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Promotion an Fachhochschulen : Vom Krankengymnasten zum „Dr. rer. physiol.“

An der FH muss man sich schon strecken bis zum Doktortitel Bild: fotolia.com

Auch Fachhochschul-Absolventen können promoviert werden – doch die Hürden an den Universitäten sind hoch. So hält sich die Zahl jener, die den Dr. anstreben, in Grenzen. Gerade deshalb: zwei Erfolgsgeschichten.

          3 Min.

          Ulrich Betz forscht schon seit mehr als einem Jahrzehnt. Er publiziert, hält Vorträge und hat auch bereits eine Auszeichnung bekommen: 1997 erhielt er für seine Studien den Wissenschaftspreis des Zentralverbandes der Deutschen Krankengymnasten. Betz’ Stellung ist seinen Kenntnissen angemessen; er leitet in der Orthopädie des Mainzer Universitätsklinikums die Abteilung Physiotherapie. Was ihm bisher fehlte, war der akademische Grad, den man bei einem Fachmann wie ihm eigentlich voraussetzen würde. Vor ein paar Wochen ist dieser kleine Mangel behoben worden: Betz darf sich jetzt den Titel „Dr. rer. physiol.“ auf die Visitenkarte drucken lassen. Er ist der erste Fachhochschul-Absolvent, der am Fachbereich Medizin der Gutenberg-Universität promoviert wurde.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für seine Dissertation, die sich mit der Rückenmuskel-Aktivität im Sitzen und Stehen befasst, hat er gerade mal acht Monate gebraucht. Das ist selbst gemessen am Tempo der Medizinerkollegen schnell, aber auch keine Wundertat: Betz ist mit den Anforderungen des Wissenschaftsbetriebs bestens vertraut; er arbeitet seit 1991 an der Orthopädischen Klinik. Doch erst 2002 wurde es staatlich geprüften Physiotherapeuten nach seinen Worten erlaubt, zu studieren. Betz erwarb innerhalb von zwei Jahren das Diplom einer nordhessischen Fernfachhochschule, und als die Mainzer Mediziner 2006 ihre Promotionsordnung änderten, war für ihn der Weg zur Doktorarbeit frei.

          Ermessensspielraum der Unis hoch

          Was Betz geschafft hat, kann auch anderen Fachhochschul-Absolventen gelingen. Denn grundsätzlich steht ihnen die Tür zur Promotion offen: Im hessischen Hochschulgesetz zum Beispiel heißt es, Bedingungen für die Zulassung seien „ein abgeschlossenes Hochschulstudium mit einer Regelstudienzeit von mindestens acht Semestern, ein Master-Abschluss oder ein abgeschlossenes Hochschulstudium in Verbindung mit einer Eignungsfeststellung“. Wie die Eignung eines Bewerbers zu ermitteln ist, regeln freilich die Universitäten selbst – und das kann dazu führen, dass die Kandidaten weitere Hürden überwinden müssen, bevor sie als Doktoranden aufgenommen werden.

          Wohl auch deswegen hält sich die Zahl jener, die dies anstreben, in Grenzen. Wolf Rieck, Präsident der Fachhochschule (FH) Frankfurt, schätzt, dass jährlich drei bis fünf seiner Absolventen die Mühen einer Promotion auf sich nehmen. Vor allem Ingenieure nutzten diese Möglichkeit, sich weiter zu qualifizieren. Nicht wenige gingen an ostdeutsche Universitäten, die gegenüber FH-Abgängern offenbar weniger Vorbehalte hätten als manche Alma Mater hierzulande. Ein ordentlicher Notendurchschnitt – etwa 2,0 – wird nach Riecks Erfahrung von den Universitäten in jedem Fall erwartet. Aber auch das ist noch kein Freifahrschein zum Doktortitel. Der Fachbereich Wirtschaftswissenschaften an der Frankfurter Universität verlangt beispielsweise, dass promotionswillige Fachhochschüler erst einmal Kurse des Diplom- oder Masterstudiums belegen. Besonders gute Kandidaten könnten in den Studiengang „Economics“ aufgenommen werden, der zum englischen Doktorgrad Ph.D. führe – vorausgesetzt, die Studenten genügten den hohen Anforderungen, die an sie gestellt würden.

          Überdurchschnittliche Leistungen

          Überdurchschnittliche Leistungen mussten auch Faisel Bekkaoui und Soulimane Abdellaoui erbringen, bevor sie an der Marburger Universität mit ihren Doktorarbeiten beginnen durften. Die beiden 28 Jahre alten Informatiker haben an der FH Wiesbaden ihr Diplom erworben; Abdellaoui hat zudem einen Master-Abschluss, Note „sehr gut“. Wichtiger war allerdings, dass er wie sein Kommilitone Bekkaoui bereits seit längerem an einem Projekt in Marburg beteiligt war: Am Uniklinikum werden Computerprogramme getestet, mit deren Hilfe Tumoren künftig noch exakter bestrahlt werden können. Die Mediziner seien von der Arbeit der Wiesbadener Studenten so angetan gewesen, dass sie ihnen die Promotion vorgeschlagen hätten, sagt der an der FH lehrende Informatikprofessor Detlef Richter. Er weiß um die Skepsis, mit der viele Universitäten Bewerbern mit FH-Examen begegnen: „Schwierig ist es immer, wenn man einfach anfragt, ohne dass es vorher schon Kontakte gab.“ Dieses Problem hatten Abdellaoui und Bekkaoui nicht. Die Software-Experten, die den Großteil ihrer Entwicklungsarbeit in der Fachhochschule erledigen, fühlen sich von ihrem Marburger Doktorvater nach eigenem Bekunden gut betreut. Ihre Begeisterung für die Wissenschaft ist ungebrochen: Beide können sich vorstellen, später einmal eine Professur anzustreben.

          Für Ulrich Betz kommt dergleichen wohl nicht mehr in Frage. Er schätzt den Kontakt zu den Patienten am Mainzer Uniklinikum, möchte aber auch künftig forschen – und dafür werben, den Beruf des Physiotherapeuten weiter zu „akademisieren“, wie er sagt. Dass Krankengymnasten inzwischen an Fachhochschulen den Master machen könnten, sei gut, reiche aber nicht aus. Am liebsten wäre es Betz, wenn die medizinischen Fachbereiche der Universitäten eigene Lehrstühle für Gesundheitsfachberufe einrichten würden. Käme es dazu, wäre ein Doktortitel für einen Physiotherapeuten bald nichts Außergewöhnliches mehr.

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