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Porträt: Imren Ergindemir : Frau mit Doppelpass

Integration ist Ergindemirs Thema Bild: F.A.Z. - Astis Krause

Mit den Stimmen von Migranten will die Frankfurter SPD wieder Wahlsiege erringen. Imren Ergindemir, die neue Vizevorsitzende der Partei, soll als Magnet wirken.

          Diese Frau haben die Flügelkämpfer der Frankfurter SPD nicht auf ihrer Rechnung gehabt. Aber auf einmal war Imren Ergindemir Kandidatin. Mitte März auf dem Jahresparteitag wurde sie – ein bisher auch für viele Delegierte unbeschriebenes Blatt – zur stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt. Mit einer Zustimmung von 80 Prozent, während das Ergebnis des Parteivorsitzenden Gernot Grumbach bei lediglich 72 Prozent lag, ebenso wie das ihres Stellvertreter-Kollegen Gregor Amann. Die Frankfurter SPD glaubte ganz offensichtlich, eine neue Hoffnungsträgerin gefunden zu haben.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Imren Ergindemir, die gelernte Übersetzerin aus Braunschweig, jongliert durch ihr Leben. Vier Kinder, Übersetzungsaufträge, daneben ein MBA-Studium an der privaten Fachhochschule für Ökonomie und Management – und jetzt noch SPD-Vize. „Ich bin dauernd unterwegs“, sagt die Vierzigjährige. Jetzt zum Beispiel, müsste sie eigentlich einen ihrer beiden Söhne vom Kindergarten abholen. Aber weil sie das Gespräch noch zu Ende bringen will, ruft sie an und vereinbart gelassen eine andere Lösung. Die Nerven verliert Ergindemir nicht so schnell. Hat sie überhaupt die Zeit für ihre Aufgaben in der SPD, die mit dem neuen Amt unweigerlich auf sie zukommen? Sie habe auch schon bisher als Vorsitzende des Arbeitskreises Migration und Integration viele Termine wahrgenommen, sagt sie. Da werde sich wohl nicht viel ändern.

          „Geht raus und macht was aus euch“

          Integration ist Ergindemirs Thema. Sie selbst musste sich nicht integrieren: Als Tochter eines Ende der fünfziger Jahren nach Deutschland gekommenen türkischen Ingenieurs und einer deutschen Lehrerin hat sie sich nie mit Identitätsproblemen herumgeschlagen. Deutsche? Türkin? Das hat die Frau mit Doppelpass nie interessiert. „Ich war bei den Türken akzeptiert, und ich war bei den Deutschen akzeptiert.“ Und was ist für sie Integration? „Wenn die Zuwanderer sich zu Hause fühlen.“

          Die Frankfurter SPD, deren Mitgliederzahl, Wählerschaft und Einfluss schrumpfen, setzt auf Integration. „Die immer größer werdende Anzahl von gut ausgebildeten, engagierten Menschen mit Migrationshintergrund muss in unsere Parteiarbeit einbezogen werden“, heißt es in einem Beschluss jenes Parteitags, der Imren Ergindemir zur stellvertretenden Parteichefin bestimmte. Die SPD könne es sich nicht leisten, das Potential der Eingewanderten ungenutzt oder sie zu anderen Parteien abwandern zu lassen. Vor allem aber dürfte es den Sozialdemokraten auf die Stimmen der Migranten ankommen. Die ehemaligen Gastarbeiter haben Kinder und Enkel, die hier großgeworden sind oder groß werden – und das Wahlrecht besitzen. Mehr als 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Frankfurt stammen mittlerweile aus Einwandererfamilien. Es fehlen den Parteien bisher nur die richtigen Fischer, um die Wählerstimmen dieser Bevölkerungsgruppe an Land zu ziehen.

          Integration sei eine Querschnittsaufgabe der Partei und der Gesellschaft, heißt es in besagtem SPD-Beschluss. Ganz oben steht für die Sozialdemokraten die Chancengleichheit. Sie könne nur durch gleichberechtigte Teilhabe und individuelle Förderung erreicht werden. Die lebenspraktische Imren Ergindemir, deren Sprache und Denken noch nicht durch politische Floskeln verunstaltet ist wie das vieler Parteifunktionäre, erklärt ihr Anliegen lieber an einem Beispiel: In den Fußballvereinen der Stadt stellten Mi-granten viele gute Spieler, in den Vereinsvorständen dagegen fehlten die Väter der jungen Kicker – so sieht für Ergindemir mangelnde Teilhabe aus. Und eine fehlende individuelle Förderung kann man ihrer Meinung nach daran ablesen, dass die Migrantenkinder in den Gymnasien unter- und in den Haupt- und Sonderschulen überrepräsentiert sind. „Das ist eine Schande“, sagt sie, eine Schande, die das Versagen des Schulsystems belege.

          Aber eigentlich redet die SPD-Frau lieber über die Chancen der Integration als über die Versäumnisse. Es missfällt ihr ganz und gar, dass „Integration“ dauernd in Verbindung gebracht wird mit dem Wort „Problem“. Zuwanderer sind ihrer Meinung nach eine Bereicherung für die deutsche Gesellschaft. Und die Integration ist für Ergindemir gelungen, wenn Zuwanderer von allen als Bereicherung angesehen werden. Deren Zweisprachigkeit etwa stellt für sie ein Pfund dar, mit dem noch viel zu wenig gewuchert wird. Deshalb bedauert sie es sehr, dass der muttersprachliche Unterricht mehr und mehr einschläft.

          Für die SPD ist die Eingliederung der Zuwanderer in den Arbeitsmarkt die entscheidende Voraussetzung für eine Integration. Ohne eine gute Ausbildung bekommt man aber heutzutage kaum mehr einen Job, und deshalb heißt für Ergindemir wie auch für die SPD das Zauberwort „Bildung“. „Alle wissen, dass Bildung der Schlüssel ist“, sagt sie, „aber nichts oder fast nichts geschieht.“ Eine Ganztagsschule, so heißt es in dem erwähnten SPD-Papier, führte zur Verringerung der durch das Elternhaus bedingten Benachteiligung. Das sieht auch die stellvertretende Parteivorsitzende so.

          Die Neue im Parteivorstand trennt Politik und Privatleben. Sie will kein politisches Glamour-Girl sein, sondern sachlich arbeiten. Dennoch hat sie nach ihrer Wahl der türkischen Zeitung „Hürriyet“ Einblicke in ihr Leben gegeben. Nicht, weil sie Publizität wollte, sondern weil sie den türkischen Frauen zeigen wollte, dass man es auch als Frau weit bringen kann. „Geht raus und macht was aus euch“, lautete ihre Botschaft. Imren Ergindemir hat etwas aus sich gemacht. Ob sie auch aus der krisengeschüttelten Frankfurter SPD etwas machen kann, muss sich noch zeigen.

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