https://www.faz.net/-gzg-10o8l

Porträt : Der Turmbauer

Bauarbeiter Jim: Radu Sirbu aus Rumänien im 23. Stock auf der Baustelle des Palais Quartier vor der Skyline in Frankfurt Bild: Julia Zimmermann

Radu Sirbu hat Beton im Blut. Seit 16 Jahren baut der Rumäne deutsche Schulen, Flughäfen und Hochhäuser. Jetzt steht er vor einer schwierigen Entscheidung.

          5 Min.

          Einhundertzwei Meter über Frankfurt wird die Luft vielleicht noch nicht dünner. Aber sie schmeckt anders. Frischer - natürlich. Klarer - vielleicht. Hier weht der Wind kräftiger als unten, auf dem Boden der Tatsachen. Manchmal bläst er den Kopf frei. Einhundertzwei Meter über Frankfurt denkt Radu Sirbu vor allem ans Geschäft. Aber manchmal, wenn die Arbeit monoton ist oder eine Pause einen kleinen Ausflug erlaubt, gehen seine Gedanken in eine bestimmte Himmelsrichtung. Über den Main, über den Spessartkamm hinweg, immer weiter, streng nach Südosten. Dort liegt, am linken Donauufer, Braila, seine Heimatstadt.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Einhundertzwei Meter über Frankfurt mustert Radu Sirbu die Stadt, als wäre sie eine alte Bekannte. Sicher bewegt er sich in seinen klobigen Arbeitsschuhen auf der Decke der 29. Hochhausetage des Büroturms an der Zeil. Ein Goldzahn blitzt in der Sonne. Wenn Sirbu lacht, und das tut er oft, klafft im Oberkiefer links eine kleine Lücke, durch die der Wind zieht.

          Der Turm ist schon jetzt, ein gutes Jahr vor seiner Vollendung, ein Riese. Auf der Rückseite der Einkaufsstraße entsteht ein Gebäudekomplex, den die Investoren gleich zu einem ganzen Stadtviertel erklären: Das „Palais Quartier“, wie es in ihrer Sprache heißt, umfasst zwei Hochhäuser, ein rekonstruiertes Stadtpalais im Pseudobarock und ein gigantisches Einkaufszentrum. Für die Stadt ist das „Palais Quartier“ eine der wichtigsten Baustellen: Es wird das Gesicht der Innenstadt verändern. Bei jeder Präsentation werden die Macher hinter dem Ganzen genannt. Namen wie Eckdaten: die Architekten, die Planer, die Investoren, die Mieter. Den Namen Radu Sirbu sucht man in den Hochglanzbroschüren vergeblich. Der Rumäne steht auch beim Richtfest im Hintergrund und nippt an seinem Bier. Radu Sirbu ist ein Mann im Schatten, einer in der dritten oder vierten Reihe. Aber Männer wie er bauen an dieser Stadt.

          Sirbu beim Plan-Studium in luftiger Höhe

          Turmbau von Boden bis Decke begleitet

          Radu Sirbu ist schwindelfrei und mit 52 Jahren kräftiger als manch ein Zwanzigjähriger. Wind, Sonne und Regen haben seinem Gesicht eine Farbe verliehen, die es nur erlangt, wenn es das halbe Leben draußen verbringt. In 35 Arbeitsjahren hat er sich schon manches Mal auf den Daumen gehauen, wohl auch mal einen Nagel verloren. Aber richtig schlimm verletzt war er nie. Dabei ist sein Arbeitsplatz voller Gefahren. Der rote Kran hebt einen Stapel mit Stahlstangen an. Sirbu führt das Funkgerät an den Mund und instruiert den Kollegen im Führerhäuschen mit knappen Kommandos. Im letzten Augenblick, die Last baumelt schon fast in Kopfhöhe am Haken, entfernt er mit zwei raschen Handgriffen ein Metallband, das sich gelöst hat. Aus einhundertzwei Meter Höhe kann das Stück zum Geschoss werden.

          Als im Februar 2007 die Baugrube ausgehoben wurde, war Radu Sirbu schon dabei. Vom Boden bis zur Decke hat er den Turmbau begleitet. Es ist sein Turm. Die Statik des Hochhauses gilt als anspruchsvoll, denn die Architektur spielt den Augen einen Streich. Mehrfach kippt die Fassade vor und zurück. Der „schiefe Turm von Frankfurt“ lästern manche Passanten wegen der schrägen Stützen. Für Sirbu ist der Turm trotzdem ein „ganz normales Gebäude“. Er hat selbst erlebt, wie die Fundamente gegossen wurden. „Das Gebäude steht sicher.“

          Morgens um sieben Uhr fährt Radu Sirbu mit einer Codekarte über den Scanner und betritt durch ein Drehkreuz die Baustelle. Das Bett in der engen Unterkunft in Griesheim, die er sich mit vier Kollegen teilt, ist da schon nicht mehr warm. Mit dem Lastenaufzug, der an der Außenseite des Rohbaus hängt, geht es rappelnd und klappernd hinauf. Auf der Baustelle ist er verantwortlich für einen kleinen Bautrupp. Sie setzen die Schalungen, in die von oben der Beton gefüllt wird. Mit Schraubzwingen befestigt er die Elemente, lässt dort Aussparungen für die Türen, wo sie der Bauplan verlangt. Eine Pumpe fördert den grauen Brei nach oben. Nach drei Tagen ist der Beton hart - und die Mauern für ein weiteres Stockwerk stehen.

          Baustelle fest in rumänischer Hand

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.