https://www.faz.net/-gzg-sjau

Prostitution : Die Männer wollen nur Fußball und Bier

Keine Lust auf Lust: In vielen Bordellen bleibt der WM-Boom aus Bild: Marcus Kaufhold

Tausende Prostituierte und Freier wurden zur WM in Frankfurt erwartet. Nun sind in der Mainmetropole fast alle Spiele vorbei. Und die Männer blieben aus.

          3 Min.

          Sie hatten sich so gut vorbereitet. Die Fassaden mit Fahnen verziert, Fußball-Unterwäsche gekauft, Werbeplakate geklebt. Dann haben sie gewartet. Es könne sich nur um Stunden handeln, bis die Männer den Weg ins Bahnhofsviertel fänden, hieß es noch am Tag des Eröffnungsspiels. Dort, wo sich an wenigen Straßen die Bordelle, Striptease-Bars und Dönerbuden aneinanderreihen. Die Stunden sind vergangen, schließlich auch Tage, ohne daß der WM-Boom kam. Nun sind zwei Wochen vergangen. Es ist Halbzeit. In der Mainmetropole sind fast alle Spiele vorbei. Und die Männer blieben aus.

          Katharina Iskandar
          Verantwortliche Redakteurin für das Ressort „Rhein-Main“ der Sonntagszeitung.

          „Natürlich haben wir uns das anders vorgestellt“, sagt eine Prostituierte, die seit fünf Jahren in einem der Laufhäuser an der Moselstraße arbeitet und auf dem Bett sitzend eine Bundestagsdebatte im Fernsehen verfolgt. „Die Männer wollen nur Fußball und Bier. Es ist eine Katastrophe.“ Dabei hat die Kolumbianerin, die ihren Namen nicht nennen will, ihr Zimmer besonders liebevoll eingerichtet. Statt Neonröhren in Pink bevorzugt sie gedämpftes Licht. An den Wänden hängen Bilder. Auch ein schwarzrotgoldenes Fähnchen ist in einen Blumenstrauß gesteckt.

          Hoffnung aufs schnelle Geld

          Am Freitag, bevor die Iraner gegen die Portugiesen angetreten sind, kamen zehn Frauen aus dem Ausland in das Bordell. Russinnen, Tschechinnen, auch Spanierinnen waren dabei. Frauen, die nie zuvor in dem Haus gesehen worden sind, wie die Kolumbianerin sagt. Sie mieteten die noch freien Zimmer und hofften auf schnelles Geld. „Als sie merkten, daß es hier keine Arbeit gibt, fuhren sie wieder nach Hause.“

          Table Dance in der Frankfurter Rotlichtszene
          Table Dance in der Frankfurter Rotlichtszene : Bild: Marcus Kaufhold

          Viele Prostituierte aus dem Bahnhofsviertel erinnern sich an dieses Wochenende. An den Samstag, von dem sie sich erhofft hatten, daß wenigstens die feierfreudigen Portugiesen den Weg in die Laufhäuser finden würden. Aber an jenem Abend klagten sogar die Kneipiers. „Es war so ruhig wie selten an einem Wochenende“, sagt der Wirt einer Cocktail-Bar. Allein das erste WM-Wochenende habe sich bisher gelohnt - als die Engländer in der Stadt waren. Zu Tausenden sind sie durch das Viertel gelaufen. „Bei uns waren sie auch“, sagt die Kolumbianerin, und ihre spanische Zimmernachbarin nickt. In Scharen seien sie durch das Haus gelaufen, hatten den Frauen für kurze Zeit Hoffnung gemacht. Sex aber wollten nur die wenigsten, wie die Prostituierte sagt.

          Die meisten seien nur neugierig gewesen und wollten sich ein Bordell mal von innen anschauen. Auch die Niederländer hätten kaum etwas eingebracht. Von einer Arbeitskollegin habe sie erfahren, daß ein Oranje-Fan den Preis sogar noch drücken wollte. 25 Euro für 15 Minuten waren ihm zu teuer. „Wir Frauen sind vergessen, wenn es um Fußball geht“, sagt die Kolumbianerin, die froh ist, daß ihr während der WM-Zeit wenigstens die Stammkunden geblieben sind. Ihre Miete müssen sie ja schließlich trotzdem zahlen. 135 Euro koste das Zimmer am Tag.

          Bauchfreies Oranje-Outfit und freche Sprüche

          Statt in den Bordellen lassen die Fußballfans ihr Geld in Kneipen oder in jenen Clubs, die mit „American Tabledance“ werben. Gegenüber dem Haus, in dem die Kolumbianerin arbeitet, steht Franny aus Magdeburg. Sie sei die „Queen of Tabledance Deutschland“, sagt sie - so etwas wie die Miss Germany auf dem Striptease-Tableau. Gegen Mitternacht steht sie draußen und lockt mit bauchfreiem Oranje-Outfit und frechen Sprüchen die Gäste an. Später, gegen zwei Uhr nachts, zeigt sie, warum sie die Königin im Tischtanzen ist.

          „Als die Engländer hier waren“, sagt die Siebenundzwanzigjährige, „war die Hölle los.“ Mehr als 500 Insulaner hätten in dem Club gefeiert. Schon um acht Uhr abends sei es „proppenvoll“ gewesen. Vielleicht liege es ja am Alkohol, daß die Männer eher in die Clubs statt ins Bordell gingen, sagt Franny. „Nach dem Fußballspiel wollen sich viele einfach nur betrinken.“

          Am Mittwoch nach dem Spiel füllt sich der Club mit Niederländern. Ihre orangefarbenen T-Shirts nehmen im Discolicht eine bizarre Farbe an. „Viel besser als bei uns“, sagt ein Fan, der nach Bier und Wodka riecht. Dann tanzt Franny. Die Männer stecken ihr Scheine zu. Hier macht es ihnen plötzlich nichts aus, Geld auszugeben, nur um sich ein wenig bezirzen zu lassen. Die Verheirateten unter ihnen mögen es hier mit besserem Gewissen tun als auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Bordell. Hier haben sie Frauen, wenn auch nur zum Anschauen. Vor allem aber haben sie ihre Kumpels und Bier. Sie sind selig.

          Weitere Themen

          Medizinstudentin wird zur Heldin Video-Seite öffnen

          Lebensrettung per Ferndiagnose : Medizinstudentin wird zur Heldin

          Nadia Popovici hatte als Zuschauerin eines Eishockey-Spiels am Hals des vor ihr stehenden Zeugwarts einen verdächtigen Leberfleck entdeckt. Der Mann ließ sich untersuchen und es wurde tatsächlich ein bösartiger Tumor gefunden und entfernt. Jetzt kam es in Kanada zu einem Wiedersehen der beiden.

          Topmeldungen

          Entscheidung von Bundesgericht : Novak Djokovic muss Australien verlassen

          Nach tagelangem Chaos entscheiden drei Bundesrichter endgültig gegen den weltbesten Tennisspieler: Novak Djokovic darf nicht in Australien bleiben. Kurz danach kommentiert der Serbe das Urteil in einer Erklärung.