wird, nur weil ihr Kopftuch locker saß. Und dann in der Haft stirbt. Wütend, weil in Iran ständig Frauenrechte verletzt werden, und diese systematische Unterdrückung wurde in den letzten Jahren auch noch verstärkt. Wenn Frauenrechte verletzt werden, werden Menschenrechte verletzt, und dann kann es keine Demokratie geben. Aber ich habe auch Hoffnung, weil nun so viele gegen die Zustände aufbegehren. Es geht ihnen um ganz universelle Rechte. Da sind Frauen die sagen: Ihr könnt uns inhaftieren, ihr könnt uns schlagen, aber wir geben nicht auf.

          Auf den Videos aus Iran, die sich über die sozialen Medien verbreiten, ruft die Menge immer wieder „Frauen, Leben, Freiheit“. Seit wenigen Tagen gibt es in Frankfurt ein Wandgemälde mit dem Abbild von Mahsa Amini, daneben stehen diese drei Begriffe. Warum ist das ein Motto geworden?

          Weil „Frauen, Leben, Freiheit“ untrennbar zusammengehören. Solange Frauen nicht frei sind, gibt es keine Meinungsfreiheit, es gibt keine Kunstfreiheit, dann gibt es keinen Journalismus und vieles mehr.

          Frankfurts Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg ist in Teheran geboren.
          Frankfurts Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg ist in Teheran geboren. : Bild: Lucas Bäuml

          Wird der Protest hauptsächlich von Frauen getragen?

          Die Frauen haben ihn begonnen, aber dann sind auch junge Leute und nun auch Männer hinzugekommen. Die jungen Leute sehen, dass sie keine Zukunft haben in Iran. Im Internet sehen sie, was alles möglich ist in anderen Ländern. In Iran dürfen sie nicht Musik hören, nicht tanzen. Sie dürfen nicht studieren, was sie wollen, nur wenn sie Anhänger des Regimes sind. Die dritte Gruppe sind Arbeiter, Taxifahrer, normale Leute, bei denen sich Armut, Hunger und Unzufriedenheit unter dem Regime angestaut haben. Denn dieses Regime bietet den Menschen in diesem wunderschönen Land keine Perspektive.

          Wie ist die Situation der Frauen in Iran?

          Frauen werden in vielerlei Hinsicht unterdrückt: es gibt keine Scheidungen, kein Sorgerecht, kein Recht auf Abtreibung. Sie werden im Wesentlichen als Besitz ihres Mannes gesehen. Die Scharia, das islamische Recht in Iran, lebt von Schuldgefühlen und der Drohung von Gottes Bestrafung. In Iran werden Frauen bestraft, wenn sie ihre Haare zeigen, wenn sie sich schminken. Wer gegen diese Regeln verstößt, gilt als Hure, als unanständig. Und die Männer, deren Besitz die Frauen dort ja sein sollen, werden zu Verbündeten des Systems, weil sie darauf achten müssen, dass ihre Frauen nicht „unanständig“ werden. Das ist das soziale Kontrollsystem von totalitären Systemen, die so agieren, damit sie an der Macht bleiben. Das betrifft Frauen genauso wie Journalisten und Künstler. Aber während der Proteste sagen nun auch Männer in Iran: Nein, nicht unsere Frauen sind unanständig, das Regime ist es. Und sie stellen sich an die Seite der Frauen.

          Auf mehreren Videos im Netz schneiden sich iranische Frauen die Haare ab.

          Das ist ein ganz starkes Bild. Sie sagen damit: Wenn meine Haare ein unerwünschter Reiz sind, dann verzichte ich lieber auf sie, dann mache ich mich hässlich, schneide sie ab. Aber sie wollen sich nicht beugen und das Kopftuch tragen. Ich habe ein Video von einer jungen Frau gesehen, sie weinte die ganze Zeit, während sie sich Strähne für Strähne die langen Haare abgeschnitten hat und dabei in die Kamera sah. Das hat mich sehr berührt. Diese Bilder, da bin ich mir sicher, werden in die Geschichte eingehen: wie Frauen ihre Kopftücher verbrennen, wie sie sich ihre Haare abschneiden.

          Was haben Sie noch gesehen?

          Über einen anderen Videoclip musste ich sehr lachen: Er zeigt eine schon ältere Frau im Bus mit offenem Haar, die von Sittenwächtern angegangen wird, ihr Kopftuch anzulegen. Und sie ruft ihnen entgegen: „Stört Sie das? Dann schauen Sie doch nicht hin!“ Das ist doch Klasse!

          Weitere Themen

          Die Basare bleiben zu

          Generalstreik in Iran : Die Basare bleiben zu

          Am Jahrestag der Niederschlagung der Studentenproteste von 1953 folgen die Händler dem Aufruf der Protestbewegung. Die Abschaffung der Sittenpolizei ändert nichts am Kulturkampf um das Kopftuch.

          Topmeldungen

          Oliver Bierhoffs Abgang : Befreiungsschlag für den DFB

          „One Love“ und „Mund zu“ waren die letzten Fehler, die sich DFB-Direktor Oliver Bierhoff erlauben durfte. Sein Rückzug beendet eine Ära, die zwiespältiger nicht sein könnte. Was wird nun aus Hansi Flick?
          Raphael Warnock im November in Atlanta

          US-Senat : Darum ist die Stichwahl in Georgia wichtig

          Können die Demokraten den Senat mit einer Stimme Mehrheit kontrollieren oder müssen sie die Republikaner an der Macht beteiligen? Für die Demokraten geht es an diesem Dienstag um Richter, Abweichler und einen Blick in die Zukunft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.