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Abitur-Zensuren in Hessen : Politische Noten

Erfolgreich: Nicht nur die aufmunternden Worte haben 2020 vielen Abiturienten geholfen, die Corona-Krise schulisch zu meistern Bild: Karsten Thielker

Das eigentliche Problem der auffallend guten Abi-Noten in Hessen ist nicht der Corona-Jahrgang, der tatsächlich eine Ausnahme darstellt. Das Problem ist der langfristige Trend zu immer besseren Bewertungen.

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          Man stelle sich vor, es wäre anders gekommen. Was wäre passiert, wenn sich der Abi-Schnitt in diesem Jahr nicht verbessert, sondern gegen den langjährigen Trend verschlechtert hätte? Wenn die Zahl der Eins-Nuller-Zeugnisse nicht nach oben geschnellt, sondern gefallen wäre? Es hätte einen Aufschrei unter den hessischen Abiturienten und ihren Familien gegeben. Erst seien sie unter diesen Umständen in die Prüfung gezwungen und dann noch dafür bestraft worden.

          Weil aber nicht sein kann, was nicht sein darf, sind nun alle zufrieden. Die Abiturienten, weil sie ein Zeugnis mit einer meist guten bis sehr guten Note in der Tasche haben, die Schulen, weil darüber so manche in der Corona-Krise zutage getretene Unzulänglichkeit in Vergessenheit gerät, und der Kultusminister, weil er sich weiteren Ärger vom Hals gehalten hat. Und alle zusammen freuen sich, dass die Prüfungen nicht, wie zwischendurch gefordert, verschoben wurden oder ganz ausgefallen sind, was im ersten Fall zu noch mehr Durcheinander und im zweiten zur einer kompletten Infragestellung des Abschlusses geführt hätte.

          Ablenkungen des Alltags

          Immerhin gibt es für die wundersame Notenverbesserung noch eine zweite, angenehmere Erklärung. Der Lockdown hat, das berichten viele Prüflinge, zu einer Fokussierung auf das Wesentliche geführt. In der entscheidenden Phase vor den Klausuren seien sie den Ablenkungen des Alltags weniger als sonst ausgesetzt gewesen. Hinzu kommt, dass auch viele Lehrer sich auf die Abschlussklassen konzentriert und sie mit allen Kräften unterstützt haben.

          Das eigentliche Problem ist mithin auch nicht der Corona-Jahrgang, der tatsächlich eine Ausnahme darstellt. Das Problem ist der langfristige Trend zu immer besseren Bewertungen, dem kein tatsächlicher Anstieg der Leistungen gegenübersteht. Mit der Schwemme der Einser-Abis versucht die Kultuspolitik vor allem, sich selbst ein gutes Zeugnis auszustellen. Den Schülern, die sich mit einem entwerteten Abschluss um eine Lehrstelle oder einen Studienplatz bewerben müssen, tut sie damit keinen Gefallen.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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