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Porträt : Der Turmbauer

Um halb zehn gibt es Frühstück, später dann eine Stunde Mittagspause. Um kurz nach fünf nimmt er die S-Bahn zurück in die Unterkunft. Abendessen kochen, fernsehen, schlafen. Viel Freizeit bleibt nicht. Manchmal, wenn sie noch nicht zu erschöpft sind, setzen sich die Kollegen noch ans Mainufer und trinken ein Bier. Nur am Wochenende haben sie Zeit; dann spielen sie gern Tennis oder Fußball. Manchmal gibt es auch etwas zu feiern. In die Frankfurter Clubs oder Kneipen gehen sie auch dann nur selten. Meistens bleiben die Männer im Wohnheim an der Erzbergerstraße.

Die Baustelle zum Büroturm ist fest in rumänischer Hand. Viele Bauunternehmen arbeiten wie die Firma BAM mit Subunternehmen zusammen, die auf osteuropäische Arbeitskräfte spezialisiert sind. 65 Rumänen ziehen den Büroturm hoch. Radu Sirbu ist bei dem rumänischen Subunternehmen festangestellt. 1992 hat er in Berlin seine erste deutsche Baustelle betreten. Er kam damals als sogenannter Kontingent-Arbeiter nach Deutschland. Zwei Jahre durfte er hier arbeiten, dann musste er pausieren. Der Rumäne ist einer von Tausenden Wanderarbeitern, die in Deutschland ganze Stadtteile, Krankenhäuser, Schulen und Einkaufszentren hochgezogen haben. Er baute schon in Stuttgart, mehrfach in Berlin und in München am Flughafen.

In 16 Jahren auf deutschen Baustellen ist Radu Sirbu hier nicht heimisch geworden. Das beginnt mit der Sprache und endet mit dem Gefühl. „Nur kleine Worte“ habe er gelernt, sagt er. Die Fachsprache hingegen versteht er gut. Begriffe wie „Aussparung, Oberkante, Unterkante“ prägen seinen Wortschatz. Im Alltag spricht er ohnehin fast nur Rumänisch. Fast alle Kollegen kommen aus unterschiedlichen Regionen seines Heimatlandes.

Warum er hier arbeitet? Früher, als die Löhne in Deutschland und Rumänien noch weit auseinanderlagen, hat sich Sirbu diese Frage nicht gestellt. Obwohl die Lebensbedingungen damals zuweilen lausig waren. Besonders die illegal Beschäftigten hausten auf deutschen Baustellen unter schlechten Bedingungen und wurden miserabel bezahlt. In Frankfurt aber könne er sich nicht beklagen. „Die Unterkunft ist gut“, sagt er knapp. Aus zwei Gründen hat es ihn immer wieder nach Deutschland gezogen. Da ist zum einen das Geld. „Bis jetzt war es für mich ein klarer Vorteil, in Deutschland zu arbeiten“, sagt er. Und wohl gefühlt habe er sich im Großen und Ganzen auch. „Es hat mir hier gefallen. Ich habe viel gelernt.“ Er denkt kurz nach. „Ich habe mich weiterentwickelt.“

Erschöpft der Blick, die Augen gerötet

Radu Sirbu steht mit 52 Jahren vor einer Entscheidung. Mitte Oktober steht der Rohbau des Turms. Dann wird er sich in seine Heimat verabschieden. Vielleicht für länger als den einen Monat jedes Halbjahr, den er gewöhnlich daheim verbringt. Vielleicht bleibt er diesmal dort. Für immer. Er denkt ernsthaft darüber nach, das Dasein als Wanderarbeiter aufzugeben und zurückzukehren. Denn in Rumänien wächst die Wirtschaft, die Löhne sind stark gestiegen. Auch in Bukarest gibt es große Bauprojekte. „Die Besten bleiben dort“, sagt Sirbu nachdenklich. Und zumindest auf der Frankfurter Baustelle ist er einer der Besten.

Und natürlich ist da noch die Familie. Seine Frau arbeitet als Ingenieurin in der Heimatstadt Braila. Bisher wechselten sie sich mit den Besuchen ab. Einmal im Halbjahr fährt er zu ihr. Alle zwei, drei Monate kommt sie für ein paar Wochen nach Deutschland. „Mir gefällt es hier. Und meiner Frau auch.“ Radu Sirbu ist einer von denen, die „Beton im Blut“ haben. Er hat als Zimmerer die Berufsschule verlassen, 1973 seine erste Baustelle betreten. Das Bauen liegt in der Familie. Nicht nur seine Frau ist im Bausektor tätig, auch der Sohn arbeitet als Bauingenieur - zurzeit auf Zypern. Doch ob die nächste Generation folgen wird, ist ungewiss. In Rumänien hat das Image des Bauarbeiters gelitten. Radu Sirbu hebt die Schultern: „Die jungen Leute wollen nicht mehr auf dem Bau arbeiten.“

An diesem Abend sieht er müde aus. Ein harter Tag geht zu Ende, mit Regen und Wind. Wetter zum Krankwerden. Radu Sirbu zieht seine braune Lederjacke an und schließt den Reißverschluss. Erschöpft ist sein Blick, die Augen sind gerötet vom Wind. In Griesheim wartet noch ein Glas Wein.

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