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Pilotversuch in Frankfurt : Das Paket kommt mit der Straßenbahn

  • -Aktualisiert am

Besser für die Umwelt: die Paketauslieferung mit der Bahn Bild: dpa

Werden Pakete bald mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ausgeliefert? Die Tauglichkeit hat jetzt ein Pilotprojekt untersucht. Und zeigt: Die Zustellung birgt zwar höhere Kosten, aber deutlich geringere Kohlendioxid-Emissionen.

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          Wenn Pakete erst mit der Straßenbahn und dann mit Lastfahrrädern ausgeliefert werden, reduziert sich der Kohlendioxidausstoß einer Studie zufolge um mehr als die Hälfte im Vergleich zur herkömmlichen Lieferung mit Kraftfahrzeugen. Die Variante mit den Trams habe sich in einem Pilotversuch in Frankfurt zudem als „erstaunlich wirtschaftlich“ erwiesen, schreiben die Autoren der in diesen Tagen veröffentlichten wissenschaftlichen Untersuchung. Die Zustellung per Straßenbahn koste den Kurierdienst im Schnitt 1,93 Euro je Paket, die Belieferung mit einem Transporter vom Depot bis zur Haustür 1,65 Euro. Dabei seien externe Kosten durch Umweltverschmutzung und Staus wegen zu vieler Kleintransporter auf den Straßen nicht einmal eingerechnet, sagt Kai-Oliver Schocke, Professor im Forschungslabor für Stadtverkehr (Research Lab for Urban Transport) an der Frankfurt University of Applied Sciences.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die CO2-Emissionen seien durch den Einsatz einer Straßenbahn im Test um 57 Prozent verringert worden, heißt es in der Studie. „Wenn 89 Fahrten pro Tag auf die Schiene verlagert würden, könnte man 199,78 Tonnen CO2 im Jahr einsparen; das entspricht dem Ausstoß von 77 Autos mit einer Jahreslaufleistung von 13.500 Kilometern“, ergänzt Schocke. Das Team des Forschungslabors analysierte während der viertägigen Testphase im April vergangenen Jahres, inwieweit die Straßenbahn bei der Paketzustellung in der Frankfurter Innenstadt helfen könnte. Partner bei dem Vorhaben waren die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) und der Kurier-Express-Paketdienst Hermes.

          An vielen Standorten geeignet

          In dem Pilotversuch belieferte Hermes die Tram aus einer Lagerhalle in Griesheim mit Elektrotransportern und verwendete dafür Boxen, die passend für zwei Lastenradmodelle waren. Beladen wurde die Straßenbahn im VGF-Betriebshof Gutleut. Von dort aus gingen Sonderfahrten während der verkehrsarmen Zeiten zur Straßenbahn-Wendeschleife an der Messe, wo wiederum Kuriere mit Elektrolasträdern die Boxen mit den Paketen übernahmen und sie den Empfängern zustellten.

          Der Test habe gezeigt, dass das Frankfurter Straßenbahnnetz für den Warenumschlag an vielen Standorten geeignet sei, so das Fazit der Forscher. Entscheidend sei, dass der Fahrgastbetrieb durch die Paketbeförderung nicht gestört werde. Daher kämen besonders Linien und Haltestellen mit geringer Taktdichte in Frage. Bei dem Pilotversuch seien in der Logistik-Tram keine Personen befördert worden, weil das nicht erlaubt sei. Außerdem fanden die Bahnfahrten außerhalb der Stoßzeiten statt, um das Einfädeln in den Regelbetrieb zu erleichtern. Projektleiter Schocke ist dennoch überzeugt, dass sich der Pakettransport per Straßenbahn auch im Praxisbetrieb bewähren würde.

          „Die Corona-Krise heizt den Paketboom noch einmal an“

          Der Interessenverband Allianz pro Schiene setzt sich angesichts des verringerten Schadstoffausstoßes jedenfalls für den in Frankfurt getesteten Ansatz ein. „Die Corona-Krise heizt den Paketboom in Deutschland noch einmal an“, heißt es in einer Stellungnahme zu der Frankfurter Studie. Die Politik müsse den umwelt- und menschenfreundlichen Transport per Straßenbahn und Lastenrad fördern, um die Innenstädte zu entlasten und das Klima zu schützen. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hatte jüngst die Möglichkeit ins Spiel gebracht, für den Transport von Paketen auch U-Bahnen einzusetzen.

          Bevor ein Pakettransport per Straßenbahn in großem Stil möglich sei, müssten allerdings noch einige juristische Fragen geklärt werden, heißt es in der Studie. Derzeit sei es rechtlich nicht möglich, Personen und Güter zusammen in einer Bahn zu transportieren. Darüber hinaus müsse geregelt werden, wer zu welchem Zeitpunkt für Schäden hafte und ob es sich bei einer Güter-Straßenbahn um ein privates oder ein öffentliches Projekt handele. Nicht zuletzt müssten Abstellflächen für Lasträder sowie für die Zwischenlagerung der Transportboxen mit den Paketen gefunden und alle Abläufe nahtlos in den Fahrplan integriert werden.

          Reduzierung der Lieferfahrzeuge

          Lasten-Straßenbahnen werden der Frankfurter Studie zufolge schon erfolgreich in Dresden, Zürich und Kyoto eingesetzt. In Zürich wird die Tram zur Entsorgung von Sperrmüll und Elektrogeräten genutzt, in Dresden wird ein VW-Werk mit Fahrzeugteilen aus dem unternehmenseigenen Logistikzentrum beliefert, in Kyoto können die Bahnen manche Paketzustellung durch Lastwagen ersetzen. Mehrere Versuche mit Güterstraßenbahnen in anderen Städten sind indes wegen zu hoher Investitions- und Betriebskosten gescheitert.

          Aus Sicht der VGF kann der Transport von Gütern auf der Schiene die Emissionen im Wirtschaftsverkehr senken. Die vorhandene Infrastruktur ermögliche es, die Anzahl von Lieferfahrzeugen, besonders in der Innenstadt, zu reduzieren. Darüber hinaus biete sich durch den Einsatz einer Gütertram die Möglichkeit, ein neues Geschäftsfeld aufzubauen. So könnten die Schienenwege auch in den verkehrsschwächeren Nebenzeiten (9 bis 13 und 19 bis  2Uhr) besser ausgenutzt werden.

          Hermes wiederum sieht die Möglichkeit, den Verkehr in der Innenstadt zu reduzieren, und erhofft sich dadurch wiederum eine Imagesteigerung. Teile der Stadt könnten mit der Kombination von Auto, Straßenbahn und Elektrolastenfahrrad beliefert werden, heißt es bei dem Paketdienst. Lasträder könnten jederzeit auch in Fußgängerzonen fahren, die für Autos nur zeitlich begrenzt erreichbar seien. Die Verfasser der Studie sehen aber auch Chancen für andere Unternehmen wie Bäckereien. Die Bäckerei Kaiser beispielsweise lege großen Wert auf alternative Zustellmöglichkeiten und beurteile eine Belieferung auf dem Schienenweg grundsätzlich positiv.

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