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Prominente Motorradfahrer : Manchmal singt er in den Fahrtwind

  • -Aktualisiert am

Easy Rider: Hans-Josef Schneider mag es lieber gemütlich und in der Gruppe. Bild: Anna Meuer

Sie sitzen als Anwalt, Kammerpräsident oder Stadtrat mit Schlips und Kragen am Schreibtisch. Wenn aber das Wetter besser wird, schwingen sie sich auf ihre Motorräder. Und sagen lauter lyrische Sachen.

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          Als Chef eines großen mittelständischen Handwerksbetriebs neigt Bernd Ehinger nicht zu Bekenntnissen. Wenn der langjährige Obermeister der Elektroinnung Frankfurt aber davon erzählt, wie er mit seiner 1200er BMW über die schmalen Pässe der Alpen nach Italien braust, kommt er schon mal auf himmlische Metaphern: „Da fühle ich mich wie beim lieben Gott zu Gast.“

          Der Präsident der Handwerkskammer Rhein-Main hat seinen Motorradführerschein schon 1980 gemacht. Seine Frau protestierte und drohte sogar mit Scheidung, was sie gottlob bis heute nicht wahrgemacht hat. Vielleicht hat ihr Mann ihr aber auch nie erzählt, wie heftig er manchmal am Gasgriff dreht: „240, 250 fahre ich schon mit dem Ding, man muss das laufen lassen.“ Trotz der Wahnsinnsgeschwindigkeiten fühlt Bernd Ehinger sich auf seiner Maschine mit ABS aber „wirklich relativ sicher“.

          Pure Entspannung

          Ehinger fährt nur mit Saisonkennzeichen, das heißt, erst Anfang April wird die Maschine aus der Garage geholt. Das eigenhändige Putzen („die steht dann da wie neu“) gehört dazu und steigert die Vorfreude. Üblicherweise samstags zieht der Vielbeschäftigte, der es im Jahr kaum auf mehr als 4000 Motorradkilometer bringt, seine Kluft und die blau-schwarz-roten Lederhandschuhe an. Die Fahrten, bei denen ihn seine Frau noch nie auf dem Sozius begleitet hat, gehen dann für zwei Stunden nach Hanau oder Bruchköbel. Das gibt dem Mann mit den 95 PS unter dem Sattel „einfach ein gutes Gefühl“. Und was tut er manchmal auf diesen Fahrten? Der Schatzmeister der Frankfurter CDU gibt eine überraschende Antwort: „Manchmal singe ich.“

          240 Sachen:„Die Maschine muss man laufen lassen,” sagt Bernd Ehinger.

          Auch für Hans-Josef Schneider bedeutet Motorradfahren pure Entspannung. Vor allem in den zehn Jahren, in denen der Jurist als Geschäftsführender Partner des deutschen Büros der internationalen Anwaltskanzlei Clifford Chance viel um die Ohren hatte, bedeuteten die Ausflüge auf zwei Rädern für ihn die Chance für völliges Abschalten: „Auf dem Motorrad nehme ich nichts anderes mit in meinem Kopf; man sollte auch an nichts anderes denken, weil es sonst zu gefährlich wäre.“

          Die Harley Davidson war zu laut und zu langsam

          Auch Schneider, in der Großsozietät heute wieder stärker als Anwalt und Notar direkt mit den Mandanten in Kontakt, bringt es wegen der Arbeitsbelastung nicht auf mehr als 5000 Kilometer im Jahr. Die meisten davon legt er gemeinsam mit anderen zurück. Als die Kanzlei Pünder, Volhard, Weber & Axster im Jahr 2000 mit Clifford Chance fusionierte, schickten Schneider und sein Kollege Michael Weller eine Mail in der Kanzlei herum: Wer fährt Motorrad, wer hätte Lust auf eine gemeinsame Tour? Es meldeten sich überraschend viele, seither geht jedes Jahr eine Truppe auf Reise, die nächste Gruppenfahrt führt im Sommer an den Titisee im Schwarzwald. Von dort werden Tagestouren in drei Gruppen unternommen. Manchmal fahren auch Mandanten mit. Was bei solchen Fahrten den gegenseitigen Kontakt intensiviert: So, wie Männer nicht miteinander Fußballspielen können und sich dabei siezen, so geht man auch beim Motorradfahren fast immer zum Du über. Übrigens fährt auch Schneider BMW, seine neue Maschine, die bei 250 Stundenkilometern gedrosselt wird, verfügt über einen Sechs-Zylinder-Reihenmotor.

          Seine Zeiten mit der Harley Davidson liegen längst hinter ihm, die Maschine war ihm zu laut und zu langsam, auch wenn er heute kein Raser ist und selten schneller als 150 Stundenkilometer fährt. Dass der freundliche Anwalt ein wahrer Überzeugungstäter ist, lässt sich auch daran ablesen, dass er daheim eine kleine Sammlung unterhält, zu den Exponaten zählen zwei Exemplare der sagenumwobenen Münchs (Friedel Münch hatte in der Wetterau genau 476 individuell gefertigte Maschinen hergestellt) und eine Horex Regina, Baujahr 1950. Übrigens hat Schneider, genau wie Ehinger, seinen Sohn infiziert: Schneider junior bekam – unter dem Protest der Mutter – mit achtzehn seine erste Maschine.

          Das Gefühl von Freiheit und Natur

          So alt war auch Edwin Schwarz, als er gemeinsam mit dem Auto- auch den Motorradführerschein erwarb. Es vergingen aber noch 31 Jahre, bis der heutige Planungsdezernent im Alter von 49 auf die Maschine stieg. Ein Symptom der Midlife-Krise sei das aber nicht gewesen, sagt er. Sein Freund Arnold Mann, Entwicklungschef bei VDO, hatte einen ganzen Fuhrpark und schraubte auch selbst an den Maschinen herum. Er animierte Schwarz, sich auch einmal auf den Sattel zu schwingen. Seine erste Maschine war ein Chopper, also ein Modell, bei dem der Fahrer zurückgelehnt sitzt, die Fußrasten vorverlegt sind und der Lenker hochsteht – bekannt wurden diese Chopper vor allem aus dem Film „Easy Rider“. Doch die Maschine hatte nur 24 PS und wurde gegen eine Virago von Yamaha ausgetauscht (64 PS), die war auch nicht sehr schnell, „hatte aber unheimlich Kraft von unten raus“, wie Schwarz es formuliert. Sein derzeitiges Modell hat er gerade bei BMW abgeholt, eine 800er mit 85 PS.

          Der Politiker verbindet mit seinen Ausflügen auf der Maschine, für die er eigentlich nur an den Wochenenden Zeit findet, das Gefühl von Freiheit und Natur: „Am liebsten würde ich ohne Helm fahren, völlig frei das frische Grün atmen.“ So lyrisch werden erwachsene Männer auf ihren Maschinen.

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