https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/praeventionstag-schueler-wollen-suizide-enttabuisieren-18152245.html

Appell am Präventionstag : Schüler wollen Suizide enttabuisieren

Über Suizid sprechen: Beim Schul-Suizidpräventionstag in Frankfurt ging es in erster Linie um die Prävention. Bild: obs/Otsuka Pharma GmbH/Lundbeck GmbH

Psychische Erkrankungen sind unter Jugendlichen häufig. Viele wissen nicht, wo sie Hilfe bekommen. In Frankfurt sprechen Schülerinnen und Schüler darüber.

          2 Min.

          Etwa 30 Menschen nehmen sich in Deutschland pro Tag das Leben. Bei den unter 25-Jährigen sind Suizide sogar die zweithäufigste Todesursache. Viele wissen nicht, wo sie bei psychischen Erkrankungen Hilfe bekommen – oder was Angehörige, Freunde und Bekannte in Notsituationen brauchen. In Frankfurt haben sich rund 230 Schülerinnen und Schüler aus 32 Schulen versammelt, um darüber zu sprechen: beim Schul-Suizidpräventionstag.

          Franziska Pröll
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          „Die Pandemie hat das Bedürfnis, über psychische Gesundheit und Suizide zu sprechen, verstärkt“, sagt der 18-jährige Harrison Krampe vom StadtschülerInnenrat (SSR). Sechs Stunden lang tauschten sich die Schülerinnen und Schüler mit Vertretern von Hilfs- und Präventionsprojekten am Montag in der Jugend-Kultur-Kirche Sankt Peter aus.

          Suche nach Therapeuten

          Die Schülervertreter haben den Suizidpräventionstag gemeinsam mit der Puhl Foundation organisiert. Alix und Oliver Puhl haben sich mit ihrer Stiftung zum Ziel gesetzt, Kindern und Jugendlichen in seelischer Not zu helfen. Vor zwei Jahren haben die Puhls eines ihrer Kinder, den 16 Jahre alten Emil, durch einen Suizid verloren. Seitdem möchten sie anderen vermitteln, wie man psychische Krisen früh erkennt.

          Kalani Karakaya, Schülerin und Mitglied im Vorstand des SSR, war selbst suizidal. In einem Workshop hat sie darüber informiert, was man tun kann, wenn nahestehende Personen depressiv sind und/oder suizidale Absichten äußern. „Die, die den Workshop besuchten, wollten unbedingt helfen“, sagt die 20 Jahre alte Schülerin. Das habe sie berührt. „Betroffene denken manchmal, sie seien anderen egal. Aber so ist es nicht.“

          Karakaya hat die Erfahrung ge­macht, dass viele nicht wissen, wie sie einen Therapeuten finden, der zu ihnen passt. „Ich habe selbst viel herumtelefoniert, um eine Therapeutin zu finden. Ich vergleiche es gerne mit Freundinnen und Freunden: Da findet man auch nicht immer schnell den Richtigen.“ Das habe sie den Schülerinnen und Schülern gesagt, um sie zu bestärken. Denn die Schülerin weiß: Der Weg zu professioneller Hilfe ist weiter, als er sein müsste – auch, weil längst nicht alle Schulen darauf eingestellt sind.

          Hürden für Hilfe verringern

          Lehrkräfte tun sich oft schwer, psychische Probleme wahrzunehmen und anzusprechen. „Schulen sind da sehr unterschiedlich aufgestellt“, sagt Puhl. Eine Umfrage der Puhl Foundation unter 600 Lehrkräften habe kürzlich ergeben, dass zwei Drittel der Lehrkräfte nicht wissen, wie man psychische Krankheiten erkennt. „Darin steckt ein Ruf nach Hilfe“, sagt Oliver Puhl.

          Deshalb haben die Teilnehmer des Suizidpräventionstages eine Petition an Kultusminister Alexander Lorz (CDU) gerichtet. Sie fordern unter anderem, mentale Gesundheit als Thema in den Biologieunterricht zu integrieren, Lehrkräfte dafür zu schulen und je weiterführende Schule mindestens einen in Vollzeit beschäftigten Sozialarbeiter einzustellen.

          Wenn es normaler wird, über psychische Erkrankungen zu sprechen, werden die Hürden geringer, sich Hilfe zu suchen – davon sind die Schülervertreter überzeugt. Vor Lehrkräften falle es Schülerinnen und Schülern oft schwer, sich zu öffnen. „Betroffene fühlen sich als hilfsbedürftig, nicht mehr als vollwertige Person“, sagt Harrison Krampe. Selbst wenn eine Schulpsychologin ansprechbar sei, sei es ein Stigma, zu ihr zu gehen. „Betroffene fürchten soziales Outing und Isolation.“


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten. Sollte kein Berater frei sein, klappt es in jedem Fall mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

          Weitere Themen

          Cosplay und Schwerttanz zum Mitmachen

          Main Matsuri Festival : Cosplay und Schwerttanz zum Mitmachen

          Besucher des japanischen Main Matsuri Festivals in Frankfurt-Sachsenhausen begegnen nicht nur den Lieblingscharakteren ihrer Serien und Videospiele. Ein abwechslungsreiches Programm lädt zum Verweilen ein.

          Topmeldungen

          Anshu Jain war eine so leidenschaftliche wie umstrittene Führungsfigur.

          Zum Tode Anshu Jains : Ein Treiber und Getriebener

          Als Co-Vorstandsvorsitzender verkörperte Anshu Jain über viele Jahre das Investmentbanking einer Deutschen Bank, die mit den amerikanischen Riesen der Branche wetteifern wollte. Nun ist er mit 59 Jahren gestorben.
          Videokonferenz zwischen Joe Biden und Xi Jinping im November 2021.

          China und Amerika : Ist ein Krieg noch zu vermeiden?

          Ob und wie sich der Wettkampf der Systeme kontrollieren lässt, wird öffentlich bislang kaum debattiert. Der Weckruf des ehemaligen australischen Premierministers Kevin Rudd ist angesichts der Taiwankrise aktuell wie nie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.