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Streit um Platensiedlung : Zwischen Begeisterung und Skepsis

Noch viel Grün in der Platensiedlung Ginnheim: Hier sollen allerdings 700 neue Wohnungen entstehen. Bild: Lukas Kreibig

Die Platensiedlung in Frankfurt soll ein neues Gesicht bekommen, es sollen dort 700 neue Wohnungen entstehen. Doch nicht allen Bewohnern gefällt das.

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          Unsicher blickt Chantal Noack auf die Simulationen des Architekten Stefan Forster. Die bunten Bilder zeigen ihr Zuhause, die Platensiedlung. Aber alles sieht ganz anders aus: Zwei Geschosse mehr auf jedem Haus, Torbauten, Kopfbauten und Tiefgaragen sind die Ideen des Architekten, der für die ABG Holding diesen Entwurf erstellt hat. Zurzeit stehen die schmalen Zeilenbauten parallel zueinander. Es gibt viel Luft und Grün. Der Platz soll genutzt werden: Nach Forsters Plänen werden 700 neue Wohnungen im nördlichen Teil der Platensiedlung entstehen.

          Theresa Weiß
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auf den Simulationen spielen Kinder in den neu gestalteten Innenhöfen, und Paare schlendern händchenhaltend über grünen Rasen. Noack zögert. Dann sagt sie: „Wenn das so wird wie auf dem Bild, dann wäre es super.“ Ihr ganzes Leben lang lebt die junge Frau schon in der Siedlung, und auch ihre zwei Kinder wachsen nun dort auf. „Es ist komisch, sich hier etwas anderes vorzustellen“, sagt sie. Aber die Pläne gefallen ihr. Trotzdem hat sie sofort viele Fragen: Muss sie ausziehen? Werden die Mieten erhöht? Wie lange werden die Baumaßnahmen dauern? Ein paar Antworten gibt es schon.

          Große Grünflächen werden kaum genutzt

          Frank Junker, Geschäftsführer der ABG Holding, sichert zu, dass die Mieten durch die Modernisierung nicht steigen würden. Auch müssten die Bewohner zu keinem Zeitpunkt ausziehen. Im Sommer werden die Mieter über alle weiteren Details informiert. Junker ist es wichtig, Missverständnisse zu vermeiden. Vielleicht hat die ABG aus ihrem Projekt in Niederrad vor einigen Jahren gelernt. Damals sollte das Mainfeld umgestaltet werden. Die Bewohner wehrten sich jedoch entschieden gegen die Modernisierungspläne. Sie hatten Angst, dass sie ihre Wohnungen verlieren oder sich die neue Miete nicht leisten könnten. Die Wohntürme wurden daraufhin nicht abgetragen und durch flachere Bauten ersetzt, sondern nur saniert.

          Die Grünflächen, die hinter den Häusern in der Platensiedlung liegen, werden zurzeit kaum genutzt, sagt Chantal Noack. Ballspielen sei verboten. Und besonders einladend findet sie die Wiese nicht. Eine neue Gestaltung finde sie deswegen richtig, selbst wenn es durch die Bebauung enger würde.

          „Es ist ruhig und grün – hoffentlich bleibt das auch so“

          Eine Querstraße weiter gönnt sich eine Anwohnerin gerade eine kleine Mittagspause auf ihrem Balkon im Parterre. Sie trinkt Kaffee und zieht an einer Zigarette. Hinter ihr flattert eine türkische Fußball-Fahne. Einen Balkon wird sie nach den Umbaumaßnahmen nicht mehr haben, dafür aber einen kleinen Gartenanteil. „Ich bin zufrieden, so wie es ist“, sagt sie. „Hier hat man ein bisschen Platz, es ist grün und man hat freie Sicht, man müsste nichts ändern.“ Sie deutet nach oben.

          Noch stehen die Häuser recht weit auseinander, mit den Anbauten wird es etwas enger werden. Die Vorstellungen des Architekten gefallen ihr – aber sie ist auch skeptisch: „Das ist eine schöne Idee, wenn es dann auch wirklich so aussieht.“ Warum die ABG neue Kopfbauten möchte und nicht die Dachgeschosse ausbaut, versteht sie nicht. „In den Dachgeschossen gibt es Wohnungen, aber fast alle stehen leer – die könnte man doch erst mal vermieten.“

          Andere in der Platensiedlung sind begeistert von den Aussichten. Eine junge Mutter aus der Sudermannstraße strahlt regelrecht, als sie die kastigen weißen Gebäude sieht, in die sich die etwas verblassten Zeilenbauten verwandeln sollen. Sie findet sie modern und schick. Jetzt seien einige der Häuser schon etwas heruntergekommen, meint sie. Eine ältere Dame kann den Plan nicht verstehen. Sie wohnt schon 20 Jahre hier. „Ich fühle mich wohl und würde nichts ändern. Es ist ruhig und grün – hoffentlich bleibt das auch so.“ Dass es mehr Wohnungen geben soll, findet sie aber gut. Auch Chantal Noack kennt viele, die bezahlbaren Wohnraum suchen. Wenn mehr günstige Wohnungen in der Platensiedlung entstünden, sei das gut. Nur vor den Bauarbeiten graut es ihr: „Das wird sicher laut.“ Bis es so weit ist, dauert es jedoch noch etwas: Erst 2019 soll der Umbau fertig sein.

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